Full text: Hessenland (1.1887)

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Sein Nachfoger auf dem Hohentwiel wurde am 
11. Juli 1650, sein Vetter, der Hauptmann Johann 
Georg von Widerholt, Urenkel seines Großoheims 
Heinrich. Des Letzteren Sohn Reinhard hatte das 
Geschlecht aus Hessen nach Oesterreich verpflanzt und 
dessen Sohn Reinhard II. war der Vater des genannten 
Joh. Georg, welcher als eifriger Anhänger und Ver 
fechter der Protestantischen Sache, erst in schwedischen 
und dann auf Veranlassung seines Vetters Konrad 
in württembergischen Dienst getreten war. Auch 
dessen Sohn Johann Dietrich hat 23 Jahre die Stelle 
eines Kommandanten auf dem Hohentwiel bekleidet 
und dessen Urenkel ist Konrad von Wiederhold, gegen 
wärtig Königl. württembergischen Major a. D. 
Im aktiven württembergischen Militairdienst befindet 
sich gegenwärtig kein Mitglied der Wiederhold'schen 
Familie. 
Hessische Kücherschan. 
In de» Beiheften des von dem Obersten a. D. 
von Loebell in Berlin herausgegebenen Militair- 
Wochenblatts sind in diesem Jahre zwei Artikel 
erschienen, welche für Hessen von ganz besonderem 
Interesse sind. Die No. 6 dieser Hefte, welche auch 
einzeln im Buchhandel zu haben sind, enthält den 
Abdruck eines im vorigen Jahre von dem Major 
Wiebe des II. Artillerie-Regiments in der Monats 
versammlung des Geschichtsvereins dahier gehaltenen 
Vortrags über die Armee des Königsreichs 
Westphalen in den Jahren 1868 bis 1813, 
welcher seiner Zeit bereits gebührende Anerkennung 
in den hiesigen Blättern gefunden hat. Die Arbeit 
ist um so dankenswerther, als damit eine sach 
kundige, gründliche und umfasiende Darstellung der 
vortrefflichen Organisation der westphälischen Armee 
geboten wird. Bei der Kürze der für den Vortrag 
bestimmt gewesenen Zeit konnte auf die zwar kurze, 
aber so inhaltreiche Geschichte der einzelnen Regimenter, 
in welchen auch die Hcflen den Kriegsruhm ihrer 
Väter zu jeder Zeit bewährt haben, nur mehr im 
Allgemeinen eingangen werden. 
Für diese Specialgeschichte erhielten wir bereits in 
den Schriften der Mitkämpfer jener Zeit, in der 
Biographie des Generals v. Ochs und in den Briefen 
in die Heimath des Generals von Loßberg, umso 
werthvollere Mittheilungen, als sie Selbsterlebtes be 
richtete». Eine sehr werthvolle und hochinteressante 
Ergänzung haben diese Werke durch den jetzt in dem 
3. und 4. Heft des genannten Wochenblatts 
enthaltenen Artikel „Aus dem Leben des Kur 
hessischen Generallieutenants Bauer" er 
halten, in welchem namentlich ausführlich über 
die Schicksale des I. westphälischen Regiments 
und der zahlreich in demselben dienenden Hessen 
bei der ruhmvollen Vertheidigung der Festung 
Danzig im Jahre 1813 berichtet wird. Diese, von 
der berufensten Hand, dem Sohne des Verstorbenen, 
dem Generalmajor z. D. Bauer veröffentlichten Mit 
theilungen, sind umso wcrthvollcr, als der Inhalt 
des Artikels wesentlich in unmittelbar »ach den je 
weiligen Ereignissen in der Heimath geschriebenen 
Briefen seines Vaters besteht. In schlichter, einfacher, 
aber umso ergreifenderer Weise schildert dieser darin 
seine und seines Regiments kriegerische Thaten, Ge 
fahren und furchtbaren Leiden im spanischen Feldzüge 
des Jahres 1809, welchem er als Kapitain im 
4. westphälischen Regiment beigewohnt, und ebenso die 
nicht geringeren Leiden des I. Regiments bei dem 
Rückzüge aus Rußland und der Vertheidigung Danzigs 
in den Jahren 1812 und 1813. Bei der fast 
andauernden Krankheit des Kommandeurs, des 
Obersten Plaßmann, hatte Bauer während dieser beiden 
Jahre fast unausgesetzt das Kommando des Regiments 
und vielfach Gelegenheit, sich durch seine Umsicht und 
Tapferkeit, großen Kriegsruhm zu erwerben. Bon 
besonderem Interesse ist seine Beschreibung des von 
ihm am 4. September 1813 vertheidigten Blockhauses 
in Langfuhr, der Vorstadt Danzigs. Bis zum letzten 
Augenblick hatte er das nothdürftig als Blockhaus 
hergerichtete Gartenhaus mit der aus 75 Mann 
Bayern und Westphalen bestehende» Besatzung ver 
theidigt und sich dann, nachdem es in Brand geschossen 
war, mit den noch übrig gebliebenen 40 Mann nach 
seinen Leuten durchgeschlagen. Diese Leistung hat der 
berühmte Vertheidiger Danzigs, General Rapp, für 
die schönste militairische Leistung erklärt, die seit dem 
Beginne der Blokade geschehen sei. An der größten 
Anerkennung seiner kriegerischen Thätigkeit seitens der 
Franzosen hat es Bauer überhaupt nicht gefehlt, und 
wie solcher namentlich von General Rapp geschätzt 
wurde, zeigte sich, als es bei den Waffenstillstands 
verhandlungen im December 1813 den Westphalen 
freigestellt werden sollte, in ihre Heimath zurückzukehren. 
Bauer schreibt darüber seinem Bruder u. a: 
«Du karuist Dir denken, daß das ganze Regiment 
für Rückkehr in die Heimath war. Der Gouverneur 
stellte uns Officieren die Frage, ««nicht wahr, die 
Westphalen gehen alle mit nach Frankreich?"" und 
wendete sich, als alle schwiegen, an mich: ««Sie, Bauer, 
folgen mir doch gewiß? und als ich ihm hierauf 
antwortete:"" «Exellenz, das Schicksal meinerOfficiere 
ist mit dem meinigen zu genau verbunden, als daß 
ich je mit ihnen anderer Meinung sein könnte," wendete 
er sich, ohne ein Wort zu sagen, von «nS ab und 
entließ uns. 
Kaum hatten wir ihn verlassen, so wurde ich zu 
ihm zurückgerufen, er empfing mich mit finsterer Miene 
und sagte zu mir: «Ist es denn wahr, daß Ihre 
Officiere und auch Sie mich verlassen wollen?" und 
als ich ihm den Grund für unsere Entschließung aus- 
einander gesetzt hatte und sagte, daß er unS entschuldigen 
müsse, wenn er gerecht sein wolle, erwiederte er: 
«Halten kann ich Sie nicht, Sie aber wissen, wie ich
	        

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