Full text: Hessenland (1.1887)

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Historische Mizze von F. Iw en ger. 
m 23. Mai 1413 starb Landgraf Hermann 
/t der Gelehrte im Alter von 73 Jahren, nach- 
~ V. dem er fast 10 Jahre Mitregent seines Onkels 
des Landgrafen Heinrich II., des Eisernen, ge 
wesen war und 36 Jahre (von 1376 an) allein 
regiert hatte. Sein Leben war ein ununter 
brochener Kampf, aber der thatkräftige Fürst, 
den seine Feinde anfänglich als „Baccalaureus" 
verspottet hatten, welchen sie »reisig" machen 
wollten, wurde all' seiner Gegner mächtig und 
tihrte mit fester Hand und unbeugsamen Sinnes 
eine Herrschaft. Ihm folgte in der Regierung 
ein lljähriger Sohn Ludwig, das jüngste 
einer Kinder. Zweimal war Hermann der 
Gelehrte verheirathet gewesen, das erstemal mit 
Johanna von Nassau, die 1383 kinderlos 
verstarb, das zweitemal mit Margarethe von 
Hohenzollern, einer Tochter des Burggrafen 
Friedrich's V. v. Nürnberg, die männlichen 
Muthes ihm treu zur Seite stand, von der eine 
volksthümliche Chronik jener Zeit meldete, daß 
sie mehr regiert, „denn der Herr". Acht Kinder 
entsprossen dieser Ehe, vier Mädchen und vier 
Knaben, aber nur die beiden Töchter Marga 
retha und Agnes und der Sohn Ludwig 
überlebten die Eltern, von denen die Mutter 
schon 1406 gestorben war. Ludwig war am 
6. Februar 1402 zu Spangenberg geboren. Er 
war ein schwächlicher Knabe, dies mochte denn 
auch der Grund sein, daß ihn sein Vater nicht 
zu den Studien anhielt, oder mochte den Letzteren, 
den Magister liberalium artium, der in Paris 
Theologie studirt und zu Prag in seinem 20. 
Jahre vor dem Kaiser Karl IV. die Probe 
seiner Gelehrsamkeit bestanden, die Erkenntniß 
geleitet haben, daß zu einem tüchtigen Regenten 
andere Eigenschaften als die bloße Gelehrsamkeit 
erforderlich seien? Genug, vom wissenschaftlichen 
Unterrichte blieb der junge Ludwig verschont, 
aber eine streng religiöse Erziehung wurde ihm 
zu Theil, deren Grundlage Gottesfurcht und 
gute Sitten bildeten. Und dieser ftommen, aber 
(Fortsetzung.) 
nicht ftömmelnden Richtung ist Ludwig sein 
Leben lang treu geblieben. 
Der junge Ludwig trat unter der Vormund 
schaft des Herzogs Heinrich von Braun 
schweig-Lüneburg, seines Schwagers, die 
Regierung an. Als Räthe standen ihm zur 
Seite der Abt Dietrich v. Corvey, Ritter 
Hermann Trott, Heinrich von Holz 
heim, Hofmeister Wolf v. Wolfershausen, 
Marschall Eckhard v. Röhrenfurt. Eine 
der ersten Handlungen der neuen Regierung war 
die Bestätigung alter Freiheiten für die hessischen 
Städte, durch deren Beistand allein das Haus 
Hessen sich in den gefahrvollsten Lagen behauptet 
hatte. Für die Stadt Kassel erschienen neue Sta 
tuten, welche am 29. Juni 1413 verkündigt wurden. 
Sie wiederholen die acht Artikel der ältesten 
Statuten vom Jahre 1239, die Landgraf Her 
mann II. von Thüringen und Hessen, Sohn 
der hl. Elisabeth, der Stadt verliehen hatte, 
und fügen noch 12 neue Artikel hinzu. Es 
würde zu weit führen, wollten wir hier die 
acht Artikel der ältesten Statuten ihrem Inhalte 
nach wiedergeben, nur das wollen wir bemerken, 
daß deren Hauptzweck war, dem Bürger die 
persönliche Sicherheit, den Schutz gegen Gewalt 
thätigkeit zu gewährleisten und zu bestätigen. 
Dagegen können wir es uns nicht versagen, hier 
wenigstens den Inhalt der wesentlichsten unter 
den zwölf neuen Artikeln, die sämmtlich mit 
Rücksicht auf den Vortheil und das Interesse 
der Bürgerschaft erlassen waren, kurz zu skizziren.*) 
Der 9. Artikel räumt einige Hindernisse des 
freien Handels, welche durch fürstliche Beamten 
etwa hervorgerufen würden, hinweg. Selbst 
wenn die Stadt mit Bewaffneten besetzt werden 
müßte, sollten die verkäuflichen Gegenstände nach 
der Taxation zweier tüchtiger Schöffen verkauft, 
*) Vergl, Kopp, Hessische Gerichtsverfassung, Nr. 12 
der Beilagen, sowie Piderit, Geschichte der Haupt- 
und Residenzstadt Kassel.
        

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