Full text: Hessenland (1.1887)

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sehbarer Zeit verlieren oder gar daß binnen Jahres 
frist die alten Verhältnisse in Deutschland wieder 
hergestellt sein würden, daran dachte damals be 
kanntlich Niemand, wenn auch einige Vaterlands 
freunde an der Zukunft Deutschlands noch nicht ganz 
verzweifelten. Der Großherzog von Baden war mit 
dem allmächtigen Kaiser verschwägert, dem Namen 
nach sein Bundesgenosse, in Wahrheit sein Präfekt. 
Mit dem Kurfürsten betrachtete sich Napoleon im 
Kriegszustände, das Vermögen des verbannten Fürsten 
nahm er in Beschlag, wo er es fand. Baden, als 
Schuldner des Kurfürsten, mußte nur insofern die 
Entdeckung fürchten, als es das ganze Kapital an 
Napoleon zahlen mußte- wenn dieser Kunde erhielt, 
es zahlte aber alsdann doch nur, was es schuldete 
und hatte nach der damaligen Anschauung der Ver 
hältniffe nochmalige Zahlung an den Kurfürsten 
nicht zu fürchten. Außerdem konnte es nicht ohne 
Grund hoffen, von Napoleon einen Nachlaß zu er 
halten. Der Kurfürst dagegen war viel schlimmer 
daran, er verlor im Falle der Entdeckung sein ganzes 
Geld ohne damals auf Ersatz hoffen zu können. Aus 
diesem Grunde mußte der Kurfürst geneigt sein, die 
Sache heimlich zu ordnen und zufrieden sein, wenn 
er nur etwas erhielt. Daß die Unterhandlungen 
durch Zwischenhändler geführt wurden, war von der 
Nothwendigkeit geboten und deßhalb üblich. Es 
wurde viel Geld damit verdient, wie denn nament 
lich der alte Rothschild wohl mehr durch solche Ge 
schäfte, als durch Nehmen von hohen Zinsen den 
Grund zum Reichthum seines Hauses gelegt haben 
wird. Das Mittel, durch welches Reutlinger den 
Kurfürsten zu bestimmen suchen mußte, war danach 
von selbst gegeben. Er wies einfach darauf hin, 
daß der Kurfürst gar nichts bekomme, wenn den 
Franzosen Kenntniß von der Sache gegeben würde. 
Die Vorspiegelung, Baden habe bereits an Napoleon 
bezahlt, hätte der Kurfürst dagegen nicht verstehen 
können, denn dann hätte für Baden jeder Beweg 
grund gefehlt, nochmals zu zahlen. Umgekehrt lag 
aber die Sache nach 1815. Zu einer Zeit, wo die 
Rechtsgelehrten über die Rechtmäßigkeit der während 
der Fremdherrschaft abgeschlossenen Rechtsgeschäfte 
heftig stritten, hatte Baden ein sehr erhebliches In 
teresse, Zahlung an Napoleon zu behaupten, weil es 
dadurch wenn nicht ganz von der Schuld loszukom 
men doch die Grundlage für einen billigen Vergleich 
sich zu verschaffen hoffen konnte. 
Diese allgemeinen Erwägungen werden nun er 
heblich unterstützt durch zwei Urkunden aus dem 
Nachlasse meines Großvaters. Die eine ist das 
Konzept eines Berichts meines Großvaters vom 
6. September 1821 an seine vorgesetzte Behörde. 
Er war wie alle Lieblingsdiener des am 27. Febr. 
1821 verstorbenen Kurfürsten bei dessen Nachfolger 
wenig in Gnaden und so wurde ihm schon bald 
nach dem Regierungsantritt des Nachfolgers von 
böswilliger Seite schuld gegeben, daß er sein Amt 
übel verwaltet habe. Aus der eingeleiteten Unter 
suchung ergab sich, nebenbei bemerkt, die völlige Un 
schuld des angegriffenen Beamten, jener Bericht be 
zieht sich aber speciell auf die hier in Rede stehenden 
Vergleichsverhandlungen mit Reutlinger über das 
badische Kapital. Die andere Urkunde ist der Ori 
ginalbericht meines Großvaters über den Reutlinger- 
schen Vergleichsvorschlag, datirt Prag 4. August 1812 
mit dem Marginalrescript des Kurfürsten vom 6. August, 
also höchst wahrscheinlich gerade derjenigen höchsten 
Entschließung, in Folge deren der Vertrag vom 
7. August 1812 abgeschlossen wurde. Aus der erst, 
genannten Urkunde ergibt sich, daß nicht Baden 
sondern der Kurfürst die Verhandlungen veranlaßte,, 
in der damals gewiß begründeten Unterstellung, 
er werde bei längerem Zuwarten gar nichts erhalten, 
ferner, daß Reutlinger geradezu mit Anzeigen bei 
der französischen Behörde gedroht hat, um den Kur 
fürsten zum Nachgeben zu bestimmen und daß der 
letztere gerade wegen der Gefahr gänzlichen Verlustes sich 
mit einer geringen Summe begnügte. Weder in dieser, 
noch in der Urkunde vom August 1812 ist die Behaup 
tung, das Geld sei an Napoleon bezahlt, auch nur 
angedeutet, im Gegentheil ergibt der Inhalt beider, 
daß diese Behauptung gar nicht ausgestellt gewesen sein 
kann. Bezüglich der Urkunde von 1821 geht dies schon 
aus dem Vorstehenden hervor; die andere von 1812 ent 
hält wörtlich folgende Stelle: «freilich ein sehr kleines 
«Äquivalent (nämlich die angebotene Vergleichssumme), 
«welches aber groß erscheint, wenn man die Kapitalien 
„als ganz verloren betrachtet, indem der Durch 
lauchtigste Herr Debitor (also Baden) als Schwieger« 
«söhn des Kaisers Napoleon bei einem Accord die 
«vortheilhaftesten Bedingungen erwarten darf". Dies 
hätte unmöglich gesagt sein können, wenn Reutlinger 
behauptet hätte, das Geld sei bereits an Napoleon bezahlt. 
Aus den Urkunden ergibt sich außerdem, daß der 
Herr Verfasser in Nr. 9, wenigstens über die Ver 
handlungen von 1812 sich im Irrthum befunden 
haben muß, denn inhaltlich meiner Urkunden war 
der zweite Kommissar neben meinem Großvater nicht 
Schminke, sondern ein österreichischer Advokat und 
kurfürstlicher Rath Kanka, die Forderung des Kurfürsten 
an Baden betrug nicht 1,200,000, sondern 1,300,000 
Gulden nnd die Bergleichssumme nicht 150,000 oder 
250,000, sondern 300,000 Gulden, der Vergleich 
bezog sich auch nicht bloß auf die badische, sondern 
gleichzeitig mit auf eine Löwenstein-Werthheimsche 
Schuld. Endlich war auch Reutlinger, den der Herr 
Verfasser in Nr. 9, ein «Individuum" nennt, groß- 
herzoglich-badischer Kammerrath *). 
Knatz- Amtsgerrchtsrath. 
*) Die beiden uns vorgelegten Urkunden enthalten das 
oben Dargestellte. Die von 1812 ist in Abschrift bei uns 
niedergelegt zu Jedermanns Einsicht. Die Originale jeder 
zeit vorzuzeigen hat sich der Herr Verfasser bereit erklärt. 
Die Redaktion.
        

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