Full text: Hessenland (1.1887)

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MS einem 
Kasseler Kürgerhause vor 68 Fahren. 
Von W. Dogge -Ludwig. 
s ist ein gar inniger, seelischer Zusammen 
hang zwischen dem Kindheits- und dem 
Greisenalter. Je älter man wird, um so 
lieber versenkt man sich in Erinnerungen an die 
nm weitesten zurückliegende Zeit seines Lebens 
und während später oft viel wichtigere Ereignisse 
unserem Gedächtniß säst spurlos entschwunden 
sind, sind ihm solche aus der Kindheit um so 
lebendiger in Erinnerung geblieben. Es hat dies 
einen sehr natürlichen Grund. Die ersten Ein 
drücke waren als solche die stärksten und um so 
bleibender, als das Denken und Fühlen des 
Kindes noch vollständig von dem Vorkommniß 
beherrscht und noch nicht wie im späteren Leben 
gleichzeitig durch andere sein Gemüth bewegende 
Gedanken und Gefühle abgelenkt wurde. Es ist 
dies eine Erfahrung, die wohl jeder im höheren 
Lebensalter an sich selbst gemacht hat. 
Meine Erinnerungen reichen über 60 Jahre 
und in eine Zeit zurück, welche durch die in alle 
Verhältnisse des Lebens so tief eingreifenden Er- 
stndungen der letzten Jahrzehnte eine von der 
jetzigen so gänzlich verschiedene war, wie es bei 
einem gleichen Zeitraume wohl noch niemals der 
Fall gewesen ist. 
In meinen ersten Lebensjahren waren in meiner 
Geburtsstadt Kassel die Gemüther noch von der 
eben zu Ende gegangenen westfälischen Zeit und 
den Befreiungskriegen lebhaft bewegt. Er 
innerungen an die schmachvolle, für die Gewerb- 
treibenden Kassels aber so Vortheilhaft gewesene 
Zeit, als die Stadt die Hauptstadt eines Landes 
von 680 Quadratmeilen mit 2 Millionen Ein 
wohnern und die Residenz eines so überaus ver 
schwenderischen Königs gewesen war, bildeten noch 
tmtner den Hauptgegenstand der Unterhaltung. 
Dabei wurde aber auch die allgemeine Freude 
bei Rückkehr des Kurfürsten, welcher freilich bei 
dem Rückgänge aller Geschäfte und der in der 
Stadt eingetretenen Stille einige Ernüchterung 
gefolgt war, ebensowenig vergessen, als die große 
und allgemeine Begeisterung der Zeit der Be- 
freiungsmege. An diese letzteren erinnerten, wie 
fast in allen Familien, auch bei uns zahlreiche 
Bilder von den Helden dieser Kriege, sowie der 
in Kassel zuerst eingezogenen russischen Generale. 
Kaum minder zahlreich fanden sich daneben aber 
auch Bilder, welche zur Verherrlichung Napoleons 
dienten, namentlich bei allen denen, welche Unter 
seinen Fahnen gefochten hatten. Auch in unserer 
Kinderstube wurde die Erinnerung an ihn lebendig 
erhalten, aber nicht an seine Ruhmesthaten, sondern 
an seinen tiefen Fall. Wir hatten zum Spiel 
zeug einen großen Guckkasten, welcher nur Spott- 
bilder auf den einst so gewaltigen und gefürchteten 
Kaiser enthielt, so eins, auf welchem er von 
Blücher einen Nasenstüber erhält, und ein anderes, 
welches ihn auf St. Helena darstellt, wie er in 
großer Uniform eine mit Orden geschmückte Ar 
mee von Ratten kommandirt. Dabei erzählte 
uns dann unsere Wärterin gar viel von ihren 
Schicksalen und denen unseres Hauses in der 
westfälischen Zeit, von dem Ein- und Abzug 
der Franzosen, der französischen und der nachher 
noch viel schlimmeren russischen Einquartierung. 
Aus der westfälischen Zeit stammten bei uns 
zwei kostbare marmorne Büsten des Königspaares, 
welche wohl aus einem andern Grunde, als aus 
Verehrung für diese von meinem Vater erworben 
waren, da er auih in dieser Zeit seinen deutsch 
patriotischen Sinn mehrfach bethätigt hatte. 
Einen Fall dieser Art erzählt Lynker in seiner 
Geschichte der Insurrektionen wider das west 
fälische Gouvernement. Unter den im Jahre 
1809 wegen Theilnahme an der Dörnbergschen 
Verschwörung im Kasseler Kastell Verhafteten 
befanden sich auch drei meinen Eltern bekannte 
westfälische Officiere, die Lieutenants Berner, 
Giesewald und Schmalhaus. Da ihre Bewachung 
keine besonders strenge war, namentlich Speisen 
und Getränke aller Art ohne Schwierigkeit an 
sie gelangten, so gründete mein Vater hierauf 
den Befreiungsplan. In Weinkrügen ließ er 
ihnen Feilen und Scheidewasser zur Beseitigung 
der vor ihrer Zelle befindlichen Gitter und außer 
dem einen Strick zum Herablassen in einen unter
        

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