Full text: Hessenland (1.1887)

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auf dem Haupte saß das Hauskäppchen von dunkel 
grünem Sammet mit der mächtig langen Troddel 
aus lichtgrüner Seide, deren Knopf eine kunst 
volle Eichel zierte. So schritt er von uns Kin 
dern umringt, angethan mit dem grün und braun- 
karrirten Schlafrock aus Beiderwand, durch das 
schmale Gärtchen neben dem fast bäuerlich einfachen 
Hause. Wie freundlich zutraulich klang das: „Guten 
Abend!" der mit schwerer Gras, oder Holztracht 
aus dem Walde heimeilenden Dorfbewohner über 
das niedere Staket mit den wurmstichigen Lat 
ten herüber. „Der ahle Förschter" konnte ihnen 
ja nichts mehr anhaben. Der war ja nicht mehr 
im Dienste, und so konnten sie ruhig mit ihren 
unter Angst und Herzklopfendem Walde entführten 
Schätzen dem heimischen Herde zueilen. War 
erst die Last unter dem schützenden Dache des 
Stalles abgeworfen, so war jede Gefahr vollends 
vorüber. 
Der alte Herr verrieth die Waldfrevler nicht 
an seinen jüngeren Amtsnachfolger. Im Gegen 
theil: es lag ein recht befriedigtes Schmunzeln 
auf dem wettergebräunten Antlitz, wenn er die 
armen Leute mit ihrer Beute in Sicherheit 
wußte. Früher hatte man das überhaupt so 
streng nicht aufgefaßt. Da war der Wald mehr 
Gemeingut gewesen. Die Leute hielten einen 
Waldfrevel nicht für „Diebstahl." Sie dachten 
wohl, das läßt unser Herrgott für alle 
Menschen wachsen, warum sollten sie da nicht 
nehmen, was ste bedurften? Wenn sich nun auch 
der alte Herr bewußt war, nie und nirgends 
gegen sein Dienstreglement gesündigt zu haben, 
o hatte er doch nie so scharf zu Gericht gesessen, 
iber die Armen, die oft die bitterste Noth zur 
Überschreitung der Gesetze trieb. Und ebenso 
war er nachsichtig gegen die liebe Jugend. Mochten 
die Burschen am Abend des Pfingstsonnabends, 
immerhin ihren „Auserkorenen" die schönen 
Maibüsche vor die Thür setzen, er sah es nicht. 
Und den Schulkindern gestattete er, daß sie 
unter Begleitung des Forstlaufers das einfache 
Kirchlein mit den zartgrünen, dustenden Sträuchern 
schmückten. Zum Dank setzten sie ihm den statt 
lichsten Busch in den eingegitterten Kirchenstuhl, 
und die erwachsenen Burschen zollten ihm ihren 
Dank für seine gütige Nachsicht dadurch, daß sie 
ihm ..sein Leiblied „Den Jäger aus Kurpfalz" 
des Öfteren zu Gehör brachten, wenn sie an 
Sonntagabenden singend das Dorf durchzogen. 
Mochten die jungen Beamten das jetzt halten 
wie sie wollten. Sein Glaubensbekenntniß, eines 
biederen, hessischen Revierförsters, war kurz und leicht 
faßlich. Da bedurfte es keiner langjährigen, beschwer 
lichen Studien über Mineralogie und Botanik und 
wie das Zeug alles heißt, und die Mathematik 
war auch gerade nicht das Steckenpferd des alten 
Herrn gewesen. Hatte er für uns „Grünschnäbel" 
doch eine gewisse Bewunderung, weil wir schon 
bei so jungen Jahren in die Geheimniffe der 
Decimalbrüche- eingedrungen waren! Mit derlei 
Larifari hatte er sich seines Lebtags nicht viel be 
faßt. So hatte er es auch während seiner Amts 
thätigkeit nie mit allzuviel Schreiberei gehalten. 
Ja es ging sogar die dunkle Sage, es hübe sich 
die Repofitur in unmittelbarer Nähe der Rauch 
kammer befunden, wenigstens sollen gar manche 
Aktenstücke stark angedunkelt gewesen sein. — Aber 
die Buchen- und Eichenbestünde an den Bergabhän 
gen des jenseitigen Schwalmufers, die zeugten von 
seinen praktischen forstlichen Kenntnissen, von der 
Pflege, die er seinem geliebten Walde angedeihen ließ. 
Und dann erst die Jägerei. War das nicht das 
ureigenste Feld der Thätigkeit für einen Forst 
beamten der guten alten Zeit? 
Auf allen Gebieten des Jagd und Fischerei- 
Wesens wußte er Bescheid. Das zeigte sich auch äußer 
lich. Das niedere, durch das die schmalen Fenster 
umziehende Weinlaub in grünliche Dämmerung 
ehüllte Wohnzimmer war rings an den Wänden 
icht besetzt mit stattlichen Geweihen und seltnen 
Rehbockstangen. Und jedes dieser zum Theil 
prächtigen Exemplare hatte ferne Geschichte. 
Was alles für schier unglaubliche, höchst wun 
derbare Ereignisse sich zugetragen, ehe der 
unerschrockene Weidmann die Träger dieser Ge 
hörne zw Falle gebracht, das war ein nie ver 
siegender, und stets anregender und belustigender 
Erzählungsstoff. In späteren Jahren wurde er 
oft selbst irre und verwechselte wohl zum Ergötzen 
seiner Zuhörer die Geschichten der einzelnen 
Glieder der Sammlung. 
In dem Wohnzimmer hing auch neben der 
guten alten Doppelflinte ein Blasrohr von be 
trächtlicher Länge. Mit diesem Instrumente er 
legte er Sperlinge. 
Gerade über der ehemals grünen, nun vom Regen 
verwaschenen und vom Zahn der Zeit stark be 
nagten Hausthür hing das Knochen- oder rich 
tiger Grätengerüst eines riesigen Hechtkopfes. 
Wir Kinder betrachteten dieses gebleichte, an einen 
Drachen aus unserem Märchenbuch etwas erinnemde 
Ungeheuer stets mit einem gelinden Gruseln, so 
viel sich auch der alte Herr mühte, uns begreiflich 
zu machen, daß es ein sehr wohlschmeckender 
Hecht mit dem stattlichen Gewicht von 30 Pfunden 
gewesen sei, — und die althessischen Pfunde waren 
noch um ein Weniges schwerer, als die heutigen Halb 
kilos. Auch daß er selbst, unter Affistenz des 
alten Uferaufsehers, des „Schmitthannes," dieses 
Prachtstück eines Schwalmhechtes gefangen, hat 
er uns unzählige Male mit allen Einzelheiten 
erzählt. Nicht wie Hans oder Kunz diese Ge 
schichte erzählt haben würden, nein, er verstand
        

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