Volltext: Hessenland (1.1887)

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konischen Gefängniß der Kirche" warf der bisher noch 
mit Scheu vor dem Papsttume Vorgegangene die 
sem nun auch im October den Fehdehandschuh hin. 
Mit dem Verbrennen der Bannbulle und der päpst- 
lichen Rechtsbücher am 10. December durch Luther 
war der Riß unheilbar geworden. 
Die seitherigen Schriften Huttens konnten nur in 
beschränkter Weise wirken, nur die Gelehrten und 
Gebildete» vermochten sie zu lesen; jetzt entschloß er 
sich, da wie er sagte, von den Lateinverständige» allein 
die Besierung nicht zu erwarten sei, in der Sprache 
des Volkes zu schreiben. Diese war, eben weil alles 
Wichtigere, die Geschäfte, die Wisienschaft, im Latei 
nischen behandelt wurden, »och unausgebildet, wirke 
aber deshalb durch Treuherzigkeit um so mehr. Die 
erste deutsche Schrift ist die ,Clag und vormanung 
gegen dem «nchristlichen übermäßigen gewalt des Bapsts 
zu Rom und der ungeistlichen geistlichen;" gewaltig 
war ihre Wirkung in der schon durch Luthers deutsch 
verfaßte Schrift .an den Adel deutscher Nation" tief 
erregten Nation. Da Hutten selbst das Gedicht einen 
zornigen Spruch nennt, mag man ermeffen, mit wel 
cher Kraft und Leidenschaft es durchtränkt ist. Seinen 
Denkspruch übersetzte er jetzt in das kräftigere .Ich 
Habs gewagt." Er hoffte immer noch auf den am 
23. October 1520 zu Aachen zum Kaiser gekrönten 
Karl und wandte sich an ihn mit einer Schrift 
.Kurze Anzeig wie allewege sich die Bäpst gegen den 
deutschen Kaisern gehalten haben." Das Alles sollte 
erfolglos bleiben, von diesem Fremdlinge war nichts 
wahrhaft Deutsches zu erwarten, der Schwerpunkt 
seiner Macht lag wie bei einer Waage zwischen den 
großen Massen seiner Reiche, also nicht in Deutschland. 
Karl konnte nicht mit dem Papste sich überwerfen, 
der ihm sonst in Spanien, in Oberitalien, in Neapel 
die schlimmste» Schwierigkeiten bereitet haben würde. 
Es war ein ungeheueres geschichtliches Unheil für 
Deutschland, daß 15 l 9 nicht ein nationaler Fürst an 
die Spitze berufen wurde, wofür Friedrich von Sachsen 
wohlgeeignet erschien. 
Auf der Ebernbürg arbeitete Hutten mit leiden 
schaftlichem Eifer an dem erfaßten Werke, immer neue 
Schriften ginge» aus, er der Ritter, erbot sich sogar 
zum Verhöre vor dem Kaiser, wo er auf Grund der 
heiligen Schrift seine Sache zu vertheidigen gedenke. 
Innig hatte sich das Verhältniß zu Sickingen ge 
staltet und es ist, wie Huttens Biograph ausspricht, 
.eines der schönste» Bilder in der Geschichte unseres 
Volkes. Am gastlichen Tische auf Ebernbnrg sitzen 
zwei Ritter an den Winterabenden im Gespräche über 
die Deutscheste Angelegenheit, der eine Flüchtling, der 
andere sein mächtiger Beschützer, jener der Jüngere 
ist der Lehrer, der Ältere schämt sich des Lernens 
nicht . . . ." Sickingen war nn» ganz für die 
Sache Luthers gewonnen. Unter den hier 1520/21 
verfaßten Schriften gibt eine .die Räuber" betitelt, 
Aufschluß über einen merkwürdigen Fortschritt in der 
Entwickelung Huttens. Im Sinne der den Städten 
feindselig und mit Geringschätzung gegenüberstehende» 
Ritterschaft hatte auch er das Städtewesen, die Krä 
mer, mißachtet, obwol er nicht selten in Städten sich 
aufgehalten hatte. Sei» ritterlicher Stolz beugte sich 
nun der Erkenntniß, daß es der Mitwirkung der 
Städte bei dem großen Werke der Neugestaltung und 
gegenüber der drohend wachsenden Fürstenmacht be 
dürfe. Zahlreich kamen ihm Zustimmungsschreiben 
zu, aus dem Volke erklangen Lieder, die ihn als 
volkstümlichen Helden feierten. 
Im Januar von 1521 wurde der Reichstag zu 
Worms eröffnet, des jungen Kaisers erster. Die 
Nuntien des Papstes und ihr Anhang boten Alles 
auf, daß Luther von der Reichsversammlung verdammt 
werde, indeffen gestand der Kaiser doch auf das Drän 
gen der Stände zu, daß er zuvor verhört werde, was 
am 17. und 18. April stattfand und bekannt ist. 
Auch ließ Karl sich nicht verleiten, Luther das ertheilte 
kaiserliche Geleite zu brechen. Hutten ließ sich durch 
das Auftreten der Nuntien zu einem leidenschaftlichen 
Angriffe hinreiße», drohte dem ersten derselbe», Ale- 
ander, er werde dafür sorgen, daß jener nicht lebend 
Deutschland verlasse und wandte sich gegen die meist 
auf der Nuntien Seite stehenden höhere« Geistlichen 
im Reichstage in heftigsten Vorwürfen. In einem 
Schreiben an den Kaiser sagte er diesem ernste und 
bittere Wahrheiten. Bald darauf, wohl in der Er 
kenntniß, daß er zu weit gegangen sei, sandte er dem 
Kaiser eine Art von Entschuldigungsschreiben zu, wie 
er auch seinem seitherigen Herrn, der in der allge 
meinen Adresse der am Reichstage anwesenden hohe» 
Geistlichen mitbegriffen war, in einem Briefe unver 
brüchliche Hochachtung aussprach. Luther benachrich 
tigte Hutten von dem mit ihm in der Reichsversamm 
lung Vorgegangenen und dieser flammte in Leiden 
schaft und Zorn darob auf. Am liebsten hätte er 
gleich mit dem Schwerte dreingeschlagen, doch hielt 
Sickingen, bei dem die Macht dazu war, den Zeit 
punkt noch nicht für gekommen; Luther wollte alle 
Gewalt vermiede» wissen und nur durch die Macht 
des Worte- und der Wahrheit wirken. So mußten 
die Ausfälle und Drohungen Huttens übereilt und 
machtlos erscheinen, die Freunde waren vielfach 
nicht mit ihm zufrieden, die Gegner tadelten ihn 
bitter. 
Im September 1522 machte Sickingen den Zug 
gegen Trier, dessen Fehlschlagen zum Untergange des 
Helden führte. Ob sein Freund Hutten mit in dem 
Heere kämpfte oder die Krankheit ihn lähmte, ist nicht 
bekannt; er wurde schon von Manchen todt gesagt. 
Als Sickingen sich auf den Angriff der drei ihm 
feindlichen Fürsten von Trier, Pfalz «nd Hessen vor 
bereiten mußte, war für nicht vollkommen Waffen 
fähige nicht mehr des Bleibens auf seinen Burgen, 
so auch für Hutten in neuem Siechthnme. Er ent 
schloß sich, thatsächlich geächtet wie er eö war, aus
        

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