Full text: Hessenland (1.1887)

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darnach dieselbe Behörde bestimmt haben, von ihm 
einen Bericht über die Restauration der Elisabethkirche 
in Marburg einzufordern, welche am 3- August 1847 
durch einen Wolkenbruch, besten Wafferströme in 
die Gewölbe der Kirche eingedrungen waren, sehr 
bedeutend gelitten hatte. Der Bericht Lange's wurde 
für so zweckdienlich gehalten, daß ihm bald darauf 
die Ausführung der Restauration der Elisabethkirche 
übertragen wnrde. Nach einer anderen Lesart soll 
fich jedoch die hessische Staatsregierung bezüglich der 
Restauration der Elisabethkirche an einen bekannten 
Gothiker in Straßburg, irre» wir nicht, an Auf 
schläger, gewandt haben mit dem Ersuchen, einen 
Architekten in Vorschlag zu bringen, dem man die 
Restauration eines so denkwürdigen Baues mit Ver 
trauen übertragen könne. Da habe denn der Straß 
burger geantwortet: 
Warum in die Ferne schweifen. 
Sieh', das Gute liegt so nah', 
und ganz besonders auf die Bedeutung Lange's auf 
merksam gemacht, der alle Eigenschaften besitze, um 
die Restauration der Elisabethkirche und der sonstigen 
ältere» Bandenkmale in Kurheffen stilgemäß in der 
gediegensten Weise auszuführen. Da würde ja in 
gewissem Sinne der alte Spruch »der Prophet gilt 
nichts in seinem Vaterlande" sich wieder bewährt 
haben; kurz, erst vo.n jener Zeit an datirt der Ruf 
Lange's auch i« seinem Heimathlande Kurhessen. 
Auf Antrag der philosophischen Fakultät Marburg 
wurde Lange durch kurfürstliches Reskript vom 7. März 
1851 zum Universitäts-Architekten nnd außerordent 
lichen Professor ernannt. Er hielt in den ersten 
Semestern Vorlesungen über deskriptive Geometrie, 
Steinkonstruktionslchre, Kunstgeschichte u. s. w., die 
sich einer sehr günstigen Aufnahme seitens der Stu- 
direnden erfreuten. 
Außer der Restauration der Elisabethkirche in 
Marburg wurde dem Professor Lange auch die Restau 
ration der Michaelskirche in Fulda, einer der ältesten 
Kirchen Deutschlands (erbaut von Abt Eigil, 817 
bis 822; s. Nr. 12 unserer Zeitschrift), übertragen, 
über welche Lange eine interessante Monographie 
veröffentlicht hat. Von seinen Schriften wollen wir 
hier nur noch eine nennen, es ist die Fortsetzung des 
berühmten Hoffstadt'schen Werkes »Gothisches A.B.C.- 
Buch", oder »Grundregeln des gothischen Stils für 
Künstler und Werkleute", die leider nur Fragment 
bleiben sollte. 
Bei allen seinen Arbeiten erwies sich Lange als 
einen für dir Blüthezeit des gothischen Stiles be 
geisterten Künstler von feinstem Kunstverständniß, 
dessen eifriges Streben, dessen Wiffen und Können 
die höchste Anerkennung verdienen. gf. I. 
— Als 1792 Custine am Maine stand und 
Hessen mit einem Einfalle bedrohte, rührte sich im 
ganzen Volke eine Kampflust, wie nur die 
glühendste Vaterlandsliebe sie zu erzeugen vermag, 
und allenthalben rüstete man sich, die verhaßten 
Franken blutig zu empfangen. Als in der Diemel- 
gegend ein Reisender ein zwischen mehreren Bauern 
geführtes Gespräch mißverstand, erhielt er auf seine 
Bemerkung, daß ja hier vom Feinde nichts zu fürchten 
sei, die Antwort: »£> Herr! fürchten thun wir 
uns auch nicht; wir haben uns nur verabredet, wie 
wir unser Hauswesen bestellen wollen, denn wenn es 
zum Klopfen kommt, bleiben die Diemelfüchse wahr 
haftig auch nicht daheim." 
Ein anderer Reisender beklagt sich, daß er zu 
Vacha einen ganzen Tag habe verweilen müssen, weil 
der Posthalter, ein ehemaliger Dragoner-Wachtmeister, 
mit seinen Postillons und einer Schaar berittener 
Bürgerssöhne Exerzier-Uebungen angestellt habe, und 
erzählt, daß ihm auf seine Beschwerde barsch entgegnet 
worden sei: »Herr, jetzt ist es keine Zeit zum Reisen; 
jeßt muß mau sich zum Kampfe vorbereiten." 
Selbst solche, welche wegen Alters oder wegen Un 
abkömmlichkeit schon lange verabschiedet oder in über 
zähligen Stand gesetzt waren, stellten sich wieder frei- 
willig. So meldeten sich namentlich einige entlassene 
Leibdragoner, nachdem ihr Regiment aus dem Feld 
zuge in der Champagne zurückgekehrt war, wieder 
zum Dienste und entgegneten auf die Bemerkung 
des Kommandeurs, daß sie ja ihren Abschied hätten: 
»Herr Oberst! V o r dem Ausbruch des Krieges 
haben wir allerdings diese Bitte gestellt, während 
des Krieges aber nimmt kein hessischer Leibdragoner 
seinen Abschied." Sch«,. 
— Ein hessisches Kadetten-Lied von 
177 9. Im Jahre 1779 erschienen in der Waisen 
haus-Druckerei zu Kaffel »Hessische Kadettenlieder". 
Herausgeber derselben war Karl Samuel Wi 
gand, Hofmeister bei dem hessischen Kadettencorps*). 
Im Jahr 1782 erschienen dieselben ohne des Verfaffers 
Vorwiffen in Musik gesetzt von dem Hofmusikus 
G. E. Grosheim, 1783 erfolgte ein zweites 
Bändchen und 1788 eine vermehrte und verbesserte 
Ausgabe beider Bändchen mit Melodien von I. G. 
Vierling. Der ersten Sammlung entnehmen wir 
ein Gedichtlein, welches den Titel »Exercier-Liedcheu" 
*) Landgraf Friedrich II. stiftete im Jahr 1778 das 
Kadettencorps, in welches die Jünglinge von Adel, die sich 
dem Mlitair widmen wollten, auf Kosten des Landgrafen 
aufgenommen wurden. Ein sehr angesehener Offizier, 
Oberst Wittenius, stand an der Spitze der gegründeten 
Anstatt, Capitain Mauvillon und mehrere Professoren des 
Carolinums ertheilten Unterricht und ist mancher tüchtige 
Offizier aus diesem Institut hervorgegangen, über welches 
General von Schliessen die Oberaufsicht führte.
	        

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