Full text: Hessenland (1.1887)

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tigkeit. Die jetzige Besitzerin des Schlosses, die Frau 
Landgräfin von Hessen, welche gegenwärtig auf ihrem 
Lustschloß Adolfseck bei Fulda weilt, beehrte die Aus 
stellung mit ihrem hohen Besuche, wobei das Comits 
dexselhen ein prachtvolles Bouquet überreichen ließ, 
das ist . finniger Blumenzusammensetzung ein Kreuz 
iy den päpstlichen Farben auf einem von den hessischen 
Farben gebildeten Grunde zeigte. Es ist ein interessanter 
Zufall, daß der Ausstellungsraum — ein Prächtiger 
Saal, den ein geistlicher Fürst des vorigen Jahr 
hunderts durch seinen geschätzten Hofmaler Eman. 
Wohlhaupter mit al fresco gemalten Bildnissen der 
deutschen Kaiser herrlich ausschmücken ließ — bereits 
vor beinahe 150 Jahren schon einmal in ähnlicher 
Weise benutzt wurde. Damals rüstete sich das Hoch 
stift gleichfalls zu einem kirchlichen Feste von höchster 
Bedeutung: die tausendjährige Gedenkfeier des Todes 
des hl. Bonifatius nahte heran, und wo heute die 
Töchter der altehrwürdigen Bonifatiusstadt die Er 
zeugnisse ihres Kunstfleißes ausgestellt haben, da 
saßen ihre Urahnen damals versammelt und stickten 
unter der kunstvollen Anleitung eines Goldstickers 
aus Paris an prächtigen Kirchengewändern, die der 
damalige Fürstabt Amand von Buseck für die hehre 
Gedächtnißfeier gestiftet hatte. Der überaus kostbare, 
mit dem Wappen des Fürsten und den reichsten 
Goldstickereien gezierte Ornat aus rothem Genueser 
Sammet soll sammt einem entsprechenden Neberzug 
über den Baldachin 20,000 Gulden gekostet haben 
— eine für die damalige Zeit außerordentlich hohe 
Summe. Derselbe bildet aber auch heute noch einen 
sehr werthvollen Theil des Fuldaer Domschatzes, und 
wenn er bei höchsten Kirchenfesten einmal an's Tages 
licht kommt, dann sieht man ihn noch in so wunder 
barer Farbenfrische und ungetrübtem Goldglanze 
prangen, als ob jene emsigen Fraucnhände, die einst 
voll Freude daran geschafft, nun aber so lange schon 
in Staub zerfallen sind, ihn jetzt erst fertig gestellt 
hätten. I. Kr. 
— Unter außerordentlicher Betheiligung fand am 29. 
August das Leichenbegängniß des Königlichen Seminar 
lehrers und Musikdirektors Prof. vr. Wilhelm 
Bolckmär in Homberg statt, von dessen plötzlichem 
Ableben wir unsere Leser bereits in voriger Nummer 
benachrichtigt hatten. Zahlreiche Schüler und viele Freunde 
des berühmten Musikers hatten sich eingefunden, um 
dessen sterblichen Ueherresten das letzte Geleit zu geben. 
Nach dem Vortrage des Liedes „Christus, der ist mein 
Leben" setzte sich der Leichenzug vom Sterbehause in 
Bewegung. Den mit Kränzen, Palmen und Blumen 
förmlich überschütteten Sarg, welchem die Orden des 
Verblichenen vorausgetragen wurden, trugen Schüler 
des Seminars zum Friedhof, wo derselbe unter Gesang 
der Erde übergeben wurde. Da Bolckmär bei Leb 
zeiten den Wunsch ausgesprochen hatte, daß an seinem 
Grabe die Grabrede unterbleiben möchte, sprach, der 
betreffende Geistliche nur ein Gebet, woran sich aber 
mals Gesang, vom Seminarchor ausgeführt, allschloß. 
In Bolckmär, welcher 1812 in Hersfeld geboren 
wurde und während seines ganzen Lebens eine be 
deutende Thätigkeit dem engeren Vaterlande widmete, 
verliert Hessen einen seiner ersten Söhne. Bolckmars 
Leben, welches wenig wechsclvoll war, sich vielmehr 
einfach und gleichmäßig im Hessenlande abspielte, 
kennen unsere Leser schon aus Nr. 2 unserer Zeit 
schrift, es bleibt noch übrig, Bolckmars Verdienste und 
seine Werke zu beleuchten. Bolckmär war einer der 
ersten Orgelvirtuosen Deutschlands, vor allem im 
Vortrage klassischer Kompositionen und seiner eigenen 
Tonschöpfungen kam ihm Keiner gleich. In Volks 
kreisen ist Bolckmär hauptsächlich durch „das Gewitter 
bekannt, eine Fantasie, in welcher er das Herannahen 
eines Gewitters, das Heulen und Brausen des Sturmes, 
den Donner und Blitz trefflich nachzuahmen verstand. 
Als Komponist ist er außerordentlich thätig ge 
wesen. Zunächst ist seine „Orgel-Schule - 
zu nennen, ein in seiner Art einzig dastehendes Werk; 
das „Borspielbuch für Orgel", 360 Vor 
spiele zu sämmtlichen Chorälen von Volckmar's 
Choralbuch op. 165 wird in ganz Deutschland mit 
Vorliebe benutzt. Von tiefem Gemüth und Gc- 
dankcnreichthum zeugen seine Orgelfo n aten, unter 
denen op. 81 (G moll), op. 145 (A moll) und 
op. 148 (B dur) als die vorzüglichsten genannt zu 
werden verdienen. Konzertfantasien, Konzerlvaria 
tionen, Märsche, Tonstücke für Klavier, Choralbücher, 
Festvorspiele für Orgel, geistliche Lieder, Tonstücke 
für Violine und Orgel, Orgelintonationen, Nachspiele 
für Orgel dürften unter seinen Kompositionen her 
vorgehoben werden. Als Pädagog hat Bolckmär auch 
außer seiner „Orgel-Schule- Schätzenswertes geleistet. 
So sind seine „Tonleiterstudien fürPiano- 
forte", seine „ Elementarübungeu für Vio 
line-, letztere speziell für Präparandenschulen und 
Seminarien geschrieben, sehr instruktive Werke. Vor 
trefflich sind anch die aus klassischen Werken arran- 
girten Tonstücke für vierstimmigen Männerchor mit 
Orgel, sowie „Eichenkranz-, eine Sammlung 
deutscher Vaterlandslieder mit Tonweisen für zwei 
stimmigen Volksgesang und vierstimmigen Männerchor. 
— Zum Schluß sei noch bemerkt, daß Bolckmär 
neben seinem in Hersfeld geborenen und in Kassel 
lebenden Landsmann Karl Rund naget als Orgel 
revisor in Hessen Vortheilhaft bekannt war.
        

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