Full text: Hessenland (1.1887)

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Ebene Niederhessens, begrenzt von nahen und 
fernen Waldgebirgen, eine für ein Lustschloß sehr 
geeignete Stelle gewählt. Aus seiner Regierungs 
zeit und der seiner nächsten Nachfolger, Friedrich I., 
König von Schweden und Wilhelm VIII. ist 
von dem Schlosse nichts Bemerkenswerthes bekannt 
geworden. Ersterer hat nur einmal bei seinem 
Regierungsantritt seine Stammlande besucht und 
Letzterer schenkte ihm keine Beachtung, da sein 
Augenmerk nur auf die Gründung von Wilhelms 
thal, für welches er über eine halbe Million 
Thaler verwendete, gerichtet war. 
Die Glanzzeit des Schlosses beginnt erst mit 
dem Regierungsantritt des Landgrafen Friedrich 
II. Dieser prunkliebende Fürst, welcher in Nach 
ahmung des am französischen Königshofe herrschen 
den Glanzes alle andern von gleichem Streben 
erfüllten deutschen Fürsten übertraf, hatte alsbald 
nach seinem im Jahre 1760 erfolgten Regierungs 
antritt Anordnung getroffen, das schon etwas 
verfallene Schloßgebäude durch seine vollständige 
Wiederherstellung und Erweiterung durch Neu 
bauten zu einem glänzenden Höfiager herzu 
richten. Aus dem im Jahre 1764 zuerst erschienenen 
hessischen Staats- und Adreßkalender ergiebt sich, 
daß schon in diesem Jahre die Falkonerie dort 
ini Sommer während der Baizzeit ihren Sitz hatte. 
Das dazu gehörige Personal bestand aus einem 
Ober-Falkenmeister (von Kanitz und dann von 
Osterhausen), einem Falkenpagen, einem Falken 
meister, vier Falkenknechten, drei Falkenburschen 
und einem Reiherwärter zur Aufsicht über das 
in der Nähe des Schloffes gelegene und seit 
einigen Jahren abgeholzte Reiherwäldchen. 
Zu dem Hoflager, welches Friedrich II. jedes 
Jahr im Juni im Schlosse hielt, wurden außer dem 
sehr zahlreichen Hofgefolge, zu welchem namentlich 
viele Officiere gehörten, den Jagdbeamten rc. 
auch das sämmtliche Personal des ftanzöfischen 
Theaters, des Ballets und der Hofkapelle heran 
gezogen und alle fanden in den mehr als 
fünfzig Zimmern des Schlosses ihre Unterkunft. 
Für das gesammte Hofgefolge, Herren und Damen, 
war für die Zeit ihres Aufenthalts im Schlosse 
die Kleidung genau vorgeschrieben. Sie bestand 
für die Herren in Röcken von Scharlachtuch mit 
Ermeln und Kragen von hellblauem Sammet, 
verziert mit silbernen Tressen; für die Damen 
in Kleidern von derselben Farbe und in mit 
einem Reiherbusch geschmückten Hüten. Den Herren 
durfte in damaliger Zeit bei schön gepuderter 
Frisur der Zopf nicht fehlen, indem die Haare 
in einem sehr breiten und fast fußlangen 
schwarzseidenen Haarbeutel getragen wurden. 
Reiherbaizen, Falkenjagden, Schauspiele, Kon 
zerte, großartige ländliche Feste, splendide Hostafel 
brachten dann ein glänzendes und an Abwechslung 
reiches Leben in das Schloß, welches noch dadurch 
erhöht wurde, daß für diese Zeit auch mehrere 
Regimenter in die nächste Umgebung zusammen 
gezogen wurden. 
Landgraf Friedrich stand, wie Heinrich Koenig 
schreibt, „unter dem Meridian der französischen 
Sprache und Literatur, welche durch Voltaire 
bezeichnet wird und auch in gewissen Kreisen der 
Gesellschaft etwas vom Dufte volltairischer Denkart 
verbreitet hatte." Damit steht auch im Zusammen 
hang, daß Voltaire einmal selbst in dieser Zeit 
auf einer Reise von Berlin nach Paris zu den 
Gästen des Landgrafen in Wabern gehört hat. 
Bei solchem Geiste der Zeit konnte es dem 
üppigen Hofleben auch an interessanten Vorfällen, 
Intriguen u, s. w. nicht fehlen, von welchen 
zahlreiche Beobachter, welche sich aus Kassel und 
anderen Städten in dieser Zeit in Wabern 
einfanden, mancherlei pikante Anekdoten zu er 
zählen wußten. 
Unter den galanten Damen des Hofes zeich 
neten sich besonders aus die unvermählte Prin 
zessin Charlotte, Tochter des Prinzen Maximilian 
von Hessen, und eine bei dem Landgrafen in 
besonderer Gunst stehende Gemahlin eines Generals. 
Allen diesen ftanzöfischen Herrlichkeiten wurde 
wie mit einem Zauberschlage ein jähes Ende 
bereitet, als der echt deutsch gesinnte Landgraf 
Wilhelm IX. im Jahre 1785 den Thron seines 
Vaters bestieg. Schloß Wabern gerieth während 
der 36 Jahre seiner Regierung fast vollständig 
in Vergessenheit, da dieser kunstsinnige Fürst 
vor Allem darauf bedacht war, die nach ihnl 
benannte Wilhelmshöhe durch Erbauung des 
Schloffes und der Löwenburg, Anlegung des 
Steinhöferschen Wafferfalls und des Aquaeouktes 
zu dem „schönsten Garten Europas" zu erheben. 
Auch König Jerome ließ das Schloß in Wabern 
ziemlich unbeachtet, hat es aber mit der Königin 
bald nach seinem Regierungsantritt besucht. 
Diese schrieb am 7. März 1808 an ihren Vater 
aus Kassel: 
„Wir haben einen Ausflug nach Wabern, einer 
6 Stunden von hier entfernten Domaine des 
Königs gemacht. Es war aber ein wegen der 
großen Kälte wenig angenehmer Aufenthalt, da 
in den großen Zimmern keine Oefen, sondern nur 
schlecht konstruirte Kamine sind. Das Schloß 
ist ein gefälliges Gebäude, aber nur zum 
Rendezvous für die Jagd im Sommer geeignet, 
ich glaube nicht, daß wir es noch einmal im 
Winter besuchen werden." 
Erst unter der Regierung Wilhelm II. begann 
wieder eine Glanzzeit des Schloffes. Nachdem 
dieser baulustige Fürst das neue Schloß in 
Kassel gebaut und dieses, sowie das Schloß auf 
Wilhelmshöhe mit der größten Pracht im Innern
	        

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