Full text: Hessenland (1.1887)

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ihren Fenster bereit zu haltenden Nachen zukommen. 
Die Befreiung ist dann auch auf diese Weise 
in der Nacht vom 10. auf den 11. Juni ge 
lungen, nach Angabe meines Vaters aber nur 
durch die Beihülfe des damaligen Kastellkom 
mandanten, des Majors Krupp, eines früheren 
kurhessischen Officiers. 
Giesewald und Schmalhans haben sich nicht 
lange der gewonnenen Freiheit erfreut, sie haben 
bald nachher auf den Schlachtfeldern Spaniens 
einen ruhmvollen Soldatentod als Officiere der 
englisch-deutschen Legion gefunden, während 
Berner noch ein höheres Lebensalter und eine 
angesehene Stellung in braunschweigschem Mili- 
tairdienst erreicht hat. 
Ein anderer Vorfall zu derselben Zeit hatte 
mit unserer Familie noch in näherer Beziehung 
gestanden. An dem Dörnbergschen Aufstand 
hatten sich auch zwei Commis meines Vaters, Söhne 
des Postmeisters in Homberg betheiligt, und einer 
derselben in solcher Weise, daß er vom Kriegs 
gericht zum Tode verurtheilt wurde. Als er auf 
dem Rücktransport aus dem Gouvernements 
gebäude am St. Martinsplatz, in welchem die 
Kriegsgerichte abgehalten wurden, nach dem Kastell 
Gelegenheit gefunden hatte, meinem Vater Nach 
richt zu geben, daß er am andern Morgen er 
schossen werden solle, eilte meine Großmutter, 
eine schon bejahrte, aber sehr energische Dame, 
zu dem ihr bekannt gewordenen, anerkannter 
maßen sehr milde und gerecht gesinnten, west 
fälischen Justiz-Minister Simeon, um bei 
ihm Hülfe zu suchen. Auf dessen Rath begab 
sie sich direkt in das Palais des Königs und 
es gelang ihr, diesen fußfällig um Gnade für 
den Verurtheilten zu bitten, die ihr dann auch 
alsbald gewährt wurde. Den zur Exekution 
bestimmt gewesenen Tag haben wir noch längere 
Jahre bis zum Tode meiner Großmutter als 
Familienfest gefeiert. Daran nahm der Ver- 
urtheilte, welcher nach Rückkehr des Kurfürsten 
zum Rentmeister ernannt war, jedesmal Theil. 
Als Beweis dafür, daß mein Vater auch in 
der westfälischen, für sein Kaufmanns-Geschäft 
so außerordentlich vortheilhaften Zeit seinem an- 
estammten Fürsten die Anhänglichkeit bewahrt 
atte, mag erwähnt werden, daß er bei einer 
auf Befehl Jerömes veranstalteten Auktion der 
von berühmten Künstlern herrührenden Bilder, 
welche hessische Regentenfamilien darstellten, eins 
der werthvollsten für mehrere hundert Thaler 
erstanden hatte, um es dem Kurfürsten bei dessen 
stets gehoffter Rückkehr in sein Land zu über 
reichen. Diese Ueberreichung ist dann auch seiner 
Zeit erfolgt und hat die Sache mit dem sehr 
gnädigen Dank des Kurfürsten sein Bewenden 
gehabt. 
Der mit der Rückkehr des Kurfürsten in Kaffe! 
eingetretene Rückgang in allen Geschäftszweigen 
hatte in der Lebensweise aller Handel- und Ge- 
werbtreibenden nothwendig eine große Aenderung 
herbeiführen müssen. Während in der west 
fälischen Zeit der leichte und große Verdienst 
und das von den eingewanderten Franzosen ge 
gebene Beispiel eines überaus üppigen und ver 
schwenderischen Lebens zu großen. Ausgaben für 
Vergnügungen aller Art und sonst reichlich ge 
botene Lebensgenüsse Anreiz und Verführung 
geboten hatte, waren jetzt Verhältniße eingetreten, 
welche namentlich alle Gewerbtreibenden zur 
größten Sparsamkeit nöthigten. Gar manche 
derselben sind aber zu dieser Erkenntniß nicht 
gekommen und bei vielen hat es noch eine ge 
raume Zeit gedauert, bis sie sich wieder an eine 
einfachere Lebensweise gewöhnt hatten. Eine 
etwas bessere Zeit für Handel und Gewerbe in 
Kassel war mit dem Regierungsantritt des 
weniger als sein Vater sparsamen und große 
Bauten anordnenden Kurfürsten Wilhelm II. 
eingetreten. (Schluß folgt.) 
ophie von Gilsa. 
Ich sah dich weinen. 
Ich sah dich weinen — Thränen sah 
Ich in des Auges Blau; 
Zm feuchten Glanze schien es da 
Ein Veilchen mit dem Thau. 
Ich sah dich lächeln und Saphir 
Verlor sei» glänzend Licht; 
Die Strahlen, die das Auge dir 
Beleben, hat er nicht! 
Den Wolken leiht die Sonne dort 
Die Farben sanft und tief, 
Kaum Abendschatten nimmt sie fort. 
Wenn längst der Tag entschlief. 
So strahlest du das eig'ne Glück 
Än's traurigste Gemüth: 
Dein Lächeln läßt ein Licht zurück, 
Davon das Herz erglüht. 
Lin hessisches Dichlerbilö von Jos. Grineau. 
(Schluß.) 
Lord Byron.
        

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