Volltext: Hessenland (1.1887)

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es, seine Zuhörerschaft, gleichviel, ob alt oder 
jung, zu spannen. Daß er dabei ab und an et 
was derbes Jägerlatein mit hinein flocht in die 
Schilderung seiner Jagdabenteuer, je nun, das 
machte die Sache nur lustiger. 
Da hatte er auch ein Mal zwei durchpassiren- 
den Fremden im Gastzimmer der „Post" einen 
tüchtigen Bären aufgebunden, und davon erzählte 
er später noch mit kindlicher Freude. Es war 
zur Zeit, als noch die Thurn und Taxis'sche 
Personenpost eine Hauptstation in dem Dorfe 
gehabt. Eine Hauptstation jedoch nur insofern, 
als man bei der drallen Wirthin in der „Post" 
sehr gut speiste und trank. Daher kam es, daß 
fast sämmtliche Reisende die heißen, unbequemen 
Wagen verließen, und der berühmten Küche der 
„Post" die gebührende Ehre anthaten. 
Für den alten Herrn war es eine angenehme 
Unterbrechung des täglichen, sich eigentlich ereig- 
nißlos abwickelnden Lebens, wenn er ab und zu 
ein Stündchen in der Post verbrachte, so um die 
Zeit, wenn die abendliche Personenpost eintraf. 
Man hörte doch zuweilen etwas von der Welt 
da draußen. Zu jener Zeit, da das Dampfroß 
noch nicht schnaubend die Lande durchflog, unter 
nahm man ja weit seltener eine Reise, besonders 
Leute vom Schlage des alten Försters haßten 
das Reisen als etwas höchst Widerwärtiges. 
Aber einmal Fremde sehen, ihnen einige Jagd 
abenteuer erzählen, welche die Leute dann in ihrer 
ganzen Ungeheuerlichkeit an andere Menschen 
weiter berichten mochten, das war für unsere 
guten Alten gewiß ein harmloses Vergnügen. 
Da waren auch ein Mal zwei junge Reisende 
dem staubigen Wagen entstiegen und in das 
große, luftige Gastzimmer gekommen. Unser alter 
Freund hatte an einem Tische sitzend den „Jäger 
aus Kurpfalz" gepfiffen und mit den Fingern 
den Takt auf der Tischplattte getrommelt. „Sind 
das zwei schwanke, lang aufgeschossene Jungen," 
dachte er, als die Beiden laut lachend über die 
Schwelle schritten. 
Die überflogen mit schnellem Blicke den Raum 
und steuerten dann, nachdem sie sich durch einen 
leichten Stoß mit den spitzen Ellenbogen verstän 
digt, direkt auf den Tisch des alten Herrn zu. 
Es waren junge Kaufleute aus der freien 
Reichsstadt Frankfurt. 
Mit einem ironischen Schmunzeln betrachtete 
der Alte diese Jünglinge aus der Großstadt. 
Sie trugen so enge Beinkleider, daß ihm bange 
wurde, es werde ihnen unmöglich sein, sich zu 
setzen. Zu seinem Erstaunen brachten sie jedoch 
dies schwierige Kunststück mühelos fertig. Die 
Ärmel der Röcke wetteiferten im Raummangel 
mit den Beinsutteralen, und die- Halsbinden um 
schloffen die dünnen Hälse so fest, daß der Weid 
mann, — welcher nur selten bei großer Kälte 
ein Halstuch trug, sich aber nimmermehr zu sol 
cher „Erstickungsmaschine" bequemt haben wür 
de — ganz ängstlich mit dem Finger unter seinem 
Hemdkragen herfuhr; gleichsam als mangele ihm 
schon beim Anblick eines solchen Folterinstruments 
die nothwendige Luft zum Athmen. 
Die beiden Jünger Merkurs hatten alsbald, 
mit der allen Handlungsreisenden angeborenen 
— sagen wir — Kühnheit, eine Unterhaltung 
begonnen, und der alte Herr hatte es auch so 
fort heraus bekommen, daß sie sich über seine Er 
scheinung, - die so ganz verschieden war von 
ihrem eignen geschniegelten Äußern, — lustig 
machten. Es war unverkennbar, sie wollten dem 
schlichten, alten Manne imponiren, ihn gewisser- 
maßen verblüffen. Da waren sie aber an den 
Unrechten gerathen. 
Eben brachte das saubere Mädchen, — Kellner 
hatten sie im Dörfchen nicht, — zwei Portionen 
köstlich duftenden Schwalmhechts, nach den be 
rühmten Edderhechten die besten im Hessenlande. 
Daher mußten die Frankfurter hier unbedingt 
„Hecht" essen. Ein schelmisches Lächeln zuckte 
um den Mund des Alten, als er sah, wie die 
Reisenden nunmehr ihr ganzes Interesse den 
Fischen zuwendeten; umsomehr, da die Zeit drängte, 
denn der Postillon machte sich schon bemerklich, 
um die Fahrgäste zur möglichsten Eile zu mahnen. 
„Wartet" dachte er „Der Hecht soll Euch keine 
Magenbeschwerden machen;" dabei gab er dem 
ruhig unter seinem Stuhl am Boden liegenden 
Dachshund einen leichten Stoß mit dem Fuß. 
Der Hund hob den Kopf und sein Herr, sich zu 
ihm niederbeugend, raunte leise: „Waldmann, 
leid's nicht, die wollen essen." 
Mit einem jähen Satze setzte der braune, 
schiefbeinige Geselle unter dem Tische hervor, und 
Made als die Reisenden die ersten Biffen zum 
Munde führten, sprang er knurrend und zähne 
fletschend auf einen zwischen den Beiden stehenden 
teeren Stuhl mit der unverkennbar deutlichen 
Absicht, im nächsten Augenblick auf den Tisch 
vorzudringen. 
(Schluß folgt.)
        

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