Full text: Hessenland (1.1887)

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„Und doch muß es sein, Bernhard", unter 
brach ihn Hans Huber, während er sich um 
wandte und sein blasses Gesicht voll auf den 
Freund richtete —" es muß sein. Ich weiß 
es, ich trenne mich schwer von der kleinen Grille 
— sie zirpt so süß — aber wieder heirathen, 
das geht nicht. — Mein Herz hat sich dennoch 
nie von der Antigone lösen können, so ehrlich 
ich es auch versucht habe, nie!" 
Bernhards Hand, die noch auf des Freundes 
Schulter gelegen, fiel jäh herunter, und er sah, 
als traue er sich selbst nicht, verständnißtos in 
das Gesicht des Freundes, auf dem jetzt ein 
nagender Schmerz lag. Also doch, Eva Bosse, 
das hschaufgeschossene Mädchen mit den dunklen 
räthselhaften Augen! Gewiß, er und seine 
Freunde hatten das immer gefürchtet, wenn 
Hans Huber mit Homer und Cicero unter 
dem Arme, und später mit der Studentenmappe 
keine anderen Wege kannte, als die ihren. 
Also doch! 
Und als er jetzt wieder dem Freunde stumm 
gegenüber am Tische saß, da spannen seine Ge 
danken weiter an den verschwommenen Bildern 
der Bergangenheit und immer lichter und lichter 
erhoben sie sich aus dem Nebel der Zeit. Eva 
Bosse! Wie sie den Kopf hoch hielt und vor 
nehm zu gehen pflegte, als sei das schlichte ärm 
liche Kleidchen, welches sie trug, aus lauter 
Sammt und Seide! 
Und als der erste Burschenschaftler der Ver 
bindung Borussia in seinem besten Ornate bei 
ihr Besuch gemacht, um sie zum Balle einzu 
laden, da hatte sie die Augen mit souveräner 
Ruhe zu ihm aufgeschlagen, als wollte sie mit 
Antigone sagen: 
„Du rührst an meine tiefe Herzenswunde." 
Er mußte lächeln. 
Das war ja freilich nur die Erfindung von 
Haller gewesen, mit welcher er seinem Aerger 
gerecht wurde, aber wahr blieb es doch, daß sie 
die Bälle ablehnte, weil ihre Kleider zu ärmlich 
waren. 
„Hast Du Eva Bosse niemals wieder gesehen, 
Hans?" fragte er, au diese Gedanken anknüpfend, 
über den Tisch herüber. 
Hans fuhr aus tiefen Träumen in die Höhe. 
„Sagtest Du etwas, Bernhard?" 
„Ich meine nur so, ich dachte an Eva Bosse 
-- sie wnrde doch schon nach einigen Jahren 
Wittwe, hast Du sie später nicht wieder ge 
sehen?" 
Hans Huber fuhr mit der Hand durch sein 
kurzes dunkles Haar — eine Gewohnheit, die 
Bernhard schon aus der Studentenzeit an ihm 
kannte, — rückte seinen Stuhl näher zum Tische, 
und während er mechanisch des Freundes Glas 
füllte, sagte er langsam: 
„Ihr habt Alle Eva Bosse nicht gekannt und 
daher unterschätzt, Bernhard, glaube es mir, 
Freund Haller gab ihr aus lauter Hohn den 
Namen Antigone, aber sie hatte wirklich ver 
wandte Züge mit ihrer griechischen Schwester. 
Vor allen Dingen konnte sie nichts Erniedrigen 
des ertragen. Und wenn sich das auch anfäng 
lich nur in Kleinigkeiten äußerte, — du lieber 
> Gott, was träumt sich so ein phantastisches Kind 
in darbenden Verhältnissen nicht Alles zurecht! 
Es haben schon ganz andere Leute geglaubt, daß 
Glanz und Reichthum Glück seien." — 
„Ich habe durch sie viel gelitten, Gott weiß 
es," fuhr er nach einer Weile fort, während er 
mit den zuckenden Fingern sein Glas drehte und 
die Augen in das Gold des Marsala grub — 
„habe sie auch eine Zeit laug gründlich zu hassen 
gemeint, wie das so geht — aber ihre Armuth, 
ihre tiefe Armuth und die stolze Art, wie sie 
dieselbe trug, haben mich ausgesöhnt mit Allem. 
Ich war fünf Jahre lang ihr Verlobter, 
Bernhard." 
„Um Gottes Willen, das habe ich nicht 
gewußt, Hans" — und Bernhard nahm theil- 
nehmend die Hand des Freundes, die zitternd 
auf dem Tische lag. „Du kannst Dir vor 
stellen", fuhr Hans erregt fort, „was das bei 
einem Charakter, wie der Eva's, sagen wollte! 
ES sollte kein Mensch eine Ahnung von unserem 
Verhältnisse haben, weder meine Familie, noch 
meine intimsten Freunde. Hätte ich sie nicht 
so unbeschreiblich geliebt und so tiefe, große 
Stunden mit ihr verlebt, ich hätte es nicht 
ertragen." 
„Aber was um des Himmels Willen konnte sie 
bewegen. Dich aufzugeben, Hans?" „Ja, das 
ist eine Frage, deren Antwort sich nur aus der 
genauesten Kenntniß ihres Charakters und ihrer 
Verhältnisse errathen läßt. Ihrer Natur waren 
Armuth und Einschränkung unsäglich zuwider, 
sie litt darunter, wie Andere unter physischen 
Schmerzen. Das ewige Sorgen um die noth 
wendigsten Dinge, wie oft hat sie mir gesagt, 
daß ihr davor mehr graue, als vor allen 
Schrecken der Welt." 
„Aber sie ist anscheinend nicht davor bewahr^ 
geblieben?", fragte Bernhard. „Nein, si^ 
heirathete in thörichtem, eitlem Wahne den 
reichen Mann, um kargen Leben aus dem Wege 
zu gehen — und kam in die bitterste Noth. — 
Als ob der Mensch das Elend, das auf seinem 
Wege liegt, vorahnend im Herzen trüge.
        

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