Full text: Hessenland (1.1887)

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„Anderes"' geben lassen, konnten es aber leider' 
nicht genießen. Kaum hatten sie die ersten Bissen 
genommen, da schmetterte der Postillon sein 
„Schier dreißig Jahre bist du alt," vom hohen 
Bock herunter.Es hieß weiterfahren und mußten 
die Frankfurter mit knurrenden Magen den ge 
deckten Tisch verlassen; sie gingen, wüthende 
.Blicke auf den behaglich seinen Fisch verspeisenden 
Förster und den unter dem Tische knabbernden 
Deckel schleudernd. 
„Siehst du Waldmann, die zwei Hanswürste 
aben wir schön angeführt," wurde der Hund 
elobt, als das Gastzimmer leer geworden. 
Waldmann knabbere ruhig weiter, klopfte aber 
zum Zeichen seines innigen Einverständnisses 
mit dem Schwanz auf die weißgescheuerten, 
mit Sand, bestreuten Dielen des Fußbodens. 
Unbekümmert um den Grimm der Fremden, 
hatte der' alte Herr ihnen nebenbei in seiner be 
haglichen treuherzigen Art die Geschichte von 
Waldmanns Auge erzählt: Daß er den Wald 
mann vor längerer Zeit mit auf die Jagd nach 
Fischottern genommen habe. Daß eine ange 
schossene Otter, welche der Hund verfolgte, dem 
selben das rechte Auge ausgebifsen, worauf er 
kurz entschlossen dem Hunde sofort das rechte 
Auge der' nun exlegten Otter kunstgerecht einge 
setzt habe. Er habe es ja anfangs selbst nicht 
geglaubt, daß das Vieh mit' dem neuen Auge 
sehen werde; doch als er einige Tage später mit 
dem Waldmann am Schwalmufer hingegangen 
— das Wasser habe gerade, in Folge des an 
haltenden Regens so dick ausgesehen, wie durch 
gerührte Erbsensuppe,'— da habe alle Nasen 
lang der Hund etwas gestanden. Es sei aber 
durchaus kein Wild in der Nähe gewesen, und 
schließlich sei er' dahinter gekommen, daß das 
„Sackermentsvieh" durch das Otterauge alle 
Fische im trüben Wasser sehe. Später habe er 
denn auch entdeckt, daß das Thier auf die ge 
backenen und gekochten Fische eben so schlimm 
sei, wie auf die lebendigen. Doch daran sei 
nichts.zu.ändern, es wäre eben etwas von den 
Liebhabereien der Fischotter mit dem Auge auf 
den Hund 'übertragen. — 
Diese. Geschichte gehörte zu den Lieblings 
erzählungen des alten Herrn. 
Uns Kindern freilich trug er andere Geschichten 
vor. Wenn wir auf Fußschemeln sitzend vor dem 
Hause im Schatten um ihn versammelt waren, 
während die Dorfstraße im glühenden Sonnen 
brand lag, dann schauten wir mit großen er 
wartungsvollen Augen zu ihm auf. Er lehnte 
in dem' altmodischen Stuhl zurück und seine 
Augen streiften über die einfachen Blumenbeete, 
auf welchen Rittersporn, Stiefmütterchen und 
Balsaminen prangten.. Auch eine Fülle Reseda 
und Goldlackduft strömte in den Hof hinaus, 
und unter den Fenstern standen pyramidenförmige 
Malvenstöcke. Dicht neben der Gartenthür, 
deren Angeln und Riegel nicht mehr ihre. Schuldig 
keit thun wollten, denn der Rost hatte das Eisen 
durchfressen, war ein kleiner Steiutrog in. das 
Pflaster des Hofes eingefügt. Und während 
Waldmann unter dem Stuhl seines Herrn 
schnarchte, kamen die kleinen Enten watschelnd 
und quakend, um aus dem schlammigen Wasser 
des Troges zu schlürfen. „Großvater" hieß 
es dann: „Eine recht hübsche Geschichte!" 
„Ja, was wollt Ihr denn hören, Ihr Quäl 
geister." „Ach, am liebsten etwas, was richtig 
einmal passirt ist. So von Rittern und Räubern." 
„Na, weiß schon. Die Geschichte von der Hunds 
burg, oder vom alten Dorfe drüben über dem 
Wasser. Jsts nicht so? he!" 
Und dann schilderte er uns, wie auf dem höchsten 
Plateau der Hundsburg — eines bewaldeten, an 
der Kassel-Frankfurter Straße gelegenen Berges 
— in vergangenen Jahrhunderten eine mächtige 
Raubritterburg gestanden. Oft genug haben 
wir als Kinder in den nur kaum noch erkenn 
baren Steintrümmern gespielt. Bei des Groß 
vaters Erzählung erstand vor unserm geistigen 
Auge die alte Burg in greifbarer Deutlichkeit. 
Mit ihren mächtig dicken Mauern und tiefen 
Kellergewölben, in welche der Ritter durch seine 
Knechte die den am Fuße des Berges ihre Straße 
ziehenden Kaufleuten geraubten Schätze bergen 
ließ. 
Auch daß sie auf der Burg kein Master gehabt, 
so daß eigens dazu dressirte Esel in Tonnen auf 
dem Rücken, den abschüssig steilen Pfad hinauf, 
das Schwalmwasser trugen. Woher es denn 
auch kommen mag, daß dieser schmale Bergpfad 
bis auf den heutigen Tag der Eselspfad genannt 
wird. Daß diese Esel noch immer unter Be 
gleitung eines Ritters als nebelhafte Spukge 
stalten des Nachts um die zwölfte Stunde, wenn 
der volle Mond am Himmel stehe, auf jenem 
Pfade sichtbar seien, das erzählte der gute Alte 
uns nicht. Das hörten wir aber mit allen 
Schauer erregenden Einzelheiten aus dem Munde 
der alten Frauen im Dorfe, welche insgesammt 
steif und fest an solchen Spuk glaubten und sich 
nimmermehr zu nächtlicher Stunde auf jenen 
Pfad gewagt hätten. 
Bon einem jener Burgherren erzählte man sich, 
daß er eines Tages, als ihm zwei Knäblein ge 
boren wurden, zu dem Pfarrherrn sandte mit 
der Meldung: Es solle sich der Geistliche sofort 
auf die Burg bemühen, um zwei „junge Hunde" 
zu taufen. Der geistliche Herr, wähnend, der 
übermüthige Ritter wolle ihn zum Besten halten, 
ließ durch den Knappen zurück melden: Hunde
        

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