Full text: Hessenland (1.1887)

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Mel« M«fe«r»K. 
Epistel an einen Freund. 
Nun höre, Freund! Ich will Dir nicht 
Die Antwort schuldig bleiben, 
Mein Musenroß, so wie es leibt 
Und lebet, zu beschreiben. 
Du denkst vielleicht, daß Eitelkeit 
Nun meine Feder schärfe. 
Und ich von einem Vollblut Dir 
Ein schmuckes Bild entwerfe. 
O nein! Lichtbrauner Art ist es, 
Wie auf den Angerrasen 
Der Heffendörfer, längs der Schwalm, 
Einheim'sche Stuten grasen. 
Nicht Schul- und nicht Paradepferd 
Kömmt es einher geschritten. 
Und ist nicht in der Hochdressur 
Nach Regeln zugeritten, 
Nicht ist's ein Renner, der windschnell 
In der Arena sieget; 
Nach güld'nem Ziele, wie der Pfeil 
Zum Ziel vom Bogen flieget, 
Und doch kann schnellster Renner Flug 
Sich nicht mit seinem messen, 
Hab' ich — sein Reiter — erst einmal 
Im Sättel ihm gesessen. — 
Wir wurden mit einander groß. — 
Ich habe es verstohlen — 
Ein Knabe noch — getummelt schon 
Als jung muthwill'ges Fohlen; 
Als Jüngling aber konnt' ich's nicht 
Verwinden und vermeiden, 
Vor Liebchens Haus am lichten Tag 
Es im Galopp zu reiten. — 
Die Striegel und Kartätsche spart' 
Ich nicht, sein Fell zu glätten, 
Zur reinen Streu nicht frisches Stroh, 
Das Müde weich zu betten; 
Ritt es noch öftrer in die Fluth 
Der Edder, es zu schwemmen; 
Pflegt' ihm allmorgentlich den Schweif 
Sammt Mähn' und Schopf zu kämmen. — 
Wir sattelten nur, eh der Tag 
Glüh in dem Osten lohte; 
Wann in dem West die Sonne sank 
Im Purpurabendrothe. 
Dann aber galt's auch hohen Muths 
Die Heimath zu durchreiten 
Thalein und aus- bergan und ab, 
Nach Längen und nach Breiten. 
Das war vom Maine bis zur Lahn 
Ein Lenken und ein Schwenken; 
Da mußte oft der Fuldafluß 
Mein durstig Rößlein tränken. 
Da ließ ich's weiden bald im Gras 
Hoch auf des Wiesners Alme, 
Bald in dem grünen Prachtgeländ 
Der Edder und der Schwalme. 
In manchem stillen Hessenforst, 
D'rin glattweiß stämm'ge Birken 
Waldwieschen, vom- und blumenreich, 
Mit Hängegrün umzirken, 
Ausruhten und genossen wir 
Im Schatten duft'ger Büsche 
Verschwiegene Waldeinsamkeit 
In echter Sommerfrische. 
Du glaubst kaum, Freund, wie so bekannt 
Dem Thier seit vielen Jahren 
Die Straßen all', die Schenken d'ran 
Und — meine Schwächen waren. 
Wo ein bemaltes Wirthshausschild, — 
Ein Kranz von grünen Tannen: 
Da hielt's von selbst im Gange an 
Und wollte nicht von dannen. — 
Und wo ein schmuckes Dirnchen gar 
Den Trank der Liebe schenkte: 
Zum Thorweg wie zur Einkehr es 
Die schlanken Glieder lenkte; 
Dann kündete's wohl jederzeit 
Mit schmettemd glockenhellen 
Und sreud'gen Wiehem alsogleich 
Den fahrenden Gesellen. — 
Wohl war mein Roß in Stadt und Dorf 
Und wo wir sonst geritten 
Im Heimathland — vom Volke gern 
Gesehen und gelitten. 
Und mußten wir auf unsrer Fahrt 
Auf lauter Köter treffen, 
Dann zog mein Rößlein stolz vorbei 
Und ließ die Köter kläffen. — 
Ach! träfe, Freundchen, das Genoß 
Je irdisches Verderben, 
Wär's wohl mein größter Seelenschmerz, 
Wär's wohl mein zeitlich Sterben! — 
Denn nur mit ihm und es mit mir 
Heißt für uns Beide: leben; 
Ein Andres kann's nicht in der That 
Für Roß und Reiter geben! — 
«Ludwig Mohr.
        

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