Full text: Hessenland (1.1887)

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selber todt ist. Sie hat keinen anderen Schlupf 
winkel. sonst ging sie nicht heim, denn trotz allen 
Leichtsinnes lebt noch in ihr der von ehrlichem 
Bauernblute ihr vererbte Begriff von Stolz und 
Ehre und sie trägt die Schmach eines Menschen — 
der den Werth der Ehre hochschätzt und sie doch 
verloren hat. 
Verschloffenen trotzigen Antlitzes steht sie vor 
der Großmutter und bekennt nur durch ein Kopf 
nicken auf wiederholtes Fragen ihre Schuld. 
Die alte Frau, welche all' ihr Lebtag echt 
war wie Gold, klar wie Glas und starr und fest 
wie Eisen, straft sie nur mit stummer, starrer 
Verachtung und eines Abends bringen ihr die 
Burschen aus dem Dorfe eine Katzenmusik, daß 
die Kathrinlies wünscht, sie läge, wo das Meer 
am tiefsten ist. Als sie eines Morgens am 
Fenster steht — fährt ein Brautwagen vorüber 
mit Halloh und Gejauchz — Burschen mit 
Blumensträußen an der Mütze sitzen auf den 
Pferden, und hoch oben auf dem Kanapee thront 
die Braut mit den Kranzeljungfern in bunten 
Schürzen, vor der Braut steht, das Spinnrad, 
bewimpelt mit rothem Band —, da tritt die 
Großmutter neben die Kathrinlies — „das hätt'st 
auch haben können. Nun wird's nischt". — 
Im verfeinerten Menschenherzen bildet sich 
mit der Zeit der Wunsch aus, Alles in der Welt 
lieber sein zu wollen, als einem Anderen an seine 
wunde Stelle zu rühren — aber der Bauer hat 
etwas von der alten, rohen Schadenfreude be 
halten, die gern auf den tritt, der am Boden 
liegt. 
Vielleicht war es mit Absicht, daß gerade zu 
jener Zeit die Mädchen des Dorfes Abends so 
gern auf der Schwelle saßen, dem Hause der 
Kathrinlies gegenüber, daß sie so gern das 
hessische Volkslied sangen vom Lorbeerbaum. Der 
Kathrinlies schnitt jedes Wort in die Seele, wenn 
es klang: 
„Ein Mädchen wollt zum Tanze gehn, 
„Schneeweiß war sie gekleidet. 
„Was sah sie an dem Wege stehn? 
„Ein Lorbeerbaum — war grüne. 
„O Lorbeerbaum, o Lorbeerbaum, 
„Warum bist du so grüne? 
„Mich hat ein kühler Thau erquickt, 
„Darum bin ich so grüne. 
„Und du, schwarzbraunes Mägdelein 
„Warum bist du so schöne?" 
»Ich esse süß und trinke Wein 
„Darum bin ich so schöne." 
„O Lorbeerbaum, o Lorbeerbaum, 
„Mach du dich nicht so kühne! 
„Es sind von meinen Brüdern drei, 
„Die hauen dich hernieder." 
„Haun sie mich diesen Winter ab, 
„Aufs Frühjahr grün ich wieder, 
„Ein Mädchen, das seine Ehr' verliert, 
„Das find't sie niemals wieder." 
Und eine der frechsten Dirnen rief wol hinauf 
zum Fenster der Kathrinlies: „He Kathrinlies, 
warum singst du nit mit?" 
Da birgt das Mädchen den Kopf, aber sie schreit 
nicht auf. Einmal in der Nacht wacht die Alte 
auf — da tönt eine Stimme durch das stille 
Gelaß — die Kathrinlies hat's nicht aushalten 
können in ihrer tiefen Verlassenheit und Aus- 
gestoßenheit, sie hat sich im Bette aufgerichtet 
und singt das alte hessische Kirchenlied: „Jesus 
nimmt die Sünder an" —. d. h. sie versucht's 
zu singen — denn die Stimme bricht in unar- 
tikulirtem Schluchzen — ihr Vertrauen auf ewige 
Gnade hält nicht aus — sie birgt das Gesicht 
in den Kissen. — Dennoch findet die Großmutter 
keinen Trost, die Schande ist ihr persönlich zu 
nah' gegangen. „Iß aus, was du dir eingebrockt 
hast"; sagt sie, die Kathrinlies lernt die Lektion, 
daß Menschen unsere Sünden nicht verzeihen. 
Einmal auch steht sie im Schilf der Fulda und 
um ein Haar wär's geschehn gewesen. Aber das 
Wasser ist so kalt und tief und dem Menschen 
herzen schaudert so sehr vor dem Tode..— Dann 
wird ein kleiner Mensch geboren, der Keinem 
willkommen ist. 
Bald darauf stirbt die Großmutter und Ka 
thrinlies zieht nach Melsungen. Im alten Häus 
chen der Mutter lebt eine Frau, der gibt sie das 
Kind zur Pflege. Sie selbst nimmt es mit dem 
Leben auf, aber schweren, dunkeln Herzens. 
Durch manchen Unglücksfall ist sie gänzlich ver 
armt — Geld verloren — Ehre verloren — Gott 
fast ganz verloren —! Arme Kathrinlies! 
(Fortsetzung folgt.)
        

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