Full text: Hessenland (1.1887)

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dem Vaterlande zu weichen, nnd ging nach Basel, 
wo er Sicherheit und Ruhe zu finden hoffte. Denn 
nicht allein die mächtige Partei der alten Kirche ver 
folgte ihn, auch die Fürsten waren ihm feind geworden, 
als dem vornehmsten Urheber der ritterlichen Bewegung 
neben Sickingen. Die Aeltern waren in den letzten 
Jahren verstorben, aber Ulrich bezog wenig oder gar 
nichts aus der Berlaffenschaft. Da erging an ihn 
ein Ruf des Königs von Frankreich, als Rath in 
seine Dienste zu treten mit einem Jahresgehalt von 
400 Goldkronen. Der Mann, welcher arm und 
elend sein gefährdetes Leben in Sicherheit bringen 
mußte, konnte doch es nicht über sich gewinnen, Dienste 
anzunehmen, welche nicht für fein Vaterland waren 
und lehnte die glänzende Stellung ab. 
In Basel lebte der von Hutten auf das höchste 
geschätzte und ihm befreundete Erasmus zu dieser 
Zeit, und nach Niemanden verlangte es den Verbannten 
so sehr als nach ihm. Wie mußte es ihn da tteffen, 
als EraSmus ihm durch einen Dritten unter den Fuß 
legen ließ, Hutten möge ihn nicht durch seinen Besuch 
bloßstellen. Längst schon war er mit dem Verhalten 
des großen Gelehrten nicht einverstanden, aus dessen 
Schriften die Gegner der alten Kirche viele chrer 
Waffe» holten und der dann sich selbst nicht treu, 
aus Besorgniß, seinen zahlreichen hohen Gönnern zu 
mißfallen die Verbindung mit jenen ablehnte. Als 
nun gar verlautete, Erasmus gedenke eine Schrift 
gegen die Evangelischen zu veröffentlichen, ließ Hutten 
ihn bedeuten, wenn er das thäte, könnten sie nicht 
mehr Freunde sein. Die Schrift erschien im März 
1523 und der gereizte erbitterte Flüchtling faßte sich 
zum Schlage gegen den wie er meinte Abtrünnigen 
von der höchsten Angelegenheit. Auf Betreiben der 
seine Wirksamkeit fürchtenden Geistlichkeit war Hutten 
der Schutz des Rathes von Basel aufgesagt und er 
hatte ein Versteck in dem Augustinerkloster zu Mül 
hausen, damals einer deutschen Stadt, aufgesucht, im 
Januar 1523. Erasmus hatte von Huttens Vor 
haben durch diesen selbst Nachricht bekommen; da in 
seiner Schrift offenbare Unwahrheiten bezüglich seines 
letzten Verhaltens gegen Hutten vorkamen, er über 
haupt kein gutes Gewissen hatte, schrieb er einen Brief 
an jenen, um ihn von dem Angriffe abzuhalten. Un 
klugerweise ließ er dabei einstießen, es möchte ange 
sichts Huttens derzeitiger Lage Leute geben, welche 
meinte», es sei vielleicht auf Ausbeutung, d. h. daß 
Hutten sich durch Geld zum Schweigen bringen ließe, 
abgesehen. Das reizte aber den Löwen noch mehr 
und ungeachtet der Bemühungen von Freunden, den 
Druck zu hindern, erschien im Juli eine geharnischte 
Schrift gegen Erasmus, welche das höchste Auffetzen 
machte und die Partei der alten Kirche mit Schaden 
freude erfüllte, da sie den großen Humanisten denn 
doch für einen wahrhaften Freund nicht hielt. Eras 
mus ging alsbald an eine Erwiderung. Sie erschien 
erst nach Huttens Tode und dadurch wurde der Ein 
druck hämischer und unedler Stellen, welche nicht 
einmal das Unglück Huttens schonten, um so übler. 
Hatte man des letzteren Angriff nicht gebilligt, so 
wurde die Vertheidigung schwer getadelt, von Luther 
zumal. 
Der Verbannte hatte seine Zuflucht aufgeben 
müssen, da ein Sturm auf das Kloster durch das 
von der Geistlichkeit aufgestachelte Volk drohte; er 
fand bei Zwingli in Zürich zunächst Schutz und 
Trost. 
Den Untergang Sickingens mußte er noch erleben; 
heldenmütig ergab der mächtige Repräsentant einer 
neuen Gestaltungen weichenden Schöpfung des Mittel 
alters sich dem ihn überraschenden qualvollen Tod. 
Wer möchte die Empfindungen Huttens schildern, 
die ihn bei der Nachricht vom Tode seines Freundes 
und großmüthigen Beschützers bewegten! War nun 
auch die Hoffnung auf bcffere Tage für die Ritter 
schaft dahin, so sanken doch nicht des rastlosen Streiters 
kühner Muth und die Zuversicht auf das Bestehen 
der Sache, welcher er sein Leben, alle seine Kraft 
geweiht hatte. Er verfaßte noch eine Schrift „in 
tyrannos“ nämlich gegen die drei Fürsten, denen 
Sickingen erlegen war; allein wegen der Leidenschaft 
und Heftigkeit ihrer Ausdrücke fand sie selbst in der 
Schweiz keinen Drucker und Eoban, welchem Hutten 
nun dieselbe übersandte, um sie zum Drucke zu be 
fördern, hatte bereits dem Landgrafen Philipp zur 
Besiegung der „Räuber" (Sickingens) Glück gewünscht 
und bemühte sich um eine Stellung in Marburg. 
Die Schrift ist verloren gegangen, was sehr zu be 
dauern ist. 
Ende Juli richtete Hutten noch einmal einen Brief 
an den Jugendfteund Eoban, des sterbenden Helden 
Schwanengesang. 
Ein Anfall des alten Leidens, von welchem Hutten 
nie gründlich geheilt worden war, brachte dem morschen 
Körper das Ende. Auf der Insel Ufnau im Züricher 
See, deren stiller Friede seinen letzten Tagen Trost 
gewährte, endete der Sturm dieses Lebens. Ob es 
noch im Monate August oder zu Anfang Septembers 
war, vermögen wir nicht zu sagen. 
Nachdem der Lebenslauf unseres Helden vor unS 
vorübergeglitten ist, möge fein Bild und eine Würdi 
gung seines Wesens und Strebens einen Augenblick 
unser Interesse fesseln. Bon Person klein und 
schmächtig, erregte bei Hutten der strenge, fast wilde 
Ausdruck des blaffen Antlitzes die Aufmerksamkeit; 
die ihm innewohnende Willenskraft deckte sich mit 
der Zähigkeit des wenig ansehnlichen Leibes, welcher 
so lange der Krankheit und den schrecklichen Euren 
widerstand. Im Umgänge zeigte er sich lebhaft, von 
sprudelndem Witze, doch flößte er Manchem durch 
seine Heftigkeit Unbehagen ein, da mitunter seine 
Rede schneidend und zurückstoßend wurde; Mutian, 
eine ruhige, den Gleichmut liebende Persönlichkeit, 
sagt von ihm: scharf und gewaltig und ein großer
        

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