Full text: Hessenland (1.1887)

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Art und Weise, in welcher das kühne, patriotische 
Wagniß von ihm durchgeführt worden ist. Nach 
diesen Aufzeichnungen, in welche mir gütigst Ein 
sicht gestattet worden, ist der viele Millionen 
betragende Schatz von Mensing bereits in der 
Nacht vom 9. auf den 10. November 1806 von 
Wilhelmshöhe fortgeschafft worden, womit auch 
eine Nachricht aus Kassel vom 14. Novem 
ber 1806 im Pariser Moniteur übereinstimmt, 
welche angiebt, daß ein Theil des Schatzes des 
Kurfürsten in die Fremde transportirt ser. 
Nach Mensings Angaben waren die Kisten, 
deren Inhalt er bei jeder einzelnen genau ver 
zeichnet hat, zum größten Theil in der Löwen 
burg in der Gruft des Kurfürsten und in einem 
dortigen Keller, zum geringeren Theil im „Fron 
ton" , unter welchem nur die Kuppel des Wil 
helmshöher Schlosses verstanden werden kann, 
versteckt gewesen. Mensing giebt dann genau 
den Weg an, welchen er mit den vierspännigen 
Wagen, auf welche die Kisten geladen worden, 
genommen habe, erst zum Schein auf der Straße 
nach Arolsen, dann über Zwehren durch die 
Furt in der Fulda, unterhalb der Fulda auf 
Umwegen nach Witzenhausen. Hier hat er einen 
genau angegebenen Theil der Kisten durch seinen 
Burschen Küllmer nach Frankfurt an Rothschild 
dirigirt, und ist nach vielen Fährlichkeiten, zu 
meist als Fruchthändler reisend, glücklich mit 
dem Rest des Schatzes in Itzehoe angelangt. 
Wenn nun auch in dieser Darstellung Angaben 
fehlen, welche eine geleistete Beihülfe des Lagrange 
unmittelbar erkennen lassen, so sind doch darin 
mehrfach solche enthalten, für welche nur durch 
eine solche Beihülfe Erklärung gesunden werden 
kann. Jedenfalls ist der Darstellung Mensing's 
zu entnehmen, daß er mit Lagrange im Jahre 
1806 in näherer Beziehung gestanden habe. Dahin 
gehört die Mittheilung, daß er im December 
1806 wegen Theilnahme an dem Soldatenauf 
stande verhaftet und in das Kastell zu Kassel 
gebracht worden, nachdem ihn aber gleich darauf 
Lagrange in seiner Zelle besucht und angegeben, 
daß er sich seiner noch aus dem Feldzuge in 
Flandern erinnere, am anderen Tage ohne Wei 
teres entlassen sei. 
Ist die hier zu begründen versuchte Vermuthung 
über den Zweck der an Lagrange gesendeten Geld 
summe gerechtfertigt, so wäre diese die einzige der 
vom Kurfürsten in seinem Tagebuche erwähnten 
in Itzehoe.gemachten Ausgaben, welche zu einem 
glücklichen Ergebniß geführt und es ihm möglich 
gemacht hat, dort sowie nachher im Jahre 1813 
die so nothwendig gewordenen bedeutenden Summen 
auf die Wiedererlangung seiner Staaten zu ver 
wenden. 
Sprüche an alten hessischen Kauernhäusern. 
^»ie schöne Sitte, sinnreiche, bedeutungsvolle 
IJ Sprüche an Hausfront und Zimmergetäfel 
zu malen, ist wieder Mode geworden. Der 
Gebildete ziert den Balken über seiner Hausthür 
mit einem Salve, wie es die Römer thaten, 
oder der Baumeister schlingt altdeutschen Reim 
zwischen Gefach und auf den Erkervorsprung — 
aber es sind geborgte Sprüche — passend in den 
„Stil". Interessanter, origineller sind jedenfalls 
jene alten, oft so ungeschickten — zuweilen 
poetisch fast werthlosen Verse, die man noch hier 
und dort an Bauernhüttchen aus dem Ende des 
vorigen und dem Anfange dieses Jahrhunderts 
findet. Wie man auf alten Bildern Spruch 
bänder aus dem Munde von Personen hervor 
gehen sieht, so kommen jene alten Verse direkt 
aus dem Leben und den Gesinnungen des Volkes 
und charakterisiren scharf und bestimmt die inner 
liche Norm, welche das scheinbar wenig ent 
wickelte Seelenleben unserer theilweise so armen 
und auf niederer Kulturstufe stehenden Land- 
bevölkerung regelt. 
Vielleicht möchte es den Einen oder Anderen, 
der diese Sprüche nicht aus eigener Anschauung 
kennt, interessiren, wie einige derselben lauten; 
sie stammen sämmtlich aus der nächsten Um 
gebung von Melsungen. 
Mit dem Messer in einen alten braunen 
Quer-Balken über der Thür geschnitten, liest 
man an einem Hause in der Steingasse in 
Melsungen: 
„Gott gebe allen, die mich kennen — 
was sie mir gönnen!" 
Großmüthig klingt es nicht — aber wer den 
hessischen Bauer kennt, weiß wie der Spruch 
ihn packt. In seiner klugen Gerechtigkeit liegt 
etwas Gesundes. 
Manche der Sprüche auf den Dörfern reden 
mit frischem Muth und Gottvertrauen, zugleich 
auch mit einer gewissen kalten Gleichgültigkeit 
gegen das Schicksal. Gern mahnen sie an die 
Vergänglichkeit irdischen Gutes und das Ende 
aller Dinge.
	        

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