Full text: Hessenland (1.1887)

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Aus alter und «euer Jett. 
Ein verdienstvoller hessischer Geschichtsforscher war 
<s, der am 1. Januar 1746 sein Auge für immer 
schloß. Johann Philipp Kuchenbecker war 
am 10. April 1703 zu Kassel geboren. Seine aka 
demischen Studien machte er in Marburg, wo er sich 
ganz besonders mit der vaterländischen Geschichte be 
schäftigte. Als Hofmeister begleitete er 1730 eineu j 
Grafen von Seibelsdorf nach Gießen, dann machte ‘ 
er eine Reise nach Stockholm. Nach Kassel zurück- j 
gekehrt, wurde er 1735 zum wirklichen Regierungs- , 
Archivarus ernannt. Nach dem am 18. Juli 1743 ! 
erfolgten Tode des Bibliothekars Johann Hermann j 
Schminke erhielt er dessen Stelle als Bibliothekar, j 
zugleich wurde er zum wirklichen Rathe und zum ! 
Inspektor über die mathematischen Instrumente und 
die Kunstkammer ernant. Sein Hauptwerk sind die ' 
Analeeta Hassiaca, die von 1728—1742 in zwölf ; 
Kollektionen erschienen. K. Z. ' 
Heinrich I., das Kind. Unaufhörliche Kämpfe 
hatte der erste Landgraf zu bestehen, sowohl an den 
Grenzen seines Landes, wie in dessen Innern. Die 
mächtigsten Feinde Hessens waren die Erzbischöfe von 
Mainz, welche von dem aufstrebenden Lande eine 
Schmälerung ihrer Kirchengewalt, wie ihrer Ein 
nahmen besorgten. Der kräftige und kriegerische Erz 
bischof Werner, ein Graf von Eppenstein, bedrängte 
besonders stark den Landgraf Heinrich, hatte auch den 
Kaiser Rudolf I. von Habsburg durch sein Zeugniß 
bewogen, des Reiches Acht über den Landgrafeu aus 
zusprechen, 1274. Als der Kaiser die Acht wieder 
von Heinrich nahm, 1277, ließ dennoch der unver 
söhnliche Erzbischof nicht von seiner Feindschaft ab. 
Gr gewann Bundesgenossen und drang verheerend 
1282 bis in die die Gegend von Fritzlar vor. ^ In 
höchster Noch suchte der Landgraf Hilfe bei seinem 
Volke, er erließ einen Aufruf an das Land „alle 
hejsichen Männer, die nur im Stande seien, ein Schwert 
oder einen Stecken zu führen, sollten sich zu ihrem 
Fürsten finden, ihm beizustehen!" Da eilten von 
überall her die Getreuen herzu und bald war der 
Landgraf von einer Menge Bewaffneter umgeben. 
Der Erzbischof wollte sich zurückziehen, als er das 
überlegene hessische Volksheer anrücken sah, seine 
Stadt Fritzlar ließ ihn aus Furcht vor den Schrecken 
einer Bestürmung nicht herein und er mußte sich 
schleunig zu einem dem Landgrafen günstigen Friedens 
schlüsse bequemen. 
So hatte vor 600 Jnhren das Vertrauen, welches 
der Landesherr in sein Volk legte, ihn gerettet. Es 
war das erste Mal, daß die gesammte Kraft auf 
gerufen wurde, der Landsturm; auch in der ganzen 
langen Folgezeit hat das hessische Volk stets treu zu 
seinen Fürsten gehalten. 
Heinrich war zugegen, als Kaiser Rudolf im 
im Jahre 1292 die müden Augen schloß, er selbst 
Hing nach einem mühseligem Leben im Jahre 1308 zur 
ewigen Ruhe ein. *>. Kr. 
Unter den hessischen Landgrafeu ragt 
Heinrich II., der Enkel Heinrich des Kindes, als 
ein Mann von herkulischer Leibeskraft und als stets 
siegreicher Kämpfer hervor. Er regierte von 1328 
bis 1376 und führte den Beinamen der „Eiserne". 
Diese Bezeichnung wird von einigen mit seiner 
eisernen Rüstung, die er stets trug, von anderen von 
seiner Stärke hergeleitet, die ihm innewohnte; soll 
er doch mit bloßer Hand ein Hufersen z« zerbrechen 
und eiserne Rüstungen durchzuhauen im Stande ge 
wesen sein. Auch sagt man von ihm, daß er am 
Hofe Eduards III. von England einen aus dem Käfig 
entkommenen Löwen erfaßt und festgehalten habe. 
Seine Feinde waren hauptsächlich die Bischöfe von 
Mainz, die Grafen von Nassau-Dillenburg, Ziegen 
hain, Wittgenstein und Solms. Auch mit Braun 
schweig, Paderborn und Münster war er in Fehde 
verwickelt. Aber aus allen Kämpfen ging er als 
Sieger hervor. Namentlich waren es die Mainzer, 
denen er zweimal entschiedene Niederlagen bereitete, 
in Folge deren die Besiegten die in Hessen von ihnen 
erworbenen Gerechtsame und Gebietstheile heraus 
geben mußten. Heinrich war außerdem ein guter 
Wirthschafte und kluger Regent. Er erwarb u. A. 
Spangenberg, Itter, Bilstein, die Hälfte von Schmal 
kalden. Hätte ihn nicht die Uneinigkeit mit seinen 
Brüdern, welche die versprochenen Jahresgelder nicht 
erhalten hatten, und die damals (von 1350—52^ 
arsgebrochene Pest in seinen wiiteren Unternehmungen 
gelähmt oder gehindert, so hätte er noch Größeres 
geleistet. Niemand wagte gegen ihn die Waffen zu 
ergreifen und so gefürchtet war er, daß die Chronisten 
sagten: „Hüte drch vor dem Landgrafen zu Hessen, 
willst du nicht werden gefressen." 
Zum Kapitel der Selbsthilfe. Daß die 
Selbsthilfe ehemals, im Gegensatze zu heute, doch unter 
Umständen privilegirt war, bekunden folgende Erlasse 
der hessischen Landgrafen. 
In dem von Ludwig I. 1456 den Schustern und 
Löwern ertheilten Zunstbriefe heißt es: 
„Vortmehr, wer den gemeldeten Schuewardten ihre 
Schue dieblich entrüge, dem möchten sie die Schue 
wieder nehmen inwendig ihren Bänken und möchten 
ihn schlagen mit Fäusten und mit Schuen unter 
den Bänken, daß er kaum genesen mag." 
Der von Landgraf Hermann (1376—1413) den 
Bäckern zu Homburg in Hessen im Jahre 1398 ge 
gebene Zunftbrief besagt: 
„Ob Ihn Ihr Brod eines vder mehr gestohlen 
würde, das möchten sie wieder nehmen und schlagen 
den mit Fäusten und raufen ihn mit seinen Haaren 
und züchtigen ihn, und sollen uns oder niemand 
davon geben oder schuldig seyn." 
Ein Gleiches steht in dem Metzger-Zunftbrief zu 
Homberg von demselben Landgraf im folgenden Jahr 
hundert ertheilt. 
In dem Zierenberger Bäcker-Zunftbrief heißt es: 
„Entwendete auch einer aus Vermessenheit einem 
Bäcker sein Brod oder Wecke in diebischer Weise, 
demselben mögen sie es wieder nehmen und dem 
Thädter eine gute Haarsusche oder Backenstreich 
zum Tranckgeld geben, sw*«*.
	        

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