Full text: Hessenland (1.1887)

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taufe er nicht. Solche Zumuthung allein sei' 
schon eine Entweihung seines heiligen Amtes. 
Darauf sandte der Ritter zu dem Seelenhirten 
eines anderen Dorfes mit derselben Aufforderung. 
Dieser, ein schlauer Mann und nicht so schwer 
fällig im Denken wie sein Amtsbruder, verstand 
sofort, daß es sich um Söhne des Herrn von 
Hund handele und erschien unverzüglich auf der 
Burg. Zum Dank für seine Bereitwilligkeit be 
lehnte ihn der Burgherr mit einem bedeutenden 
Grundbesitz, den er eigentlich dem Pfarrherrn 
seiner Gemeinde zugedacht hatte. — 
Weit interessanter war es uns aber etwas über 
den sogenannten Kirchenstumpf jenseits der Schwalm 
zu hören. Ein Mauerrest, unten schmäler, in 
der Mitte ziemlich breit und oben fast spitzig 
zulaufend, erhebt sich wie ein Ausrufungszeichen 
aus einer Menge Steingeröll, welches von Immer 
grün und dornigem Gestrüpp überwuchert ist. 
Hier soll früher das Dorf gestanden haben, das 
im dreißigjährigen Kriege bis auf jenen kleinen 
Mauerrest der Vernichtung anheim gefallen. 
Da die Mauer jenes Stumpfes sehr dick ist, so 
wird angenommen, daß es ein Rest der Kirche 
ist, denn die Häuser der Bauern sind wohl 
schwerlich so massiv gewesen. Hier eröffnete sich 
der Phantasie des alten Herrn ein schier unbe 
grenzter Spielraum. Generationen ließ er er 
stehen und ins Grab sinken und schilderte uns 
mit lebhaften Farben die Schrecken jenes Krieges, 
dem all das blühende Leben zum Opfer gefallen. 
Auch von diesem Erdenfleck laufen Volks- und 
allerlei gespenstische Sagen um. 
Kam der Abend, so brachte die Frau Försterin, 
— die Frau unseres alten Freundes, — eine 
gute, freundliche alte Dame, den dampfenden 
Pfannenkuchen, das fast allabendliche Gericht ihres 
Mannes. Meist genoß er dazu einen Teller dicke 
Milch, oder wenn gerade gebuttert war, auch 
ein Glas Buttermilch. Wir standen dann in 
andächtiger Erwartung des uns zugedachten 
Stückchens dicht neben ihm. und es war eine 
Lieblingsneckerrei des alten Freundes, zu thun, 
als sähe er unsere begehrlichen Augen nicht. 
Manchmal trieb er es gar so weit, uns zu 
fragen: „Ihr eßt nicht gern Pfannenkuchen, nicht 
wahr?" Worauf mit größter Pünktlichkeit ein 
vierstimmiges: „O doch Großvater! Sehr gern," 
ertönte. 
Dann rief er wohl in die offenstehende Flur 
thür hinein: „Minchen!" — Minchen war die 
Tochter des alten Herrn — „Minchen, back doch 
noch 'en Kuchen, für die Kinder." Kam dann 
die Magd, um uns heim zu holen, so waren 
wir meist gar nicht erfreut, besonders zu der Zeit, 
als die Mutter daheim lange Monde schwer 
krank darniederlag. Da durften wir im Hause 
nicht lärmend umherspringen, die Mutter sahm 
wir selten, der Vater war immer ernst und traurig 
und wir Kinder fühlten uns überflüssig. 
Und dann kam ein Tag, wo sich ein düsterer 
Zug durch die Dorfstraße bewegte. Von upserm 
Hause ging er aus und in dem dunklen Schrein, 
den ernste Männer trugen, ruhte eine bleiche, 
kalte Gestalt, unsere Mutter, deren Augen nun 
nie mehr mit zärtlicher Traurigkeit auf uns ruhen 
sollten. — Da war es wieder der Großvatet, 
zu dem wir uns flüchteten. Scheu an die alt- 
morschen Staketen des Gärtchens gedrückt, spähten 
wir dem unheimlichen Zuge nach, nicht begreifend, 
daß wir viel, sehr viel verloren hatten, die Liebe 
und Fürsorge einer Mutter. 
Der Alte aber führte uns hinein in das trau 
liche, niedere Gemach. Wir sahen es wohl, wie 
glänzende Tropfen in den langen, weißen Bart 
rollten, und wie er sich mit dem roth gewürfelten 
Taschentuch wieder und immer wieder die Augen 
wischte, als wir uns an ihn schmiegten mit der 
Frage: Ob die Mutter nun endlich nicht mehr 
krank sei, und ob wir nun daheim wieder „An 
schlag" spielen dürsten, und ob der Vater nun 
wieder lachen werde? Seim weiches Herz wallte 
auf im tiefsten Mitgefühl mit uns. dennoch ver 
mochte er wie sonst mit uns zu scherzen, um uns 
die Schwere des Verlustes weniger fühlbar wer 
den zu lasten. 
Zuweilen im Winter, wenn dichter Schnee die 
Felder deckte und der brausende Nyrdost über 
das Land fegte, dann saß er wohl auch einmal 
an dem altmodischen Schreibschrank mit den 
Messingbeschlägen. Seine Hand führte den 
sorgfältig geschnittenen Gänsekiel über das derbe, 
gelbliche Papier. Dann schrieb er an seine ent 
fernten Kinder. Doch selten genug geschah diis, 
denn das Schreiben gehörte ja niemals zu seinm 
Lieblingsbeschäftigungen. Zu seiner Zeit, — 
das heißt als er noch im Dienste gewesen, — 
da hielt man noch nicht so viel von der Schreiberei. 
Er schüttelte oft mißbilligend sein graues Haupt, 
wenn er sah, wie sein Amtsnachfolger oft tage 
lang an den Schreibtisch gebannt war. Fragte 
er uns: „Nun Kinder, wo ist denn heute der 
Vater?" so mußten wir häufig genug aussagen: 
„Er schreibt wieder den ganzen Tag." Dann 
murmelte er in sich hinein: „Ist das heut zu 
Tage eine Einrichtung! Das sollen Revierförster 
sein und müffen beständig hinter dem Schreib 
tisch hocken! Was denkt sich eigentlich das hohe 
Forstkollegium?" — 
Dann kam ein Tag, wo er sich nicht mehr, 
weder über das Forstkollegium- noch über sonst 
Etwas ärgerte. Wer auch das Necken und 
Scherzen mit uns Kindern hatte sein Ende er 
reicht. Er sollte uns nie mehr errathen lasten,
        

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