Full text: Hessenland (1.1887)

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und sollte für ihre Bezahlung Sicherheit geleistet 
werden. 
Der 12. Artikel gestattet die Freizügigkeit 
eines Bürgers, wenn er seinen Gläubigern genug 
gethan und etwaige Strafe erlegt hat. Bürger, 
welche sich in Kassel niederlassen wollen, sollen 
ehrenhaft aufgenommen werden. 
Der 13. Artikel verbietet, den rechtmäßigen 
Nähererben eines Bürgers in der Antretung der 
Erbschaft zu hindern. 
Der 14. Artikel verbietet allen Vorzug beim 
Einkauf der Lebensmittel auf öffentlichem Markt. 
Der 15. Artikel verspricht, das liegende Eigen 
thum, Höfe und Ländereien, welche nach Recht 
von der Stadt aus bebaut werden, mit keinen 
Kontributionen und Auflagen zu beschweren. 
Der 16. Artikel bestimmt, daß Keiner aus 
der Bürgerschaft zum Schultheiß ernannt werden 
solle, damit nicht aus Haß oder Gunst die Un 
parteilichkeit des Gerichts verletzt werde. 
Der 18. Artikel erklärt, daß die Beamten im 
Gericht, wo Strafen zuerkannt werden, mit dem, 
was die Schöffen für recht und billig erkennen, 
zufrieden sein sollen. 
Der 19. Artikel verspricht den geliebten und 
treuen Bürgern Kassels, sie in keiner Hinsicht 
gegen die Gerechtigkeit zu beschweren. — 
Der merkwürdigste unter diesen Artikeln ist 
jedenfalls der 16., nach welchem der Schultheiß, 
d. h. der oberste Beamte der Bürgerschaft, nie 
mals aus deren Mitte gewählt werden darf. Es 
sollte ausgesprochenermaßen dadurch jeder Partei 
lichkeit, der Furcht, daß Familienverbindungen 
auf die richterlichen Entscheidungen einwirken 
möchten, vorgebeugt werden. 
Diese Statuten wurden in den Jahren 1425 
und 1444 noch erweitert. In dem Nachtrage 
zu denjenigen vom Jahre 1425 wird festgesetzt, 
„wie man kiese und setze den Rath zu Kassel," 
wobei u. a. der sehr richtige Satz aufgestellt 
wird, daß „vil Verwandlung nicht gut sey in 
dem Rathe". — 
In die ersten Jahre der Negierung Ludwigs 
fällt ein Streit mit dem Grafen Johann mit 
der Haube, dem kriegerischen Sohne Johann's I. 
von Nassau-Dillenburg. Derselbe hatte noch zu 
Lebzeiten des Landgrafen Hermann das Land 
an der Lahn (Oberheffen) überfallen und ver 
heert, auch den landgräflichen Hofmeister von 
Riedesel gefangen genommen. Landgraf Ludwig 
sandte ihm einen Streithaufen unter Werner 
von Elben und Konrad von Wallenstein ent 
gegen. Während die Heften in dem Stippacher 
Thale an der Dill, unweit Herborn, verweilten, 
erschien Graf Johann von Siegen, um sie zu 
umzingeln. Nur eine außerordentliche Kriegslist 
konnte, wie Rommel in seiner Geschichte von 
Heften nach den alten Chronisten berichtet, dem 
weit zahlreicheren Feinde den Sieg entreißen. 
„Zu diesem Zwecke wurden die Troßbuben in 
einem nahe gelegenen Walde versteckt, mit dem 
Befehle, so bald sie das Zeichen zur Schlacht 
vernähmen, in die Hörner zu stoßen und durch 
lautes Kriegsgeschrei den Feind zu verwirren. 
Diese Kriegslist gelang. Die Naffauer, welche 
einen Hinterhalt vermutheten, wurden in Un 
ordnung gebracht und bis nach Herborn getrieben. 
Das Panier des Grafen wurde erbeutet und zu 
Marburg in der Kirche der hl. Elisabeth aus 
gehängt. Die Niederlage der Nassauer war so 
bedeutend, daß zur Aufnahme der Gefangenen 
die Thürme von Marburg, Biedenkopf, Blanken 
stein und Königsberg geöffnet werden mußten." 
Unter den Gefangenen war auch ein Heffe, Fritz 
Galgenholz, der als Kundschafter des Grafen 
seinen Landesverrath mit dem Leben büßen mußte. 
An seinen an sich schon ominösen Namen mag 
sich wohl auch das Sprichwort „Falsch wie 
Galgenholz" knüpfen. — Durch jenen Sieg hatten 
die langjährigen Fehden mit Nassau ihr Ende 
gefunden. 
Nach geendigter Vormundschaft begab sich Land 
graf Ludwig in Begleitung von 400 Rittern 
nach Kostnitz zum Kaiser Sigismund. Hier 
empfing er am 25. Mai 1417 die Reichsbelehnung 
mit dem Fürstenthume der Landgraffchast Heften, 
auch wurde ihm seitens des deutschen Kaisers 
der ehrenvolle Auftrag, in deffen und des Reiches 
Namen den Herzog Otto von Braunschweig und 
Göttingen, seinen andern Schwager, zu belehnen. 
An dem Hoflager zu Kostnitz war böswilliger Weise 
vor seiner Ankunft das Gerücht verbreitet, daß 
Landgraf Ludwig wegen seiner körperlichen 
Schwachheit unfähig zum Regieren sei. Auch um 
dieses Gerücht zu widerlegen, hatte er die Reise nach 
Kostnitz unternommen und der Kaiser soll, wenn 
anders die Schilderung eines Chronisten richtig 
ist, beim Anblick und dem Verkehre mit ihm die 
Aeußerung gethan haben, daß man Jünglinge 
und junge Pferde nicht sogleich verwerfen dürfe, 
indem immer noch gute Männer und tüchtige 
Rosse daraus erwachsen könnten. Die natürlichen 
Fähigkeiten des jungen Regenten waren dem 
scharfen Auge des Kaisers nicht verborgen ge 
blieben. 
Als 1419 der Hussitenkrieg ausbrach, begleitete 
Landgraf Ludwig den Kaiser auf deften erstem 
Zuge nach Böhmen. Später begnügte er sich, 
seinen Bundestheil dahin zu senden. In jener 
Zeit begann er auch seine gesetzgeberische Thätigkeit, 
mit welcher wir uns in dem nächsten Artikel 
beschäftigen werden. Fortsetzung folgt.)
        

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