Full text: Hessenland (1.1887)

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führt und die Anschauungsweise kennzeichnet, die damals 
im hessische» Kadettencorps herrschte. Das Lied 
lautet: 
Heran, ihr Brüder, frisch heran! 
Zum Exerzieren her! 
Patrontasch' um, den Säbel an, 
Ergreifet das Gewehr. 
In Reih' und Gliedern stehen wir. 
Nicht achtend Müh' und Schweiß, 
Wetteifer» voller Ruhmbegier 
Nur nach des Beifalls Preis. 
Marschiren schnurgerade auf, 
Und schlage» männlich an. 
Dann steht und merkt bewundernd drauf 
Gar mancher Kriegesmann. 
Mich reizt nicht, wenn Gewehre klirr'». 
Der Vögel Lustgesang, 
Mich reizet nur beim Exerzier'», 
Der rasche Waffenklang. 
Ganz Ohr für das Commando blos, 
Auch für den Flügelmann, 
Lern' ich, daß ich, bin ich einst groß, 
Auch kommandiren kann. 
Und wenn dann Friedrich um uns ist, 
Und, hoher Gnade voll, 
Uns Beifall lächelt, — Brüder wißt. 
Dann ist mir erst recht wohl. 
Und unsern Obersten entzückt 
Auch dieser Mühe Preis, 
Und sein vergnügter Blick erquickt 
Uns dann für unsern Fleiß. . Schwk. 
Aus Heimath und Fremde. 
Kassel. In der.Nacht vom 20. auf den 21. d. M 
starb zu Fulda im Alter von 68 Jahren Karl 
Kind, ein Mann, der sich wegen der Aufrichtigkeit 
und Biederkeit seines Charakters der allgemeinen 
Achtung, Wege» seiner trefflichen gesellschaftlichen 
Eigenschaften der größten Beliebtheit erfteute. Seine 
Jugend war in manchen Beziehungen eine bewegte, 
insofern er in der Mitte der 40er Jahre an dem 
Kriege der Republik Texas gegen Mexico, sowie 
1849 an dem Kampfe für- die deutsche Reichs- 
verfaffung in Baden aktiven Antheil nahm. Geboren 
zu Burghaun als der älteste Sohn des Rentmeisters 
Georg Kind — seine Mutter war eine Enkelin des 
früheren fürstlich fuldaischen Kanzlers Eberhard von 
Kaiser — besuchte Karl Kind einige Jahre das 
Gymnasium zu Fulda und widmete sich dann der 
Landwirthschaft. Auf der landwirthschaftlichen Lehr 
anstalt zu Schleißheim bei München, welche damals 
sich eines ausgezeichneten Rufes erfreute, machte et 
seine theoretische» Studien. Hiernach absolvirte er 
seine» Militärdienst bei der kurhessischen Garde du 
Corps. Zu Anfang der 40er Jahre bestand in 
Deutschland, eine außerordentliche Auswanderungslust, 
und das ersehnte Laad, auf welches hauptsächlich die 
Hoffnungen der Auswandernden gingen,, war die 
Republik Texas, welche sich ihre Unabhängigkeit von 
dem Staate Mexico durch blutige Kriege zu Ende 
der 30er Jahre erkämpft hatte. 
Im Herbste 1845 wanderte Karl Kind mit 
mehreren Jugendfteunden nach Texas aus und ließ sich, 
dort angekommen, zunächst als Farmer in der Nähe von 
Galveston nieder. Damals waren auch noch viele 
Bürger der nordamerikanischen Union nach Texas 
übergesiedelt, die es durchsetzten, daß die Texaner um 
die Aufnahme in die Union nachsuchten, welche denn 
auch 1845 stattfand. Die mexikanische Regierung 
widersetzte sich diesem Vorgehen und da noch weitere 
Differenzen zwischen Mexico und der Union hinsichtlich 
Texas bestanden, so kam es zum Kriege. Präsident 
der Union war zu jener Zeit der Demokrat James. 
Knox Pylk. Der amerikanische GeneralZachary Taylor, 
Nachfolger Polk's auf dem Präsidentenstuhle, rückte 
in den Staat Mexico ein. Karl Kind war in das 
texanische Heer, welches unter dem Oberbefehl Taylor's 
stand, als von der Mannschaft gewählter Offizier 
eingetreten und machte als solcher gegen den mexikanischen 
General Arista die siegreichen Gefechte am Rio Grande 
und bei Matamoros im Frühjahr 1846 mit. Das 
Resultat des Kampfes war, daß. die Mexicaner von 
den amerikanischen Generalen Taylor und Scott fast 
in allen Schlachten geschlagen wurden und daß General 
Scott am 14. September 1847 in die Hauptstadt 
Mexico einrückte, worauf am 2. Februar 1848 der 
Frieden geschloffen wurde, in welchem Mexico alle 
Ansprüche auf Texas aufgeben mußte. Als Lohn für 
seine Theilnahme an dem Kriege erhielt Karl Kind 
in späteren Jahren, als er schon längst in sein 
Heimathland, Kurheffen, zurückgekehrt war, einige 
Acres Unionsland, die er durch Vermittlung des 
amerikanischen Generalkonsuls Walton Murphy in 
Frankfurt a. M. amerikanischen Ansiedler» käuflich 
überließ. Das Jqhr 1847 führte Karl Kind nach 
Deutschland zurück. In Fulda angekommen, betheiligte 
er sich dort an der Bewegung des Jahres 1848, 
war Mitbegründer und eifriges Mitglied der dortigen 
Turngemeinde, und als im Mai 1849 in der Rhein 
pfalz und in Baden der Kampf zur Durchführung 
der deutschen ReichSverfaffung begann, da schloß er 
sich den Hanauer Turnern unter August Schärtuer 
an, und nahm Antheil a« dem Gefechte von Hirsch-
        

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