Full text: Hessenland (1.1887)

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An einer Scheuerwand nahe beim Eingänge 
des Dorfes Röhrenfurt liest man — in selt 
samer Orthographie: 
„Ich will bäten — arbeiten und hoffen — 
„Kommt mir das Glück, so hab' ich es troffen — 
»Kommt mir aber das Gögenspicl — 
»So geschieht doch, wie es Gott haben will. (1832) 
Weiter: 
»Besieh du deinen Lebenslauf! 
»Der Mensch geht wie die Rose auf 
»Und wie die Bletter fällt er ab — 
»Eh' man ihn tregt zum Kielen Grab." 
An einem uralten, halb zerfallenen 
Häuschen am Ende des Dorfes, dessen Tünche 
so verwaschen ist, daß man kaum noch den Spruch 
zu entziffern vermag, steht folgender schöne Vers 
über der noch in der Mitte quer getheilten 
Thür: 
»Wer aus- und eingeht dieser Thür, 
»Der gedenke an Jesum Christum für und für — 
»Daß unser Erlöser Jesus Christ 
»Die rechte Thür zum Himmel ist." 
Gegenüber an einem stattlicheren Bauern 
haus: 
»Der Herr bewahre dieses Haus, 
»Alle die da gehen ein und aus — 
»Dieser Bau stehet in Gottes Hand 
»Der Herr bewahre uns vor »Feiger" und Brand." 
Eine alte Bauersfrau erzählte mir, früher 
habe über dem Eßtisch in dem Hause gestanden: 
»Bor und nach dem Esten 
»Sollst du das Geböte nicht vergeffen." 
Unter einer an der Wand festgeklammerten 
Schalter an einem anderen Hause steht folgender 
muthige Seufzer: 
»Ach Gott, wie geht es doch immer zu! 
»Die mich Haffen, denen ich Nichts tu! 
»Die mir nichts gönnen und nichts gäwen — 
»Müssen doch sehen, daß ich lebe. 
»Und wenn sie meinen, ich wäre gestorben — 
»So müssen sie doch für sich selber sorgen!" 
Und wieder : 
»Das Grab ist da — so heißt cs immer — 
»Die Welt ist zwar ein schönes Zimmer — 
»Doch aber ein geborgtes Haus, 
»Bequemt man sich am Besten hier — 
»So weiset uns der Tod die Thür!" 
An demselben Hause ein Spruch, den man 
auch in Lobenhausen und Körle findet: 
»Die Jugend ist die Zeit der Saat — 
»Das Alter erntet Früchte — 
»Wer jene nicht benutzet hat 
»Des Hoffnung ist zu Nichte." 
Eine Fülle von Weisheit — allein die Macht 
der Gewohnheit ist so groß — das Auge dieser 
Leute so ungeschult — die Meisten wiffen gar 
nicht, an welchen Häusern Sprüche stehen, wenn 
man danach fragt. 
In dem bettelarmen. schmutzigen Dörfchen 
Schwarzenberg findet sich die trotzige Heraus 
forderung: 
»Ich achte meine Haffer — 
»Gleich wie das Regenwaffcr — 
»Das von den Dächern stießt — 
»Ob sie mich gleich neiden — 
»So müssen sie doch leiden — 
»Daß Gott mein Helfer ist." 
Ein schöner poetischer Spruch (man findet ihn 
auch in Westfalen) steht in Lobenhausen an 
einem Hause: 
»Wir bauen hier so feste 
»Und sind doch fremde Gäste — 
»Da wo wir ewig sollten sein — 
»Dä bauen wir so wenig ein." 
In Körle liest man: 
»Alle »Dun" auf Gott gestellt 
»Ihm vertraut und nicht der Welt 
»Denn die Welt ist voller List — 
»Treu und Glauben verloren ist." 
»Wer Übels redet von mir und den Meinen, 
„Der gehe nach Haus und betrachte sich die Seinen — 
»Find't er an denen kein Gebrechen — 
»So kann er frei von mir und den Meinen sprechen." 
Dann: 
»Wer sich in diesem Haus gefällt — 
»Der lebe so wie's Gott gefällt — 
»Sei friedlich gegen Jedermann — 
»So wirst Du Glück und Segen hau." — 
»Wenn doch Gott und der Bauer nicht wär — 
»Ständen Länder und Scheuern leer — 
»Drum danke Gott ein jeder Mann, 
»Daß Scheuer und Land Gott »sägucn" kann." 
Mißtrauen gegen den Nachbarn und kräftiges 
Selbstbewußtsein — scheint die Philosophie der 
Bauern zu sein, doch kommen auch allgemein — 
wenigstens an dieser Stelle — oft sehr komische 
Betrachtungen vor. 
So liest man in Kirchhof: 
„Blumen machen ist sehr gemein — 
»Aber den Duft geben kann Gott allein." — 
und dann: 
»Die Leite sagen immer: 
»Die Zeiten werden schlimmer! 
»Die Zeiten bleiben immer! 
»Die Leite werden schlimmer." —
	        

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