Full text: Hessenland (1.1887)

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daß das eigentliche Wohnhaus deS Ehepaars, durch 
sämmtliche in fürstlicher Livre stehende Bedienten a b - 
gedeckt wurde, welche Execution um so leichter ge 
schehen konnte, als die meisten Häuser mit Ziegeln, 
und nicht wie an anderen Orten mit Schiefersteinen 
und Schindeln gedeckt waren. 
»Vor sechszehn bis sicbenzehn Jahren," schreibt von 
Goeckingk in dem von ihm herausgegebenen Journal 
von und für Deutschland, Jahrgang 1784, »war ich 
in Fulda bei einer solchen Execution gegenwärtig; ich 
erinnere mich noch folgender Unistände. Den Zug 
führte ein Hoffouricr, nach diesem folgte der jüngste 
Hoflakai mit einer Fahne, auf welcher die Hauptscene 
des Trauerspiels ersichtlich war. Das Gemälde 
stellt, wenn ich nicht irre, den Mann in der demüthigsten 
Stellung vor, nämlich im Begriffe, unter den Tisch 
zu kriegen, die Frau aber in der vollen Arbeit, ihn 
mit dem Bierkruge, den sie auf dem Kopfe ihrer 
lieben Hälfte entzwei schlug, den Paß abzuschneiden. 
Die herrlichste Skizze für einen Hogarth odcr Chodowiecki: 
Halbwegs kam uns die kriegerische Frau entgegen, in 
jeder Hand einen Krug mit Wein, um sich damit 
von der Strafe loszukaufen, oder.wenigstens solche 
zu mildern, welches auch in soweit die Wirkung hatte, 
daß nur einige hundert Ziegeln entzwei gcschmiffen, 
die übrigen aber auf den Boden gelegt wurden. Da 
so viele Hände daran arbeiteten, so war das Haus 
in weniger als 5 Minuten abgedeckt, während dessen 
Mann und Frau sehr flehendlich baten und noch 
allerlei leistende Vorwürfe mit anhören mußte. Der 
Zug ging sodann wieder mit schönster Ordnung nach 
dem Hoflager zurück." 
Ein Seitenstück zu dieser Execution finden wir 
in dem intcreffanten Werke des berühmten Mineralogen 
K. C. von Leonhard »Lebensbilder. Aus unserer 
Zeit in meinem Leben," Bd. 2, verzeichnet. Im 
Sommer 1826 unternahm der Heidelberger Professor 
mit seinen Freunden C. Buch von Frankfurt a. M. 
und Medicinalrath Dr. Joseph Schneider von Fulda 
eine geologische Wanderung in das Rhöngebirge. Es 
war nach dem Geständnisse Lconhard's eine der heitersten 
Vergreisen, die er je unternommen. Unerschöpflich 
war die Laune beider Begleiter, stets standen ihnen 
die heitersten Geschichtchen zu Gebote. Da brachte 
Professor von Leonhard denn auch die Rede auf jene 
Bestrafung der Schöpflmgs-Herren, die sich von ihren 
Frauen Prügeln ließen. Der alte »Rhönpapa" Dr. 
Schneider lachte und gab hierauf aus seiner eigenen 
Praxis folgendes Erlebniß zum Besten: 
»Es war sehr frühe an einem Sonntage, da stürzte 
athemlos ein Eilbote in mein Schlafgemach, Hilfe 
bei mir zu suchen. Dinge berichtete er, welche ich 
kaum begreifen konnte: Kaspar Schmitt in Poppen 
hausen, der Schlingel, habe sein Weib festgenagelt, 
so lautete die grauenvolle Kunde. Als böse Sieben 
stehe die Frau in üblem Rufe, was zu arg sei, sei 
zu arg, ich möchte kommen, um die Ärmste loszuschneiden." 
»Hin und her sträubte es sich in meiner Seele; 
allein was blieb übrig? das Dorf gehörte in mein 
Physikat; Anzeige bei der Obrigkeit hätte viel Zeit 
gekostet; in qualvollster Unruhe harrte man meiner; ich 
versah mich mit den nöthigste« Geräthschaften, wir 
machten uns auf den Weg. 
»Viele hundert Schritte vom Hause, das etwas ent 
fernt vom Orte liegt, waren nicht Schmerzenstöne, nein 
das furchtbarste Jammergeschrei zu vernehmen. In 
einiger Weite standen gaffend die Nachbarn mit einer Art 
Scheu. Der Mann groß, stark, faustkrästig, ging, 
die Hände in die Seiten gestemmt, vor der Thüre 
auf und nieder. Er grüßte zwar, sagte jedoch sehr 
nachdrucksam, indem er unverwandt mit mißtrauisch- 
finsterem Blicke mich maß und dabei die Achseln zuckte: 
»Allen Respekt vor Ihnen, Herr Doktor, nur drei 
Schritt von; Leib. Ich weiß, mein Unrecht ist groß, 
aber seine Strafe muß das Weib aushalten ohne 
Erbarmen. Oft hab' ich's ihm gedroht, der Starrkopf 
war jedoch nicht zu bändigen. Dreimal setzte ich an, 
und dreimal reute es mich; nun der Krug geht so 
lange zum Wasser bis er bricht. Jetzt ist mein 
Wort gelöst. Drei Stunden sind verflossen, wenn's 
sieben Uhr schlägt, machen Sie, was Sie wollen, dann 
hindere ich Sie nicht, allein früher ..." 
»Eine drohende Geberde des Zwingherrn niiß- 
kannte ich nicht, hatte mir auch sagen lassen, es sei 
ihm keineswegs zu trauen. Von nun an blieb sein 
Zorn stumm; er ging hin und her, ohne auf meine 
Worte zu achten. In ängstlicher Spannung mußte 
ich harren. Endlich war die gesetzte Zeit vorüber. 
»»Run mag's gescheh'n,"" 
sprach der Mann. Eingetreten in die Hütte, fand 
ich die Unglückliche, wie der Bote berichtet, mit einem 
Ohrläppchen angenagelt an den Tisch. Zwischen 
Schmerz und Beschämung über mein Erscheinen, war 
die, von Lumpen schlecht verhüllte Frau, anfangs 
thränenlos, bald aber brach sie aus in lantts Schluchzen. 
In wenigen Minuten war die Operation geschehen, 
die Leidende befreit von ihrer Qual." 
Schneider fuhr dann zu uns gewendet fort: »In 
Euren Augen, lieben Freunde, lese ich die Frage: 
Wie die Kur abgelaufen, wie die Sache geendet? — 
Vortrefflich! Völlige Heilung trat ein. Ihren 
schnöden, zänkischen Sinn legte die »Schmittin" ganz 
und gar ab. Sie, sonst stets ergrimmt im Innerste», 
von der man im ganzen Jahre kaum ein fteundliches 
Wort gehört, wurde, in ihrer Art, anspruchslos, be 
scheiden, sanft. Mit einem Wort, die böse Sieben 
erwies sich umgewandelt zum Weibe, wie es sein 
soll!" — 
Heinz von Lüder's goldene Kette. Am 
1. Oktober 1760 starb der fürstlich fuldaische Ge 
heime Rath Erhard Georg von Lüder, der 
Letzte seines uralten, durch Heinz von Lüder berühmten 
buchischen Geschlechts. In dem Nachlasse des Ge-
        

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