Full text: Hessenland (1.1887)

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Sie ließen, durch ihr Wiedersehen und den 
Wein angeheitert, alte Jugenderinnerungen an 
sich vorübergehen und kamen, trotz ihrer vor 
gerückten Jahre, in jene unvergleichliche Stimmnng, 
wie sie nur die finden, die auf der gleichen Schul 
bank über ihren lateinischen Extemporalien ge 
schwitzt und ihren ersten Flammen gemeinschaft 
lich Fensterpromenadc gemacht. 
„Ach was, das ist altes Unsinn", lachte 
Bernhard, während er seine Weste aufknöpfte 
und sein blühendes Gesicht mit dem Tuche kühlte, 
„Unsinn, was man da von der Ewigkeit 
einer ersten Liebe faselt, ich war gründlich ver 
liebt, ganz gründlich in Lilli Schöne, aber gegen 
mein Weibchen kommt sie ja gar nicht auf." 
Ueber Hans Hubers schmales, durchgeistigtes 
Gesicht ging ein sarkastisches Lächeln. „Du hast 
Dich immer leicht zu trösten gewußt, Bernhard", 
sagte er, „wie es sich von einem Manne oer 
That nicht anders erwarten läßt, denn als sich 
die kleine Schöne damals mit dem Gardclieutenant 
verlobte, trugst Du Deine Liebe kampflos auf 
Charlotte Corday über, wie wir unseres Direktors 
einziges Töchterchen zu nennen pflegten." 
„Wahrhaftig, die Charlotte Corday, die hatte 
ich beinahe vergessen — was ist eigentlich aus 
ihr geworden.?" 
„Sie ist bei der Alt-Philologie geblieben, wie 
es der Tochter ihres Vaters geziemte, und 
heirathete, nach langer Brautschaft, einen Syntax- 
ritter von selbstbewußtester Auflage. Sie ist 
nie mein Geschmack gewesen." 
„Nein, das weiß Gott", sagte Bernhard, „auch 
keine Andere. Du warst ein so unzweideutiger 
Trobadour der Antigone, wie unsere Verbindung 
Eva Bosse nannte, daß ich heute noch nicht be 
greife, wie aus dieser Titanenleidenschaft kein 
Ernst wurde." 
Hans Huber sagte nichts. Er hielt nur die 
Augen gesenkt und ließ krampfhaft den Kompaß 
seiner llhr durch die schlanken Finger gehen. 
„Ja, die Eva Bosse! Sie war ein schönes 
Mädchen, das muß man ihr lassen, schön und 
klug, eine wirkliche Antigone mit ihrem griechischen j 
Antlitz und den ernsten Herrscher-Augen — ich 
hätte damals darauf geschworen, sie liebe Dich." | 
Hans Hubers Kopf hatte sich noch um ein paar ! 
Linien tiefer gesenkt. > 
„Hochmüthig war sie freilich, wie eine Königin," ; 
fuhr Bernhard fort, während er eine Cigarre 
vom Teller nahm, sie durch den Mund zog und , 
gemächlich anzündete", „über die Maßen hoch- j 
müthig und als sie später an der Seite ihres ! 
reichen Gemahls so durch die Straßen fuhr, da ! 
hätte kein Mensch gedacht, daß sie eigentlich doch > 
recht künmerlich aufgewachsen sei. Aber es 
steckte Rasse in ihr." 
„Du hast sie demnach als Frau wiedergesehen? 
fragte Huber leise. 
„Freilich, freilich, sogar beinahe täglich. Sic 
wohnten damals in Berlin, dem physikalischen 
Institut gegenüber, in den« ich beschäftigt war 
— ein bildhübsches Weib, bei Gott, klassisch — 
— aber glücklich und froh schien sie auch das 
Geld nicht zu machen." 
„Wird wohl in ihrer Art gelegen haben," 
seufzte Huber — „es giebt so Menschen." „Ja 
freilich, es giebt solche. Ich war damals froh, 
als ich bald nachher Deine Verlobungsanzeige 
erhielt — denn um ehrlich zu sein, Hans, ich 
dachte, diese Eva säße so fest in Deinem Herzen, 
daß es ein Unglück geben könne." „Ein Un 
glück" — wiederholte Hans mechanisch. 
„Aber Du bist ja glücklich verheirathet ge 
wesen und somit dieser Leidenschaft Herr ge 
worden. Schade, daß Dein Glück von so kurzer 
! Dauer war." 
Hans Huber schwieg und sah starr in den 
, äußersten Winkel des Zimmers, welches mittler 
weile ganz leer geworden war. Ob er an die 
erste Frau dachte, die sich in der kurzen Zeit 
in der er sie besessen, vergebens bemüht, ihn 
glücklich zu machen — oder an Eva Bosse — 
die Antigone, an welche sich alle blühenden 
Träume seiner Jugend geknüpft? „Ich war 
auch noch in Berlin, fuhr Bernhard, behaglich 
seine Cigarre dampfend, fort, als der bekannte 
Krach losging. Ihren Mann, ich glaube Müllee 
hieß er, fand man in seinem Blute im Bette, 
als das Gericht kam und Hab und Gut ver 
siegelte. Die Frau verschwand dann vom Schau 
platz, es wußte Niemand wohin — wird wohl 
im Elend verkommen sein." 
Hans Huber hatte sich erhoben und war an 
das Fenster getreten. Der Regen hatte aufge 
hört und von den Zweigen der Bäume fiele» 
große Tropfen wie Thränen, und glänzten in 
der matten Beleuchtung der Nacht. 
Jur Elend verkommen! War es nicht im 
Elende gewesen — :m Elende, vor dem ihr so 
gegraut, wo er sie zuletzt gefunden hatte.? 
„Du solltest wieder heirathen, Hans, bei Gott," 
sagte Bernhard, der ihm gefolgt war und seine 
wuchtige Hand fast zärtlich auf des Freundes 
Schulter legte. Du glaubst nicht, wie ein so 
liebes Weibchen zufrieden und glücklich macht. 
Siehst Du, Du brauchtest auch dann nicht nach 
Nachstadt zu reisen und Dein Töchterchen in die 
Pension zu geben — ich weiß, Du trennst Dich 
schwer von ihm, und . . ,
        

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