Full text: Hessenland (1.1887)

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Bittere Sachen sagt ein Mann in Ober 
melsungen seinen Mitbürgern: 
,Da es mir wohl ging auf Erden — 
«Da wollte ein Jäder mein Freund werden — 
«Da ich aber kam in Noth — 
«Da waren meine Freunde todt. — 
«Glaube und Treu und Liebe und Recht — 
«Diese vier haben sich schlafen gelegt. 
«Ich aber und mein Haus wollen dem Herrn dienen." 
Ein Anderer meint einsichtsvoll: 
«Wenn ich wäre so schön wie Absalon 
«Und so stark wie Simson 
«Und so weise wie Salomon 
«Und hätte dem türkischen Kaiser sein Reich — 
«So würde ich doch dem Tode sein gleich. 
Und wieder mit einem Anklänge an das 
Kirchenlied: 
«Jesu« ist mein Morgenstern, 
«Der mir leuchtet nah und fern. 
„Dem will ich nicht lassen ab, 
«Bis man mich trägt zum kühlen Grab.- 
In einem alten Thorwege neben der Scheuer 
luke steht: 
«Wer Gott vertraut, hat wohlgebaut — 
«Im Himmel und auf Erden, 
„Wer sich auf Jesum Christum verläßt, 
«Dem wird der Himmel werden. - 
Im Jahre 1832 schrieb ein Bauer über seine 
Hausthür: 
«Dies Haus ist mein 
«Und doch nicht mein — 
«Wer nach mir kommt — 
«Bleibt auch nicht drein: 
«Meine Wohnung soll im Himmel sein.- 
Diese Sprüche verschwinden mehr und mehr — 
die neuen Häuser wollen nichts mehr von ihnen 
wissen. — Der Bauer — sonst so konservativ, 
K : „sie sind altmodisch" und kehrt ihnen stolz 
Rücken — und doch ist Manches, das sie 
sagen, das Beste, was er hat. 
M. Kervert. 
-imr von altem Schrot und Horn. 
Skizze von F. Storck. (Schluß.) 
Ganz erschrocken hatten die Fremden die Gabel 
sinken lassen; doch da das Thier nun ruhig da 
saß, lächelten sie überlegen und schickten sich an, 
mit erneutem Eifer das unterbrochene, angenehme 
Geschäft fortzusetzen. Doch der „Deckel" gestat 
tete ihnen nicht, das kleinste Stückchen Fisch vom 
Teller zu nehmen. 
„Aber das ist ja toll!" schrie der Eine ent 
rüstet. „Rufen Sie doch mal Ihren verwünschten 
Köter hier fort." 
„Ja meine Herren!" entgegnete der Alte, in 
dem er sich wie in peinlichster Rathlosigkeit das 
erbleichte Haar kraute. „Das ist Pech, daß Sie 
sich gerade Fische bestellten. Der Waldmann 
leidet's nun einmal nicht, daß irgend Jemand 
Fische ißt. Seit dem das Sackermentsvieh das 
Otternauge eingesetzt bekommen hat, da wittert er 
alle Fische, und sollte es in gesottenem oder ge 
backenem Zustande sein. Und wie gesagt; er 
leidet's nicht, das Einer einen Fisch berührt. 
Nur ich dürfte es in seiner Gegenwart thun, 
da hätte er nichts einzuwenden. Und wenn ich 
ihn auch jetzt noch so strenge anriefe, das hilft 
nun Alles nichts. Er „steht nun die Fische, bis 
ick selbst sie an mich nehme." „Ach Blödsinn"! 
fuhr oer Fremde auf. „Sie wollen uns 
foppen, das ist Alles! Rufen Sie das Vieh an, 
damit wir endlich essen können." 
Waldmann saß unterdessen selbstbewußt, wie 
ein Feldherr, nachdem der Feind den Rückzug 
angetreten, mit scharfem Auge die beiden Teller 
fixirend. Er verhielt sich abwartend. Nur so 
bald einer seiner Nachbarn Miene machte, oie 
Gabel dem Munde zu nähern, knurrte er in be 
denklichster Weise. 
„Meine Herren, es thut mir aufrichtig leid, 
daß sie auf diese fatale Weise um Ihren Fisch 
kommen," ließ sich nun der alte Herr vernehmen. 
„Jedoch da mein Hund die Schuld trägt, so 
werde ich die Fische nehmen und bezahlen, da 
mit Sie keinen Schaden haben. Lassen sie sich 
schnell etwas anders geben." 
Mit größter Gemüthsruhe und dem allerharm 
losesten Gesicht langte er sich beide Teller her 
über. Waldmann aber hüpfte mit einem sehr 
vergnügten, kurzen Bellen unter den Stuhl seines 
Herrn zurück. 
Freilich mußten die Frankfurter sich etwas
	        

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