Full text: Hessenland (1.1887)

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Lessing, nach dem kurzen Glücke beim Tode seiner Eva, 
aussprechen: «ich wollte auch einmal glücklich sein 
wie andere Menschen.- Unter verschiedenen Schriften, 
mit denen er von dem Jahre 1519 auf 1520 be 
schäftigt war, beendete er vermuthlich den Dialog, «For 
tuna- zuerst, welcher seine Persönlichkeit, seine Wünsche 
und Hoffnungen darlegt und die Anklänge seines 
Liebestraumes ertönen läßt. 
Trotz der entschiedenen Gegenwirkung des Papstes, 
welcher die Krone des Reiches Franz I. von Frank 
reich zuzuwenden wünschte, war sie am 28. Juni 1519 
dem Könige Carlos von Spanien, Maximilians En 
kel, übertragen worden. Kurfürst Albrecht hatte in 
erster Linie für ihn gewirkt, Hutten gab sich um so 
mehr der Hoffnung hin, der junge König werde der 
römischen Fremdherrschaft in Deutschland Schranken 
setzen; in den ersten Monaten des I. 1520 ist er 
auf Steckelberg mit der Herausgabe seiner neuesten 
Schriften beschäftigt, unter welchen der «Vadiscus- 
oder die römische Dreifaltigkeit, die wichtigste ist. 
Die Disputation zwischen Luther und Eck im Juli 
1519 zu Leipzig hatte Hutten auf andere Gedanken 
hinsichtlich der Sache Luthers gebracht und er sah sie 
nicht mehr als ein Mönchsgezänk an. Er fühlte sich 
bald mächtig von ihr angezogen und während er seit 
her den Druck von jenseit der Alpen nur bekämpfte, 
um seinem Vaierlande eine würdigere politische Stel 
lung zu erringen, wurde jetzt aus dem ritterlichen 
Dichter ein Gehilfe des Kirchenbesserers. Dieser Zeit 
punkt ist als eine Wende in Huttens Leben anzusehen, 
welche deffen zwei große Perioden scheidet. Noch im 
Januar 1520 redet er auf Sickingen ein, um ihn 
für Luther zu stimmen, der gewaltige Ritter sichert 
auch dem Mönche eine Zuflucht zu. Im April er 
scheint mit vier anderen Schriften Vadiscus, worin in 
kühner rücksichtsloser Sprache die Vorwürfe gegen die 
Herrschaft Roms der Welt dargelegt werden; der Wahl 
spruch alea jacta est, welchen Hutten bereits einer 
Streitschrift gegen Ulrich von Würtemberg vorgesetzt 
hatte, erscheint hier mit weit mehr Berechtigung und 
in weit großartigerer Bedeutung. Denn nach dieser 
zugleich zur Aufstachelung des Königs angelegten Her 
ausforderung durfte der Urheber derselben auf die 
Milde der angegriffenen Weltmacht nicht mehr rechnen, 
wollte dies wohl auch nicht. Er hatte die Brücke 
hinter sich abgebrochen. Neben dem Vadiscus führte 
er einen zweiten empfindlichen Schlag. In der Bib 
liothek zu Fulda hatte er eine Schrift aus dem Jahre 
1093 gefunden, in welcher der geistliche Primat des 
Papstes anerkannt, jedoch seine Einmischung in die 
weltlichen Dinge scharf verurtheilt und zurückgewiesen 
wird. Bischof Waltram von Naumburg wird für 
den Verfasser dieser das Recht Deutschlands und des 
Kaisers kräftig vertretenden Schrift gehalten. Hutten 
gab sie mit einer Vorrede heraus, über den Fund 
jubelnd; er widmete sie des Königs Bruder Ferdinand 
und mahnt, Karl V. möge sich Heinrich IV. zum Vor 
bilde nehmen. Um persönlich auf den Erzherzog ein 
zuwirken, machte der Hoffnungsreiche sich im Juni 
1520 auf den Weg an deffen Hof zu Brüffel, er ist 
wahrscheinlich gar nicht bis zu Ferdinand vorgedrungen 
und kehrte ernüchtert, doch nicht entmuthigt heim. 
Noch in den Niederlanden begegnete ihm ein tragi 
komisches Abenteuer mit dem Ketzermeister Hoogstraten, 
Reuchlins Todfeinde; er traf ihn auf dem Wege, er 
kannte ihn und bedrohte ihn mit dem Tode für seine 
Thaten, ließ ihn aber laufen, als der gefürchtete Ver 
folger der Ketzer auf den Knien um Gnade flehte. 
Man hatte Hutten schon todt gesagt, da es verlautete, 
der Papst sei gegen ihn äußerst erbittert und Dolch 
oder Gift damals leicht sich für Den fanden, welcher 
der höchsten Macht sich unbequem erwies. Er wurde 
als ein Geretteter in Mainz empfangen. Der Erz 
bischof hatte ihn auf eigenen Wunsch schon 1519 
aus dem Hofdienste entlassen, jedoch ihm den Gehalt 
weiter verwilligt, sodaß er als Diener des Fürsten 
ohne augenblickliche Verwendung anzusehen war. 
Dieses Verhältniß könnte befremden, nachdem Hutten 
dem römischen Hofe tödtliche Feindschaft erklärt hatte. 
Wenn jedoch nach seinem Plane die Gewalt des höch 
sten Oberhauptes der Kirche in Deutschland beschränkt 
wurde, und deffen eigene eine selbständige Stellung 
erlangte, mußten Macht und Einfluß des ersten deut 
schen Kirchenfürsten naturgemäß wachsen. Albrecht 
konnte also Huttens Thätigkeit gar nicht sehr gram 
sein. Als ein päpstliches Breve vom 12. Juli ihm 
zukam mit schweren Vorwürfen darüber, daß er einen 
solchen Feind der Kirche im Dienste habe, wußte Al 
brecht sich in einer fast erheiternd wirkenden Weise 
damit zu entschuldigen, daß er den Missethäter ent 
lassen habe und seine abscheulichen Schriften nicht 
mehr in Mainz gedruckt werden dürften. Des Kur 
fürsten Hofprediger, welcher die Rechtfertigung abfaßte, 
war ein Freund Huttens. 
Nach einem Besuche der Aeltern auf Steckelberg 
ritt Ulrich zum Freunde auf der Ebernburg, im Sep 
tember ; Sickingen wollte der König Karl empfangen, 
Hutten gab ihm ein «Klagschreiben- mit, worin er 
über die Nachstellungen gegen ihn an dem Hofe zu 
Brttffel, vorab aber darüber, daß der Papst den Be 
fehl gegeben habe, ihn gefangen nach Rom zu schaffen, 
vor dem Richterstuhle des Königs bittere Klage er 
hebt, deffen Rechte durch die päpstliche Weisung ver 
letzt wurden. In der ihm eigenen offenen und küh 
nen Weise gesteht er zu, auf Aenderung der bestehenden 
Ordnung hinzuarbeiten, aber um die deutsche Freiheit 
zu retten und des Kaisers Macht wiederherzustellen. 
An die Kurfürsten von Sachsen und von Mainz 
richtete Hutten Schreiben verwandten Inhalts und 
Luther benachrichtigte er von dem ihn Bedrohenden 
mit der Versicherung, daß er den Kampf fortsetzen 
werde; der Brief machte liefen Eindruck auf Luther. 
Gegen diesen erließ der Papst die Bannbulle vom 12. 
Juni 1520 und durch seine Schrift «von der baby-
	        

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