Full text: Hessenland (1.1887)

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Bänke und Stühle. An den Wänden hängen 
goldbeflitterte Bilder aus der heiligen Geschichte, 
einige eingerahmte Todtenkränze mit Inschriften 
vom Melsunger Stadtdichter, und ein kleines, 
rothes Nadelkissen in Herzform, welches daran 
erinnert, daß ihr seliger Mann ein Schneider 
war. Auf dem Fenstersims liegt die alte messing- 
beschlagene Bibel, deren erstes Blatt eine Art 
Familienchronik enthält und daneben grünt lustig 
das Myrtenstöckchen der Kathrinlies. Kathrinlies 
ist kein Dorfkind, fein, schlank und Biegsam ist 
die Gestalt und das Gesicht mit den schwarzen 
Augen hat etwas Schnelles, Keckes — Gewandtes. 
Die Großmutter tz.flegt zu sagen: „Das Mägen 
hot ewas in den Ögen, dos emme nit läßt." 
Aber was dieses „ewas" war, hätte sie wohl 
schwer zu sagen gewußt, denn brav und steißig 
war die Kathrinlies und konnte ihr keiner Uebeles 
nachreden. Ihr Vater war Nachtwächter gewesen 
im benachbarten Melsungen. Aber Vater und 
Mutter waren früh gestorben, bei der Großmutter 
war das Mädchen groß geworden und kurz nach 
der Comfirmation suchte sie einen Dienst in Kassel. 
Beim Abschied hatte die Großmutter gesagt: 
Bleib ein rechtschaffen Mensche, Kathrinlies und 
trau keinem Mannsbild über die Hecke. Tritt 
den Pfad nach der Schnüre, Kathrinlies. Jedes 
Jahr zur Kirmeß ist die Kathrinlies heimgekommen 
zum Tanz unter der Linde und droben im Gast 
hofsaal und jedes Mal hat sie stattlicher und schöner 
ausgeschaut und den strammen, hessischen Burschen 
besser gefallen. Für ein tüchtig Bauernweib aber, 
das schwere „Kotzen" trägt, war sie verdorben. 
Eigentlich auch hatte sie einen Schatz, einen 
Burschen aus der Stadt, den Nachbarssohn — der 
„krumme Hans" genannt, weil seine Beine nicht 
ganz im Gleichen waren. Aber alle hatten 
Respect vor ihm, denn er war ein wilder Gesell 
und konnte das Wort und die Fäuste führen. 
Nur bei der Kathrinlies gab er klein bei und 
war zahm wie ein gefangener Falke. Mit dem 
Hannes hatte sie als Kind täglich gespielt und 
die Liebe zu ihr war in sein Herz hinein gewachsen 
und hatte leise und heimlich die tiefen Wurzeln 
geschlagen, die nicht auszurotten sind. Aber es 
kam eine Zeit, da ward die Kathrinlies, wenn 
sie heimkam, fremd und vornehm zum Hannes, 
das fraß ihm am Herzen und eines Tages zog 
er den Sonntagsrock an und fuhr nach Kassel 
und suchte die Kathrinlies aus, die in einem 
prächtigen Hause, das in der Bellevne in Kassel 
steht, Stubenmädchen war. Gar schmuck und 
niedlich sah sie aus im weißen Schürzchen und 
coquetten Häubchen, der Hannes stand sehr ver 
legen in der großen, blinkenden Küche und stotterte 
nur so auf die Kathrinlies hinein: „Kathrinlies, 
ich bin Meister geworden und wollt' dich fragen, 
ob du meine Frau werden wolltest — ernähren 
kann ich dich wohl." 
Da sah die Kathrinlies den Hannes von oben 
bis unten an, dann stemmte sie die Arme in 
die Seite nnd lachte laut und gellend, daß es 
dem Hannes in die Seele schnitt. 
„Was bildest du dir ein, Hannes? Grafen 
und Barone gucken sich die Augen nach mir aus 
und ich sollte mich in deine verräucherte Pechbude 
sperren laffen? Und einen Burschen nehmen, 
der nicht einmal bei die Soldaten kommt. Ne, 
Hannes, das war einmal, als ich noch dumm und 
jung war!" 
Da flammte ein heißes Licht in den Augen des 
Hannes auf und blitzte die Kathrinlies an, daß 
es ihr fast schien, als habe der Bursch plötzlich 
ein anderes Gesicht bekommen und sie scheu 
von ihm zurückwich. 
„Grafen und Barone!" höhnte er und seine 
Stimme, die bisher für sie kein rauhes Wort 
gehabt, klang scharf und schneidend: „Grafen und 
Barone! dann bist du freilich keine Frau für 
mich!" 
Er sah sie an von oben bis unten, als habe 
er sie noch keinmal gesehen — dann sagte er: 
„Adjös, Fräulein Kathrinlies" und ging die 
Treppe hinab. 
Selbst das härteste Gemüth merkt etwas davon, 
wenn ein Mensch es im Zorn verläßt, der es 
lebenslang geliebt. 
Die Kathrinlies fühlte eine dumpfe, unver 
standene Reue im Herzen, als sie allein war, 
sie ahnte etwas von der Schwere und Bedeutung 
ihres Verlustes — aber es ging ihr wie Man 
chem Beffern — sie erkannte das Gesicht ihrer 
Liebe, ihres Glückes nicht einmal, als es seinen 
schmerzlichen Abschied nahm. 
Die Zeiten vergehen. Das kleine Dorf Röh- 
renfurt merkt nicht viel davon — es pflügt, sät, 
erntet, begräbt seine Todten und zieht nach und 
nach seine Kinder groß und nur der Schulmeister 
hält eine Zeitung. Manchen möchte davor ban 
gen, ein so enge erzogenes, weltfremdes Kind, 
wie es in dem abgeschiedenen Thal aufwächst, in das 
bewegte Leben zu senden. Aber selten berechnet 
ein Mensch Gefahren, die er nie erprobt. Sorg 
los spinnt noch immer die Großmutter das Braut 
linnen des Enkelkindes. Eines Abends kommt 
die Kathrinlies heim, den Kopf gesenkt, den An 
zug vernachlässigt. Sie geht nicht die Heerstraße, 
sondern schleicht sich über Hügel — Wald — 
und Feldweg vom Melsunger Bahnhof nach 
Röhrenfurt. Lange sitzt sie droben am Berge, 
ehe sie ins Dorf tritt. Dunkel soll es sein, 
wenn sie kommt. Das Thal lacht und glitzert 
im Abendgold — ach — wie abgestorben scheint 
Alles auf Erden, wenn die Freud' an uns
        

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