Full text: Hessenland (1.1887)

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Denn solche Lieder besiinft'gen 
Den Puls, der so fiebernd geht, 
Und ähnlich find fie dem Segen, 
Der folget ans das Gebet. 
Dann lies ans dein Schatze des Buches 
Ein Lied mir nach Deiner Wahl, 
Und leihe dem Reime des Dichters 
Der schönen Stimme Schall. 
Und Musik wird die Nacht erfüllen, 
Und des Tages Sorge so reg', 
Gleich dem Araber falte» die Zelte 
Und leise schleichen hinweg. 
Es liegt in der Natur der Sache, daß sich 
in diesen Uebersetzungen das eigentliche 
Gemüthsleben und innerste Wesen Sophie's von 
Gilsa nicht scharf und hervorstechend zu erkennen 
giebt, doch gilt grade von ihr das Dichterwort: 
„daß zehnfach größer sie als ihre Lieder!" — 
Die herzgewinnende Freundlichkeit, die über ihre 
ganze Persönlichkeit ausgegofsen war, leuchtete 
nur hervor aus der außerordentlichen und 
seltenen Güte des Herzens, welche allen Be 
dürftigen, die ihr nahe kamen, zu helfen suchte. 
Was sie an Honorar für ihre literarischen Ar 
beiten erwarb, das wurde freudig und mit größter 
Zartheit unbemittelten Studirenden zugewendet; 
ja, ihr großartiges Wohlthun war so schranken 
los, daß sie sich selbst oft Verlegenheiten dadurch 
bereitete, und ihre ältere Schwester, die zur 
Würde einer Aebtissin aufgestiegen war, versuchen 
mußte, in dieser Beziehung allzu weitgehenden 
Ausschreitungen Grenzen zu ziehen. Doch Sophie 
von Gilsa war eine ganz und gar dem Idealen 
zugewendete Natur, und da sie nicht dachte, wie 
Jedermann denkt, um mit Shakespeare zu reden, 
so kann es uns auch nicht befremden, daß sie 
nicht immer in voller Harmonie mit ihrer Um 
gebung sich befand. Was immer sie mit ihren 
Mitmenschen verknüpfen mochte, als stärkstes Band 
erkannte sie nur eines: Verständniß. Sie kam mit 
den verschiedensten Typen und Gestalten in Fulda 
in Berührung, und wo sie geistigen Anklängen 
begegnete, da wurde ihr volles Interesse wach; 
mit enthusiastischer Anerkennung neigte sie sich 
den ihr geftnnungsverwandten Persönlichkeiten zu, 
ohne auf Geburt oder Stand zu sehen, und 
— mochte dies nun der dem Bürgerthum ent 
sprossene Arzt sein, dem trotz des kaustischen 
Zuges » la Mephistopheles ein Funke poetischer 
Begeisterung im Herzen glühte, oder mochte es 
das in grüner Einsamkeit aufgeblühte Försters 
töchterlein sein, in dessen träumerischer Seele die 
Flügel der Poesie sich leise entfaltet hatten, oder 
mochte es selbst ein hochbedeutender Kirchenfürst 
sein, wie der geniale Bischof Johann Leonard 
Pfasf —: Me erfreuten sich dankbar der Theil-; 
nähme und Werthschätzung einer so hohen und 
reinen Menschennatur wie Sophie von Gilsa 
sie war. 
Berfafferin dieser Skizze bewahrt einige Briefe, 
aus denen das liebenswürdige Bild der Dichterin 
überaus klar und erwärmend zu Tage tritt und 
sie kann sich deshalb nicht versagen, wenigstens 
einen davon mitzutheilen. Der Brief ist von 
Bad Nauheim datirt und an den vor mehreren 
Jahren in Fulda verstorbenen Medicinalrath 
vr. Schwarz, der in den vierziger Jahren Mit 
glied der kurhessischen Ständekammer war, ge 
richtet. 
„Sie haben, lieber Herr Medicinalrath, mir 
durch Uebersendung Ihrer perorirenden „Eintags 
fliegen" große Freude gemacht und ich sage 
Ihnen meinen innigsten Dank dafür. Ich glaubte 
Sie sprechen zu hören beim Lesen der schönen 
Gedichte und freute mich Sie selbst in ihren 
Produktionen wieder zu sinden. Wie man Louis 
Philipp den Bürgerkönig nennt, so wird man 
Sie als Bürgerdichterbegrüßen, denn Sie haben 
gewiß der in Ihrem Besitz bereits vorhandenen 
Maffe von Popularität eine bedeutende Dosis 
dieses nicht zu verachtenden Krautes zugefügt, 
indem Sie den Geist der Bevölkerung Fulda's 
so richtig aufzufassen und so veredelt wieder 
zugeben verstanden. 
Ihre gütigen Bemühungen hinsichtlich meiner 
Jugendschrift erkenne ich mit größtem Danke 
und wünsche gar sehr, jemals Gelegenheit zu 
haben, mich Ihnen auch gefällig erweisen zu 
können; an der Art, womit unsere Freunde 
uns dienen, sind dieselben zu erkennen, und ich 
bin stolz darauf, die Ihrige erkannt zu haben 
und im Besitz eines so gütigen Freundes und 
Gönners zu sein. Die Leute sagen zwar, Euer 
Gnaden hätten so ein Bischen Verwandtschaft 
mit Vetter Mephisto, das heißt nicht im bösen 
Sinne; wenn diese Verwandtschaft jedoch auf 
der andern Seite durch eines guten Genius 
Eigenschaften neutralisirt wird, so entsteht daraus 
ein ganz angenehmes Etwas, welches um so 
wohlthuender wirkt und erscheint, als es nicht 
gewöhnlich ist, denn nichts übt, wenigstens auf 
mich, einen so niederschlagenden Einfluß aus, 
als Alltäglichkeit, und nichts erhebt, belebt 
und erfrischt mich mehr als das Gepräge einer 
nicht ganz irdischen und materiellen Natur. 
Meine Gesundheit scheint vor der Hand auf 
dem besten Weg zur Besserung, und wenn Alles 
sich für die Folge so bewährt, wie es jetzt sich 
zeigt, so werde ich große Ursache haben, das 
Nauheimer Bad zu preisen; ich denke, Sie freuen 
sich mit mir, daß ich endlich Aussicht habe ein
	        

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