Full text: Hessenland (1.1887)

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mich der Gedankenflügel in die hohe Rhön und 
bei den Patres am Kreuzberg trank ich ein ge 
müthliches Bier. Und wieder stand ich in dem 
klugen» gelehrten und doch in ewiger, malerischer 
Jugend prangenden Marburg, mit seinem Wunder 
der Gothik, der schlanken, jungfräulichen Kirche 
der heiligen Elisabeth. Ich trat hinein durch 
das Thor mit den herrlichen Ornamenten. Bogen 
und Säulenpracht umfing mich und hessische 
Große sahen zu mir auf vom steinernen Sarko 
phag — mächtige Gestalten todter Tage. Fritzlar 
grüßte ich dann — den interessanten Dom mit 
den romanischen Denkmälern und dem kostbaren 
Schatze von Kelchen, Patenen, Monstranzen und 
Reliquienschreinen. Ich stand in der alten Krypta, 
wo das verlassene Grabmal des hl. Wigbertus 
steht; ich saß träumend auf dem sonnigen kleinen 
Hof inmitten des Kreuzgangs und die grauen 
Grabsteine erzählten mir graue Geschichten aus 
vergangenen „Jahren der Herren". Ich weilte 
am edelsteingeschmückten Schrein der Heiligen und 
mir schien, ich fühlte den Rosenduft ihres barm 
herzigen lieblichen Lebens, dessen Glanz noch 
heute auf Hessen und Thüringen liegt. Die 
einst engen, mittelalterlichen Straßen von 
Fritzlar scheinen noch wiederzuhallen vom Geklirr 
der Rüstungen deutscher Ritterschaft — Konrad 
von Franken ging aus diesen Mauern zum 
Kaiserthron. 
Nun lehne ich an der zerbröckelnden Mauer 
brüstung des Heiligenberges und zähle der Chatten- 
dörfer „alle sefle". Homberg lockt mich zu sich 
herüber. Dort am Schloßberg spukt „die blaue 
Dame", aber noch lieber ist mir die Erinnerung 
an „Karoline von Baumbach", die hessische Helden 
maid. Spangenberg seh' ich erstehn, auf hohem 
Schlosse wohnte dort einst das Geschlecht derer von 
Treffurt, Raubritter waren sie, — zwei Brüder. 
Einer stürzte im nächtlich tollen Ritt vom Hel 
drastein hinab. Ein Ave Maria rettete sein 
Leben. Als Büßer starb er in Eisenach. Otto 
der Schütz wohnte hier, die ritterliche Sagenge 
stalt Kinkels — und träumte einen seligen Liebes 
traum mit der schönen Elsbeth von Cleve — 
später hauste in den weiten Gemächern Marga 
rethe von der Saal, Landgraf Philipps Neben 
gemahlin. Dort kniete sie in einer kleinen 
eigens für sie gebauten Kapelle. Was sie wohl 
ebetet haben mag? Noch später schmachteten 
ort politische Gefangene und in 1871 lagen in 
den öden Gemächern kriegsgefangene Franzosen —. 
Die Zeiten wechseln. Fortgezogen folgt mein Geist 
dem Flusseslauf nach Kassel, der alten Kurfürsten 
stadt. Ich stehe auf der Kettenbrücke und vor 
mir erhebt sich der neue Justizpalast — hier 
trauerten einst die. unvollendeten Mauern der 
Chattenburg — nun hat die Gegenwart gesiegt und 
sinnend liegen die Sphinxe vor den imposanten 
Stufen. Altes, schönes Kassel! Wieviel hast du ge 
sehen ! Landgrafen und Kurfürsten in langer Reche 
— den lustigen Jsrüme — die rothe Revolution 
— die große Veränderung von 66. Du empfingst 
den trauernden Napoleon III. auf dem Prachtsitz 
deiner Fürsten und sahst den letzten, verbannten 
Sproß ihres Hauses im Todtenschreine deine 
Straßen wieder durchziehen. Noch heute meine 
ich den Eisenbahnzug durch das winterliche Land 
fahren zu sehen, der seine Leiche brachte, noch 
meine ich die ernsten Glocken diesen Einzug grüßen 
zu hören. 
Im Wilhelmsthaler Rococo-Schlößchen drüben 
im Walde aber hängen lange Reihen Tisch- 
beinischer Portraits und erzählen von der 
zarten Schönheit der Töchter, hessischer Adelsge 
schlechter, und vor dem Theater steht das edle 
Monument des ernsthaften Meisters Spohr — 
des hessischen, musikalischen Klassikers und hier 
und dort hängt in Palast oder Gallerie ein Bild 
des feinsinnigen Nahl. Ein hessisches Landeskind 
auch stellte die prächtigen, adeligen Frauenge 
stalten auf im Treppenhaus der Gemäldegallerie; 
stolz und erhaben grüßen diese Repräsentantinnen 
mächtiger, künstlerisch begabter Nationen. Drunten 
in der Au aber trauert der hessische Löwe mit 
gesenktem Antlitz um die Helden, welche auf dem 
Forst die fremde Todeskugel traf. O, du reiches, 
kleines Hessen, wie wandeln durch deine Auen 
hohe Gestalten der Heldensage, der Poesie, der 
Kunst, des Märchens, dem die Gebrüder Grimm 
so Herrliches abgelauscht! wie wohnen in deinen 
Gauen Glück und Leid so nahe nebeneinander! 
Innig mit dem Gemüthe des Volkslebens ver 
knüpft ist der Christenglaube, — das Halten an 
Treu und zäher Redlichkeit. Wohl mag in der 
Ferne deine Kinder, kleines Land, bittere Sehn 
suchtsqual ergreifen! Historische Reminiscenzen 
wie diese wecken manch prächtiges Bild alter 
und neuer Zeit, und doch, was den mächtigsten 
Zauber um uns schlingt, ist der Reiz der heimischen 
Natur, des heimischen Volkslebens. 
Eben jetzt verfiel ich dem Zauber dieser Natur. 
Einer der ersten Novembertage, deren Nächte 
schon vom Meißner den Frau-Hollentanz des 
Windes und vom Odenberg den Wodanszug des 
eisigen Sturmes gebracht, gaben der einfachen, 
nur dem liebevoll forschenden Auge ihre ver 
schleierten Reize bietenden Landschaft eine fast 
drückende Melancholie, die jedoch durch das Ein 
gehen auf die von grauem Nebel verhangene 
Schönheit von Fluß, Wald und Berg gemildert 
ward. 
Mit tiefem, herzlichen Blick der Seele lohnt das 
verschwiegene, hessische Thal dieses Eingehen auf 
die Geheimniffe seiner innersten, unentweihten
        

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