Full text: Hessenland (1.1887)

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Poet ist faulten, abex durch das leiseste Wort wird 
er gereizt." Dann war er wieder zu anderen Stunden 
und in anderen Stimmungen von herzgewinnender 
Freundlichkeit. Hutten war durchaus eine zum Kampfe 
angelegte Natur, bei welcher freilich Ruhe und Milde 
nicht erwartet werden durste. Die ursprünglichen 
Anlagen seines Geistes erfuhren durch die ungewöhnlich 
harte und rauhe Schule des Lebens, welche er nach 
seiner Flucht aus dem Kloster durchlief, andere Ent 
wickelung, als es bei regelmäßigem Bildungsgänge 
zu sein pflegt. 
Ernst faßte Hutten jede Aufgabe an, die sich ihm 
darbot, das viele Nebele, welches er fand und bekämpfte, 
reizte ihn zu loderndem Zorne. Da mußte es denn 
sich ereignen, daß er auch wohl über das Ziel hinaus 
schoß und sich allein sah. Aber was er sagt, trägt 
das Gepräge der Wahrheit, rücksichtsloser Offenheit 
und Ehrlichkeit und hat stets große, einfache, die all 
gemeine Theilnahme fortreißende Bestrebungen. In 
diesem mannhaften, furchtlosen Auftreten ist er mit 
Luther zu vergleichen. 
Als Dichter begann er seine Bahn, Vaterlands 
liebe trieb ihn zu den politischen Schriften an, er 
wurde Agitator für die Neugestaltung des Reiches, 
zuletzt ein begeisterter Streiter für die Kirchenkesserung. 
Der Gegner, der hierbei angegriffen wurde, war 
der mächtigste, den es gab und der noch nie unter 
legen; das verbarg Hutren sich nicht, seine Familie 
hielt ihren Besitz für gefährdet, die fromme Mutier 
weinte, wie er berichtet. Aber er schwankte nicht, 
riß sich los und trat an die Seite Luthers. Doch 
unterscheidet ihn das von Luther, daß dieser die 
weltliche Macht durchaus von seinem Werke fern 
gehalten wissen wollte, Hutten dagegen gleichzeitig 
die Kirche und die Staatsordnung umzubilden strebte. 
Dabei hat wohl das politische, nationale Element in 
ihm immer die Oberhand behalten. 
Bei aller Freiheit und Kühnheit der Anschauungen 
streifte er doch bis ans Ende den Ritter nicht ganz 
ab; die Hoffnung, im Bunde mit Sickingen dem 
Ritterthume zu neuem Aufschwünge zu verhelfen, er 
wies sich als Täuschung, da jenes sich ausgelebt hatte 
und Neueren, für die Entwickelung der Nation mehr 
Geeignetem, dem Fürstenthume, die Gewalt und Herr 
schaft allein überlaffen mußte. Die Täuschung war 
eine begreifliche und verzeihliche und groß war einen 
Augenblick die Gefahr, daß das unbändige Ritterwesen, 
welches vielerorten in wilden grausamen Fehden von 
neuem sich erhob, die Oberhand gewinnen möchte, zum 
höchsten Schaden des großen Vaterlandes. Hutten 
hatte sie durch das Schwerste zu büßen, was ihm 
auferlegt werden konnte — er mußte dem Boden 
Deutschlands den Rücken kehren. In diesem tiefsten 
Unglücke, zum Tode krank, von Allem entblößt, sodaß 
er Freunde um Hilfe ansprechen mußte, erscheint er 
am größten. Der Bettler, welchen Deutschland von 
sich stieß, weist das glänzende Anerbieten des franzö 
sischen Königs zurück, weil er dort nicht Deutschland 
dienen konnte. 
Wer durfte ihm doch mit Recht einen Vorwurf 
machen, wenn er angenommen hätte! 
Als er den letzten Athemzug verhaucht hatte, nur 
35 Jahre 4 Monate des Alters zählend, fand sich 
in seinem Besitze nichts vor, als eine Schreibfeder; 
aber es war die Feder Huttens! 
Schwächen hatte auch er und Fehler hat er be 
gangen, doch er strebte zum Höchsten und war ein 
ächt deutscher Mann der sich ganz einsetzte und so 
unterging. Möchte es unserem theueren großen Va 
terlande in kommenden schweren Zeiten nicht an Hel 
den fehlen, wie dieser war! 
E~äH- 
Jus engem Khal. 
Novellelle v. Nk. Herberk. 
(Fortsetzung.) 
Wie Großmutter hat ein schmales faltiges Gesicht 
Niund kluge, strenge Augen — die Haare sind vom 
straffen Emporziehen nud vom „Betzeltragen" 
abgebrochen, nur ein kleiner Kranz steht noch um 
die gefurchte Stirn, dennoch ist gewissenhaft der 
Versuch gemacht, von dem Rest die kleine, runde 
Krone mitten auf dem Kopfe herzustellen. Sie 
trägt einen bräunlichen Biebcrrock, auf welchen 
ein Stück schwarzen Sammet's gesetzt ist und eine 
blaue Kattunjacke mit seltsam gefältelten, weiten 
Ärmeln, die eng um das Handgelenk schließen. 
Tag aus, Tag ein sitzt sie vor dem Spinnrocken 
und dreht das schnurrende Rad. „Brautlinnen" 
für die Kathrinlies soll's geben und manchen 
lieben, langen Winterabend haspelt sie die Spulen 
ab und legt Strang auf Strang in die hölzerne 
Truhe. Wenig Worte macht die Großmutter, 
sie ist mit dem Alter noch sparsamer geworden, 
als sie arm ist, eng ist sie und genau, aber auch 
streng und redlich. In ihrer Stube steht auf 
einer Pritsche ein großes, breites Himmelbett 
mit baumwollenen Vorhängen, em brauner Tisch,
        

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