Full text: Hessenland (1.1887)

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ophLe von KLlfa. 
Gm hessisches Dichkerbilö von Jos. Grinesu. 
<*{m Maimonat d. I. waren acht Jahrzehnte ver- 
fflossen seit der Geburt einer hessischen Dichterin. 
Lange schon ist zwar ihr Erdendasein abge- 
schlosten, und die Geschichte der Literatur hat ihren 
Namen nicht vor der Vergessenheit bewahrt, um so 
mehr aber möge es nun diese Zeitschrift als Ehren 
pflicht betrachten, eine beinahe Verschollene, die 
doch durch und durch eine 'echte Dichternatur 
gewesen, in das Andenken des hessischen Volkes 
zurückzurufen und ihr hier ein schlichtes Denk 
mal zu setzen. 
Im sogenannten „Löwensteiner Grund," einem 
reichen und gesegneten Landstriche an der Schwalm, 
liegt der Stammsitz der Freiherren von und 
zu Gilsa, eines alten kraftvollen Geschlechtes, 
)as dem Hessenland so manchen wackern Hau 
degen ohne Furcht und Tadel zur Wehr ge 
teilt hat; — erwähnt sei nur der General 
ieutenant Eitel Ludwig Philipp von Gilsa, der 
ich im siebenjährigen Krieg durch die glänzend- 
ten Wasfenthaten hervorthat und die volle An 
erkennung und Hochachtung Friedrich's des Großen 
gewann. Doch nicht minder als die Söhne dieses 
Hauses zeichneten sich auch seine Töchter durch 
vortreffliche Eigenschaften und einen seltenen Adel 
der Gesinnung aus, vorab diejenige, deren Gestalt 
wir hier vorzuführen versuchen wollen. 
Sophie Ernestine Marianne Dorothea Chri 
stiane von Gilsa wurde zu Gilsa am 18. Mai 
1807 geboren als Tochter des Oberstallmeisters 
Karl Ludwig Philipp von Gilsa und dessen 
Gattin Elisabeth Maria Frida, geb. von Buttlar. 
Schon als Kind zeigte sie hervorragende Geistes 
anlagen, welche in einem Erziehungsinstitute zu 
Hanau eine sorgfältige Ausbildung erhielten. 
Gleich ihrer älteren Schwester Karoline wurde 
ihr dann frühe ein Platz in dem freiadeligen 
Damenstifte Wallen st ern, jenem Stifte, das 
seinen Namen so ruhmvoll in die Blätter der 
vaterländischen Geschichte eingeschrieben hat, als 
ebenfalls eine Freiin von Gilsa, in den Zeiten 
von Deutschlands tiefster Erniedrigung, ihm als 
Aebtissin vorstand, während Marianne von 
Stein, die Lieblingsschwester des berühmten 
deutschen Staatsmannes, — „Deutschlands Edel 
stein!" — damals Dechantin war. Bekanntlich 
mißlang der Aufstand der hessischen Helden, die 
das Joch der fremden Zwingherrschaft zerbrechen 
wollten, und wie Alle, auf denen der Verdacht 
ruhte, dabei betheiligt gewesen zu sein, schwer 
für ihren Patriotismus büßen mußten, so auch 
jene edlen Frauen. Die schmählichste Behand 
lung wurde ihnen zu Theil, die brutalen Gewalt 
haber scheuten sich sogar nicht, sie in ein Gefäng 
niß für gemeine Verbrecher zu bringen. 
Im Jahre 1830 wurde das Damenstift von 
Homberg nach Fulda verlegt, wo es im an- 
muthigsten Theile der Stadt ein sehr geräumig 
angelegtes Gebäude mit vielen Nebenbauten 
käuflich erwarb; — es war das Palais, in 
dem der Letzte von Fuldas geistlichen Fürsten, 
nachdem er aus dem gegenüberliegenden Residenz 
schlosse vertrieben worden, nachtrauernd einer 
untergegangenen Zeit, seine Tage beschlossen 
hatte. In den Räumen dieses schloßartigen 
Hauses, das mit der Rückseite in einem großen 
Garten steht und über grüne Baumreihen nach 
der majestätischen Kathedrale hinblickt, verbrachte 
Sophie von Gilsa nun ihr Dasein und strebte, 
es möglichst befriedigend auszufüllen. Hier fand 
sie hinlänglich Muße, ihr ästhetisches Empfinden 
zu schulen und zu läutern, und um den Drang nach 
intellektuellem Wirken in recht nützlicher und 
fruchtbringender Weise zu bethätigen, ertheilte 
sie selbst Unterricht in fremden Sprachen, wobei 
ihr eifrigstes Bemühen stets darauf gerichtet war, 
in die jungen Seelen ihrer Schülerinnen die 
Keime des Edlen und Schönen zu senken. — 
Aber auch an den geselligen Freuden der gemüth 
lichen Stadt betheiligte sie sich gern; denn als 
längst schon ihre Jugend erblichen war und an 
dauernde Kränklichkeit düstere Schatten auf 
ihr Leben warf, blieb ihr immer noch die Er 
innerung an die „fröhlichen Tanzabende im 
Odenwald'schen Garten" (jetzt Bellevue) ein lichter 
freundlicher Nachglanz. Und doch, die reichsten 
Stunden, die sie.lebte, waren jene, welche ihr 
im dichterischen Schaffen aufgingen! Gewiß sind 
die Beziehungen zu bedeutenden literarischen 
Persönlichkeiten wie Heinrich Koenig und Franz 
Dingelstedt, die damals in Fulda lebten, nicht 
ohne Einfluß auf den empfänglichen Geist der 
hochbegabten Stiftsdame geblieben und haben 
sie zum literarischen Schaffen angeregt. 
Mit welcher ihrer Geistesarbeiten sie zuerst 
vor die Oeffentlichkeit getreten — für eine Frau 
ja besonders ein gewagter Schritt — war 
leider nicht mehr zu ermitteln, vielleicht war es 
jene Schrift, welche vorzugsweise ihre hohe Ge 
sinnung im hellsten Lichte zeigt. Es hatte sich 
nämlich in Fulda in den dreißiger Jahren eine 
Genossenschaft der Barmherzigen Schwestern vom 
Orden des hl. Vincenz von Paula festgesetzt, 
aber — seltsam! — in der alten katholischen Stadt
        

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