Full text: Hessenland (1.1887)

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Hünde ballten sich — dann die Arme wie im 
Krampfe emporschleudernd, stürzte sie an der 
Alten vorüber aus ihr Kind zu. 
Ein starrer Blick in das müde, winzige Ge- 
fichtchen, ein heißeres, kurzes Röcheln, — ein 
wahnsinniger Aufschrei — und sie riß die kleine 
Gestalt aus ihrer Ruhe empor, suchte sie an 
ihrer Brust zu erwärmen, öffnete mit zitternden 
Fingern die kalten, schweren Augenlider, flüsterte 
zärtliche Schmeichelnamen in die für immer 
tauben Ohren, beging alle die sinnlosen Thor 
heiten, die wir Menschen, Reiche und Arme, 
Gebildete und Ungebildete in leidenschaftlichem 
Schmerze, leidenschaftlichem Glücke begehen. Erst in 
diesem Augenblicke kam es dem wilden zerfahrenen 
Gemüth des armen Mädchens zum Bewußtsein, 
was es heißt, einem Kinde Mutter zu sein. 
Die ganze unsägliche Heiligkeit der gottgepflanzten 
Liebe, die sie mit diesem kleinen Wesen verband, 
stieg vor ihr auf, wie eine ferne Vision. So 
lange sie das Kind beseffen, hatte es sie gedrückt, 
als die Last einer nimmer tilgbaren Sünde und 
nun es todt, war es der Verlust unersetzbaren 
Glückes, reicher Quelle der Buße und der Gnade. 
„Es ist ja gar nit möglich, daß es todt ist," 
schrie sie, „es kann und darf nit sein, es bringt 
mich um!" 
In das schmerzlich wirre Gebühren der Ka 
thrinlies hinein tönte die harte Stimme der 
Alten: 
„Was greinst du nun? Ein leichtfertiges 
Geschöpf wie du sollte Gott auf den Knien danken, 
wenn Er die arme, kleine Seele bei Sich ver 
sorgt. Was in aller Welt, wolltest du mit dem Kinde 
beginnen, dumme Dirne? Spar' die Thränen! 
Du weinst nur dem armen Ding, das sowieso 
keine Mutter gehabt hat, das Todtenhemd naß. 
Dann hat's im Grabe nit Ruh. Du hast keinen 
Finger für es gehoben.... Soll nun dein 
Kino Nächtens über die dornigen Wege laufen 
ünd den schweren Thränenkrug schleppen?" 
Kathrinlies entgegnete nichts. Sie lag vor 
dem Bette auf den Knien und preßte die Schürze 
vor die Augen, denn so oft sie in ihres Kindes 
Gesicht sah, schien der halbgeöffnete Mund zu 
sagen: „Du hast mich ja selbst getödtet, meinen 
Tod gewünscht, du Elende!" 
Die Alte schüttelte sie derb an der Schulter. 
„Alles Jammern und Klagen hilft Nichts, das 
merk dir. Besser freilich wär's gewesen, wenn's 
niemals geboren worden wär." 
Da schrie Kathrinlies noch einmal laut und 
herzzerreißend auf. In diesen Worten lag ja 
der ganze Sündenschmerz, die ganze Reue ihres 
Herzens. 
Ihr Kopf sank so schwer auf die harte Spanne 
des Bettes, daß es einen dumpfen Laut gab. 
So blieb sie regungslos durch einige Minuten, 
während die Alte ihren Kaffee weiter trank. 
Dann stand Kathrinlies auf, biß die Zähne 
zusammen, daß sie knirschten und ohne noch einen 
Blick auf die Leiche ihres Kindes zurückzuwerfen, 
taumelte sie nach der Thür. 
„Ich werd' das Begräbniß bezahlen, seid so 
gut, dafür zu sorgen," sagte sie tonlos. 
„Sollen die Glocken geläutet werden?" 
„Nein, nein, nur kein Geklinge. Aber laßt den 
Pfarrer mitgehen und sorgt dafür, daß ein Gebet 
gesprochen wird am Grabe." 
„Nicht einmal die Glocken!" keifte die Alte 
„das könntest du schon noch an dgs Würmlein 
hängen." 
Alles wollen die Armen vermissen, nur nicht 
das Glockenläuten, wenn sie hinausgetragen werden. 
Nach den Gebeten fragen Wenige aber das 
Klingen, das dem Sarge folgt, das weckt ja 
fragende Stimmen: „Wen begraben sie dort?" 
So dunkel des Menschen Leben auch war, er 
möchte doch, daß nach seinem Tode sein Namen 
noch genannt werde. 
Kathrinlies ging die steile, schlüpfrige Treppe 
der Hütte hinab, und als sie auf dem Flur 
angelangt war, stand sie noch ein paar Minuten 
still und lehnte sich mit dem Rücken an 
die Wand. Ihr schien, als müffe sie ihre 
Züge noch in Ordnung bringen, ehe sie auf die 
Straße trat unter die Leute. Aber sie wollten 
sich nimmer in die alten, gleichgültigen Falten 
bequemen. Jedoch, es half nichts, sie mußte 
heim zu der Herrschaft, die nicht wissen durfte, 
wie sehr sie sich aufgeregt. Als sie unter das 
Hausthor trat, sah sie mit ihren starren, glanzlos 
vor sich hin gerichteten Augen gerade in die 
Werkstatt des Schusters. Da saß der krumme 
Hannes, auf dem wackeligen Dreibein balancirend, 
und flickte ein Paar riesige, ausgetretene Pan 
toffeln. Der Hannes war in der ganzen Straße 
verschrieen, weil er als Rechthaber und Besser 
wisser galt. Man konnte keine drei Worte mit 
ihm reden, ohne daß Einem eine Grobheit 
wider die Stirne stieß. Daß diese Grobheiten 
gewöhnlich nur unverhüllte Wahrheiten waren, 
konnte ihn nicht beliebter machen, die schmerzenden, 
ätzenden Grobheiten, welche der Mensch seinem 
Nebenmenschen nicht verzeiht, sind fast immer 
Wahrheiten. 
Seltsam, daß sie heute daran denken muß, 
wie er sie auf den Armen herumgeschleppt, als 
sie ein hilfloses, heulendes, kleines Ding war. 
Später, da sie in die Armenschule ging, beschützte 
er sie vor den Angriffen wilder Knaben. O>ft 
hatten sie zusammen im Zwielicht auf der Stadt
	        

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