Full text: Hessenland (1.1887)

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Natur. Es giebt den Reichthum seines unbe 
gehrten. unbeachteten Herzens dem freundlichen 
Beobachter hin, der weltfern und bescheiden ge 
nug ist, seine in keinem Reisehandbuch, auf 
keinem Plane verzeichneten Wege zu gehen. In 
angehäuftem Buchenlaube rauschen seine Füße, 
neben ihm an den Rainen die wildverschlungenm 
Brombeerranken zwischen den schneeweiß gebleichten, 
mächtigen Blättern der Adlerfarre weisen ihre 
herrliche Zeichnung und prachtvolle Farben- 
schattirung des leuchtenden Roth von jeder Nü- 
ance im feinsten Uebergange zu Braun, Grün 
und Orange. Die Fulda — zu Zeiten so leb 
haft, ist stille geworden über dem Ernst der Zeit. 
Die hellen Lichter aus ihrer Fluth von geschmolzenem 
Silber schwinden und kehren in träumerischem 
Spiel über dem Bilde des tannenbewachsenen 
Hügels am jenseitigen Ufer im Wasserspiegel. 
Pinienhast ragt dort und hier ein einzelner 
Erlenbaum über dem dunkeln Schilfe empor 
und zuweilen trägt ein Luftzug im langsamen, 
schwebenden Flug das breite, bunte Blatt einer 
Eiche oder Buche vom Waldesrand bis in des 
Flusses Lauf, als hoffe das Jahr einen Gruß 
seiner vergangenen Jugend bis in die Ewigkeit 
des Meeres zu senden. Auf der Landstraße 
gehen hessische Bauern, Männer in blauen Leinen 
kitteln, Weiber mit der spitzen Mütze und langen 
Bandschleifen. Sie haben noch bte zähen, ge 
duldigen , ausgearbeiteten Züge ihrer Race, des 
alten, todesmuthigen Chattenvolkes, vor dem schon 
Tacitus Respekt hatte. Ihre Langsamkeit, die 
steifen Bewegungen der Glieder, die regungslose 
Kopfhaltung, verrathen einen Mangel an geistiger 
Regsamkeit, aber dann und wann blitzt in den 
grauen Augen ein Strahl empor, welcher verräth: 
es ist nur schlummernde Intelligenz. 
Langsam, wie das Leuchten einer großen, auf- 
ehenden Lebensfreude in ein müdes Gesicht tritt, 
richt die Sonne durch die Nebelschleier und er 
weckt urplötzlich mit ihrem „Sesam öffne dich!" 
all' den wunderbaren, verhüllt gewesenen Farben 
zauber des herbstigen Waldes. Die Bäume, deren 
Aeste und Kronen durch den schon gelichteten 
Blätterschmuck leichter und unmuthiger ihre Con- 
touren auf den blauen Hintergrund zeichnen, 
stehen von heller Purpurgluth übergössen. Die 
Wiese hat der letzten Ernte noch einmal den jungen 
Halm nachgeschoben und trägt die leuchtende durch 
sichtige Färbung des ersten Frühlings. Der Fluß 
strahlt nun in glänzendstem Azur. Unnennbarer 
Zauber liegt in solch plötzlichem Uebergang von 
grauer Müdigkeit zu jubelnder Festfreude — aber 
schnell wie ein Traunr stirbt aller Glanz unter den 
Schleiern des frühen Abends und vor mir liegt 
die greifbare Wirklichkeit des kleinen Bauern 
dorfes Röhrenfurt. 
Während ein Spruch des Dreizehnlinden Webers 
durch meinen Geist klingt: 
«Ueber abgrundtiefe Räthsel 
Huscht der Mensch mit leichtem Sinne — 
Sorglos wie auf blauen Schlünden 
Spielt und tanzt die Wasserspinne." 
denke ich eines Menschengeschicks — eines kleinen 
Dramas aus der Tiefe des Volkslebens, das 
zum Theil im Dörfchen Röhrenfurt sich abspielte. 
Heimgehend überdenke ich sie und werfe sie in 
wenigen Zügen aufs Papier. 
An der Heerstraße, die über die alte, schwarze 
Holzbrücke durch die Mitte des Ortes führt, lag 
ein kleines Haus, weiß getüncht, mit braunem 
Fachwerk und Hauslauch auf dem schiefen Dach. 
In den weißen, gekaltten Feldern zwischen dem 
Gebälk waren Urnen gemalt, aus denen steife 
Sonnenblumen emporwuchsen und auf der Giebel 
wand stand ein alter Spruch: 
«Beste du deinen Lebenslauf. 
«Der Mensch geht wie die Rose auf — 
«Und wie die Meter fellt er ab 
«Eh man ihn tregt zum Kielen grab" 
Ein verfallender Stall, der eine meckernde 
Ziege beherbergte, war an die Rückwand gebaut, 
ein Stückchen Garten und etwas Wiesenland 
umgaben das bescheidene Anwesen. Im Häuschen 
— der Hühnerstall unter den Flurstiegen, hockige 
Stübchen aneinandergedrängt und darin die uralte 
Großmutter, die Frau „Tielen" mit ihrer Enkel 
tochter der „Kathrinlies." 
(Forts, folgt.) 
ekrolog. 
| xe in unserer vorletzten Nummer ausgesprochene 
Befürchtung über die schwere Erkrankung 
der Fürstin Auguste zu Usenburg und 
Büdingen-Wächtersbach hat sich leider nur 
zu bald erfüllt, indem die hohe Kranke am 18. Sep 
tember in Halle ihren Leiden erlegen ist, wohin 
sie, wie wir schon berichteten, ihren Gemahl, den 
Fürsten, zur Pflege während einer Staaroperation
        

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