Full text: Hessenland (1.1887)

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Um kurz zu sei», ich erhielt eines Tages 
einen Brief von ihr — ich saß gerade mitten 
im Examen — in welchem sie mir, weise, wie 
sie zuweilen sein konnte, auseinandersetzte, daß 
es für uns Beide, da ans keiner Seite nennens- 
werthes Vermögen sei, besser wäre, das Ver 
hältniß zu lösen, und daß sie im Begriffe stehe, 
sich mit dem Banquier Müller zu verloben. 
Die Stunden, die sie mit mir verlebt, seien so 
schön gewesen, wie sie nie wiederkehren würden, 
das wisse sie, aber ihr grane vor der Misöre 
des Lebens. Ihr letztes Wort war ein heißer 
Dank für alles Gute, was ich ihrer Seele 
gethan habe." „Welch' ein bodenloser Egoismus", 
ging es verächtlich über die Lippen Bernhard's. 
„Bei Gott, sie verdiente eine exemplarische 
Züchtigung." 
Hans schwieg. Die Zeit, die er eben herauf 
beschworen, war längst verblaßt in seiner Er 
innerung, auch die seiner kurzen, in fahrender 
Zerissenheit geschlossenen Ehe. Es war nicht 
die Eva Bosse, die sich damals in egoistischem 
Wahne von ihm abgewandt, die heute seine Seele 
umfaßt hielt — es war das bleiche, abgehärmte 
Weib, welches das Leben später auf seinen Weg 
geworfen. 
Er griff unwillkürlich mit der Hand nach 
seinem Herzen. Ach, das Bild, das selbst ernste 
Studien und Probleme nicht bannen konnten, 
hatte sein Bestes in ihm vernichtet 
SH 
Kein; vo« Liidrr. (1547) 
Nun Gnade Gott, dir mein Ziegenhaiu! 
Der Speerwald der Feinde schließet dich ein. 
Des Kaisers zahlloses Heer; 
Laut brüllt vor den Thoren das Sturmgeschrei, 
Wie brandende Meerfluth wogt es herbei, 
Der stehest du nimmermehr! 
Als Alte- wankte, — du hieltest fest, — 
Wer bringt dir nun Rettung, trutziglich Nest, 
Todesmuthige, hessische Braut? 
WaS half dir wildkühne, männliche Wehr? 
Gefangen der Fürst und zerbrochen der Speer; 
In Banden, dem du vertraut! 
Mein Hessenland, — verlorenes Land! 
Wer hat deinen zornigen Leuen gebannt, 
Getreten in den Staub? 
Mein Hessenbanner, das nie besiegt 
In tausend Schlachten sich hat gewiegt, 
Sag' an, wem fielst du zum Raub? — 
Gefangen ist Philipp! — Der anstrische Aar, 
Stürzt würgend herab auf die hessische Schaar, 
! „Und wann sahst Du sie wieder?", fragte 
! Bernhard, mit beinahe andächtiger Scheu vor 
! dem Schmerze, der so ausgeprägt auf dem 
Gesichte Hubers lag. 
„Wann?" Vor Jahren, als mich der Zufall 
hier durch Eure Stadt führte. Es war ein 
Regentag, wie heute — kalt, stürmisch — trotz 
der Sommerzeit — und sie, — sie kam aus 
dem Pfandhause. 
Er war aufgestanden und ging mit hastigen 
Schritten hin und her. 
„Ich glaube, es ist Zeit nach Hause zu gehen, 
Bernhard", sagte er endlich mit klangloser 
Stimme, „der Regen hat aufgehört." 
Bernhard antwortete ihm nicht, ihm graute 
vor der fahlen Blässe in seines Freundes Gesicht. 
Draußen angekommen, ergriff er dessen Hand, 
mit feinem Takte fühlend, daß keine Unterhaltung 
mehr möglich sei. 
„Bis morgen, Hans", sagte er „ich werde 
Dich in Deinem Hotel abholen." 
Hans blieb einen Augenblick stehen und sah 
gegen den sternhellen Himmel. „Komm morgen 
lieber nicht, Bernhard, ich will doch erst nach 
Nachstadt fahren und die Angelegenheit mit 
meiner Kleinen in Ordnung bringen. So Gott 
will, bin ich bis übermorgen wieder zurück, 
gute Nacht!" 
(Schluß folgt., 
Erbarme sich Gott der Noth! — 
Er rüttelt gewaltig an Ziegenhaiu's Thor: 
„Hei Lüder! du kecker Geselle, hervor! 
Ergieb Dich auf Leben und Tod!" 
Der Heinze von Lüder tritt auf den Wall, 
Und ruft hinab in der Feinde Schwall, 
Seinen Spruch, voll Treu und voll Muth: — 
„Herr Kaiser! der Fürst hat mich ernannt 
Zü der Festung Ziegenhain Kommandant, 
Ihm dien' ich mit Leben und Blut! — 
— Kann Euch drum offnen die Thore nit, — 
Ohn' des Fürsten Verlaub! (wär' närrische Sitt'!) — 
Und ergeben mich nimmermehr! — 
Wollt Ihr berennen das Nest auf gut Glück, 
Ich jag' Euch mit blutigen Köpfen zurück — 
— Das merk' dir, du kaiserlich Heer!'■' — 
Und der Feind drängt an in schäumender Wuth; 
Die Hessen um Lüder stehn fest und gut 
Und trotzen dem Stürmen und Dräun; 
Es klirrt das Schwert, es kracht das Geschoß 
Und sterbend zusammen sinkt Mann nnd Roß: 
i So ringet der Aar mit dem Leu'n.
        

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