Full text: Hessenland (1.1887)

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mauer gesessen und er hatte sein Vesperbrod mit ihr 
etheilt; denn Kathrinlies war gewöhnlich hungrig, 
a ihre Eltern nur arme Taglöhnersleute waren, 
die spät Abends heimkehrten. Der alte Vater 
des Hannes dagegen war ein ansässiger Meister, 
der für alle Bedürfnisse des Hannes, wenn auch 
schlecht und recht Sorge trug. Damals hatte 
der Hannes oft die Arme geneckt und stolz auf 
die kleine Kathrinlies geblickt, „Na wart, Kathrin- 
tes, wenn ich groß bin, sollst du's besser haben, 
)ann wirst du meine Frau und meine Hände 
chaffen für uns zwei. Gut ist arbeiten für den, 
>en man lieb hat." Damals hatte sie Freude 
gehabt an seinen ehrlichen Augen. — Wie lange das 
her zu sein schien! ach, und wie war Alles, Alles 
so anders! Und gerade wie früher tanzen die 
Kinder in der Straße und singen: 
»Blauer blauer Fingerhut 
Ist der Jungst«« Ehrcngut." 
Alles wie sonst und doch nichts, denn über 
Allem liegt das graue Sterbetuch der todten 
Unschuld. 
Da drüben saß der. Hannes und zog den 
Faden durch das Pech und pfiff das alte Stück 
lein, das sie bereits als Kinder zusammen ge 
sungen und dessen Endvers lautet: 
»Möcht streiten, wandern, werben — 
,J' weiß nit, wos i' will, 
,J' möcht am liebsten sterben, 
»Dann wür's auf einmal still." 
Die Melodie pfiff der Hannes, und die Augen 
der Kathrinlies klammerten sich an ihn fest; denn 
mit seinem redlichen Gesicht stieg die Kinderzeit 
vor ihr auf, und das verscherzte Glück winkte 
ihr schmerzlich zu. 
Da hob auch der Hannes die lebhaften, kleinen 
Augen empor, und als sie so auf die Kathrinlies 
fielen, welche in ihrer hübschen Mütze mit der 
weißen Schürze blank und glänzend in der Haus 
thür stand, fuhren tausend Teufel des Spottes 
über sein Gesicht. Im Nu riß er den lahmen, 
klirrenden Fensterflügel auf und rief mit seiner 
gellenden Stimme über die Straße, dem Mädchen 
zu: He, Kathrinlies Grafen und Barone, 
Grafen und Barone!" 
Der Hannes wußte nicht, daß das Kind der 
Kathrinlies gestorben war, und ohne daß er es 
wußte, ging es ihm wie ein Messerstich durch 
die Brust, als sie mit einem langen verzweifelten 
Blicke ihn anschaute, feuerroth ward, die weiße 
Schürze vor das Gesicht schlug — und dann 
schwankend die enge Gasse entlang ging, bald 
hüben, bald drüben wie eine Berauschte. Er schloß 
ganz sachte das Fenster, und als er auf seinen 
Schemel zurückkehrte, sagte der kleine, einfältige 
Lehrjunge, der eben ein Paar alte Stiefeln mit 
Studentenpatentwichse zu ihrem ursprünglichen 
Glanze zurückzubringen trachtete: „I wo Meister, 
ihr seht ja schneeweiß aus im Gesichte, wie der 
Tod Wem." 
„Kehr vor deiner Thür!" schrie Hannes, der 
selbst seinem Lehrjungen nie ein Wort schuldig 
blieb. „Du hast dich nichts um meine „Provat-" 
Angelegenheiten zu kümmern." 
Hannes ging an diesem Abend früher schlafen, 
als es sonst wohl seine Gewohnheit; er hätte heut' 
nicht im Wirthshaus sitzen können, unter den 
lärmenden Genossen. Er wälzte sich im Bette 
herum und fand keinen Schlaf. Immer sah er 
die Kathrinlies, die er einmal so gern gehabt, — 
so gem, daß er ihre Schmach nicht verwinden 
konnte, wie sie da drüben stand in ihrem bunten 
Staat und er merkte an ihrem todestraurigen, 
verlassenem Gesicht, daß sie ärmer war als je 
und einen Freund nöthiger hätte als je. „Aber 
wer will solcher Dirne Freund sein?" zürnte er 
und ballte die groben Fäuste auf der Decke. Am 
nächsten Morgen sah er, wie ein kleiner, weißer 
Sarg in das Haus gegenüber getragen wurde; 
da riß er das Fenster auf. Die Alte lehnte in 
der Hausthür, an derselben Stelle wo gestem 
Kathrinlies gestanden. 
„Heda!" schrie er, „Marthens Tante, „wem 
ist denn ein Kind gestorben?" „'s ist der Kathrin 
lies ihres!" entgegnete das Weib geringschätzig. 
„Die Dirn' könnt' froh sein daß sie der Bürde 
ledig, und nun thut sie, wie ungescheidt. 
(Schluß folgt.) 
Aus alter und neuer Zeit. 
Eine Stimme über Hessen aus dem Jahre 
18 l S. Die vortreffliche und ihrer Zeit sehr an 
gesehene Zeitschrift »Rheinisch er Merkur"*) brachte 
im November 1815 einige Artikel »Bemerkungen 
*) Herausgegeben von Joseph Görres, nach seinem 
ersten Erscheinen im Jahre 1814 von Napoleon selbst die 
fünfte Großmacht der Koalition genannt. 
auf einer Reise durch das Kurfürstenthum Hessen", 
in welchen die Zustände dieses Landes in sehr zu 
treffender Weise geschildert werden. 
Nachdem der Verfasser das hessische Volk als ein 
rechtes und kräftiges bezeichnet, dem nur der weise 
Anstoß von oben gefehlt habe, um den in ihm liegenden 
Keim zu etwas Tüchtigem schön und lebendig zu 
entwickeln, läßt er «ns erkennen, wie richtig er den
        

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