Full text: Hessenland (1.1887)

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zugegangen, worin angegeben wird, „es sei der 
Wille Napoleons, Hessen von Preußen zu isoliren 
und als Mittelmacht zwischen Frankreich und 
Preußen aufzustellen, der Erfolg werde durch die 
Quantität der Opferpfennige bestimmt werden, 
eine Neutralitätserklärung Hessens wäre wohl 
möglich, wenn sie mit ein paar Millionen unter 
stützt werde, freilich müßten da viele als un 
erträglich betrachtete Dinge mit in den Kauf 
genommen werden, namentlich große Zahlungen 
an die habgierigen Unterhändler in Paris und 
der völlige Abbruch der alten Beziehungen zu 
England, ein Punkt, welcher die Hoffnung, auf 
anderem Wege jene Summe zurückzuerhalten, 
vollständig zerstöre." 
Auch in Kassel hegte man noch in den ersten 
Tagen des November (nach Aufzeichnungen eines 
Zeitgenossen) die Hoffnung, die Sache werde noch 
eine günstigere Wendung nehmen und nur der 
Schatz des Kurfürsten stark in Anspruch genommen 
werden. 
In der Ansicht, daß auch nach seiner Ver 
treibung noch durch Geldopfer viel für ihn zu 
erreichen sei, wurde der Kurfürst in Itzehoe durch 
den im Notizbuch genannten Geyling bestärkt. 
Es war dies der geheime Rath von Geilingen 
in Mainz, welchem er als früheren Gesandten 
in Paris großes Vertrauen schenkte. Dieser hatte 
schon in den ersten Tagen des November 1806 
an ihn geschrieben: „Manche der hier anwesenden 
französischen Officianten sagten mir unter anderem 
im Vertrauen, es scheine Alles nur darauf ab 
gesehen, Geld zu erhalten." 
(Strippelmann Beiträge zur Geschichte Hessens. 
Kassel 1791—1814. S. 253.) 
Zu den Personen, bei welchen eine solche Ab 
sicht mit voraus zu sehendem Erfolge unter 
stellt werden konnte, scheint nun auch die nach 
der Flucht des Kurfürsten in Hessen bedeutendste 
und einflußreichste Persönlichkeit, der Divisions 
general Lagrange, welcher am 4. November 
1806 sein Amt als General-Gouverneur ange 
treten hatte, gehört zu haben. 
Professor Müller schreibt in Beziehung hier 
auf in seinem „Cassel seit 70 Jahren!" 
„Der Kurfürst ließ den ihm treu gebliebenen 
Offizieren anfangs während ihrer Gefangenschaft 
in Frankreich Unterstützungen, (bestehend in einem 
Theil ihrer Gage,) zufließen, als aber diese immer 
kärglicher wurden und endlich ganz aufhörten, 
gaben sie ihren Widerstand auf. Derartiges ist 
aber auch dem Lagrange in Betreff der von ihm 
aufgelegten Kriegskontributionen und der vom 
Kurfürsten zurückgelassenen Werthsachen 
nachgesagt worden. Man munkelte, er sei unter 
strenger Bewachung nach Frankreich zurückgeführt 
worden." 
Ein noch härteres Urtheil über Lagrange fällt 
vr. Arthur Kleinschmidt, Docent der Geschichte 
an der Heidelberger Universität, in seiner im Jahre 
1878 erschienenen Schrift „Die Eltern und Ge 
schwister Napoleon I.," indem er S. 269 schreibt: 
„Polizei und Verwaltung leitete der Militair- 
gouverneur Lagrange, der die ordentlichen und 
außerordentlichen Landeseinnahmen für die Kriegs 
kasse beanspruchte und mit der Unverschämtheit 
eines Soult zusammenraubte, was zu haben war. 
Jvrüme borgte indessen in Paris schon zwei 
Millionen auf seine zukünftige Einnahme" und 
S. 273 „General Lagrange wurde Kriegsminister 
als König Jeröme am 7. December 1807 die 
Regierung antrat, hatte aber so grob und schmutzig 
erpreßt und betrogen, daß er noch im December 
1807 abtreten mußte." 
Damit stimmt eine Angabe überein, welche 
ich in dem Tagebuche eines Zeitgenossen, des 
Bauraths Ludovici, gefunden habe. Er schreibt 
unter dem 16. December 1807: „Heute reiste 
Lagrange ab, nachdem er vorher Stubenarrest 
gehabt haben soll." 
Diese Lagrange betreffenden Angaben finden 
nun unzweifelhaft Bestätigung in der vom Kur 
fürsten eigenhändig in das Notizbuch geschriebenen 
Angabe, daß er an diesen im Januar 1807 die 
Summa von 175 000 Thaler abgesandt habe. 
Eine bei der Sparsamkeit des Kurfürsten so 
bedeutende Summe läßt darauf schließen, daß 
damit entweder eine für seine Interessen hoch 
wichtige Angelegenheit hat ausgeführt werden 
sollen, oder aber, was bei der großen Vorsicht 
des Kurfürsten in Geldangelegenheiten wahrschein 
licher ist, daß sie zur Belohnung für einen 
ihm geleisteten sehr erheblichen Dienst gezahlt 
worden ist. Da nun in der Zeit bis zum Jahre 
1807 dem Kurfürsten von Lagrange kein wich 
tigerer Dienst geleistet werden konnte, als ge 
leistete Beihülfe bei der damals bereits bewirkten 
Rettung des Staatsschatzes, so ist wohl die An 
nahme gerechtfertigt, daß hiermit die Zahlung 
der Summe in Verbindung zu bringen sei. 
Das Verdienst, diese Rettung bewirkt zu haben, 
über welche immer noch, namentlich seit dem Er 
scheinen des Schriftchens von Hagedorn, so viele 
sabelhafte Erzählungen verbreitet sind, gebührt un 
zweifelhaft, wie auch Lynker und andere namhafte 
Schriftsteller annehmen, vorzugsweise einem dem 
Kurfürsten während der westphälischen Zeit immer 
treu gebliebenen kurhessischen Offizier, dem da 
maligen Hauptmann Conrad Wilhelm Mensing. 
Im Besitze dessen Sohnes, des königl. preußischen 
Obersten z. D. Mensing, befindet sich eine als 
bald nach der That von dessen Vater nieder 
geschriebene, von Stunde zu Stunde gehende und 
vielfach durch Urkunden belegte Darstellung der
        

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