Full text: Hessenland (1.1887)

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lus engem Khal. 
Aovellelke v. 33*. Herberk. 
(Fortsetzung.) 
Mkie Armuth hat's besser auf dem Lande, als in 
N» der Stadt. Eng und schmutzig war die Gasse, 
Gj das sogenannte „hinterste Eisfeld" im alten 
Melsungen. Das Haus hing wie ein verregnetes 
vorjähriges Vogelnest an der bröckelnden, gras 
bewachsenen Stadtmauer.. Ein Düngerhaufen 
lag neben der nach uraltem Brauch schräg in 
der Mitte getheilten Hausthür. Ringsum Traurig 
keit und Armuth. Im Häuschen nichts besser. 
Die feuchten Wände waren von dem Rauch der 
offenen Feuerstätte auf dem Gang mit einer 
dicken, glänzenden Rußtapete überzogen. Wenn 
nun gar die Sonne kam, die helle, glänzende 
Sonne, welche die Schönheit noch tausendmal 
chöner macht und den Schmutz so grausam 
chonungSlos hervortreten läßt, dann strahlte sie 
»urch die staubigen, papierverklebten Fensterscheiben 
auf den Lehmboden des Zimmers, zerfetzte Stroh 
stühle und den viereckigen, graurothen Ofen. Sie 
warf einen jener verächtlichen, mißmuthigen Blicke, 
die ihrem freundlichen Antlitz so schlecht stehen, 
auf die schwarzen Spinneweben, die von der 
niederen Decke herabhingen und zerrte geflissent 
lich den Staub aus den Ecken. Sie umränderte 
die Löcher in den Lehmwänden mit gelbem Licht 
und Mes, was sie that, sah aus wie Hohn. Ja, sie 
scheute sich nicht einen flimmernden, goldenen Strahl 
über die mit einem groben Tuch bedeckte Lagerstätte 
zu breiten. Dort ruhte die kleine blasse, zu 
sammengesunkene Gestalt eines todten Kindes. 
DaS bleiche Gesichtchen mit den tiefeingesunkenen 
Augen sah alt aus, als sei bereits eine Erfahr 
ung darüber hingeglitten. Die herbste aller Er 
fahrungen, welche Menschen machen können, hatte 
in der That dieses kleine Geschöpf erlebt, seine 
eigene Mutter hatte es verlassen, geopfert. 
Die Nahrung, die Pflege, die Liebe, die sie ihm 
schuldete, hatte sie für Geld an ein fremdes Kind 
verkauft. Die Erhaltung eines reichen, geliebten 
Lebens hatte, wie schon so oft, ein armes, kleines, 
kümmerliches, gekostet. Neben dem kleinen Todten 
saß die Pflegerin und trank Kaffee aus einer 
zerbrochenen Schale. Die Frau stammte aus der 
untersten Volksschicht, gehörte zu jenen Parias, 
wie sie leider in den kleinen Städten Hessens 
nur allzureichlich vertreten sind. Geboren von 
Bettlern, in engen schmutzigen Straßen, wo das 
Elend der Nachbarn sich gegenseitig erhöht, 
unter Noth und Fluchen zum Beiteln erzogen, 
in den Fabriken untauglich gemacht für 
richtige Arbeit in Haus und Feld, von 
schlechtem niedrigen Beispiel umgeben, ist es 
Vielen dieser Aermsten fast unmöglich gemacht, 
anders zu werden als sie sind. Die Frau sah 
unrein und verkommen aus, sie trug die hohe 
Kattunhaube der Melsunger alten Frauen. Ihr 
Gesicht war wie ein verschrumpftes Stück Per 
gament, auf welches eine unleserliche Hand ver 
worrene Schriftzeichen geworfen. Rembrandt 
hat solche Gesichter mit seiner dunkelen Farben 
abtönung idealisirt, aber im grellen Licht des 
Lebens wird man zu sehr an die Räder erinnert, 
welche die tiefen Furchen zogen. 
Gegenwärtig bewegt die Frau in vergnügtem 
Zwinkern die Augen: 
„Ein Kind weniger, eine Sorge weniger!" 
Der Tod eines ernährenden Hausthieres ist 
diesen auf der untersten Stufe der menschlichen 
Gesellschaft Stehenden weit schmerzlicher als der 
eines Menschen. 
Im Gebühren der Alten zeigte sich nichts von 
jener Feierlichkeit, mit welcher man in der Nähe 
eines Verstorbenen leiser sich bewegt und ge 
dämpfter spricht, ja, in ihrer Gleichgiltigkeit lag 
ein gewisses, zufriedenes Behagen. Eben jetzt 
öffnete sich die knarrende Stubenthür und Kathrin 
lies, die Mutter des todten Kindes trat ein. 
Die Frau, welcher sie diente, hatte ihr zum Aus 
tragen des Kindes ein hübsches, coquettes Bauern- 
costüm verfertigen lassen, eine spitze Mütze, 
freilich eine schwarze — denn die rote hatte sie 
verwirkt — saß auf den Haaren, sie trug eine 
blinkende, weiße Schürze auf dem kurzen Schwälmer- 
rock. In dem Gesicht der Kathrinlies jedoch 
war keine Freude mehr an dem zierlichen Anzug, 
es fraß ihr etwas am Herzen und zehrte Tag 
und Nacht, sie krankte am Weh um ihren ehr 
lichen Namen. Aber es schien, als freue sich die 
Sonne über ihre hübsche, blitzblanke Erscheinung 
und die glänzenden schwarzen Haare, die sich so 
üppig um die Stirne legten. 
„Kathrinlies," sagte die Alte, ihr entgegen 
gehend, „du hast mehr Glück als Verstand. Der 
Wurm ist endlich todt." 
Mit ihrer häßlichen, knöchernen Hand hob sie 
den Kattunvorhang, der die arme, kleine Leiche 
halb verdeckt hielt, daß die Kathrinlies mit einem 
Blicke überschaute, was geschehen war. 
-Wie auf'einen Schlag wich die Farbe aus des 
Mädchens Wangen, Kathrinlies blieb für einen 
Moment wie angewurzelt stehen, ihre Augen 
schienen aus den Höhlen treten zu wollen, ihre
        

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