Full text: Hessenland (1.1887)

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die dem Bischöfe zu Rom die Herrschaft über das 
Abendland übertragen worden sein sollte, erdichtet sei. 
Damit fiel diese Grundlage der weltlichen Herrschaft 
des Papstes hinweg. Hutten gab diese Schrift mit 
einer Widmung an Papst Leo X. neu heraus, mit 
dem Vorgeben, Leo, von dem nur alles Gute und 
höchste Liebe zur Wahrheit erwartet werden dürfe, 
werde sehr befriedigt sein, diese nun zu erfahrt«. Er 
bittet sogar den heiligen Vater, ihm öffentlich seinen 
Beifall zu bezeugen. Das Werk wurde 1517 auf 
Steckelberg in der hier von Ulrich errichteten tüchtigen 
Druckerei hergestellt. Luther war höchlich überrascht, 
als er diese Schrift zu Gesichte bekam und sie konnte 
ihn in seinen Schritten zur Kirchenbesserung nur be 
stärken. 
Gegen Ende des Jahres 1517 unternahm Hutten 
im Aufträge des Kurfürsten von Mainz eine Reise 
an den Hof des Königs von Frankreich, wo er um 
seines schriftstellerischen Namens willen ehrenvoll anf- 
genowmen wurde, kehrte Anfangs des Februar 1518 
zurück und trat in den Dienst Albrechts förmlich ein. 
Es würde nicht zu verstehen sein , daß der hohe 
Kirchenfürst einen Man» in seine Umgebung zog, 
welcher kürzlich eine solche Schrift veröffentlicht hatte, 
wenn man nicht die Mißstimmung kennte, welche 
die beständig gestiegene Ausbeutung Deutschlands 
durch den römischen Stuhl vorab in dem Mainzer 
.Erzbisthum erzeugt hatte, so daß cs Albrecht im Ge 
heime» nicht zuwider sein konnte, wenn dagegen vor 
gegangen wurde. Hutten hatte ihn um diese Zeit 
in das Erzstift Magdeburg zu begleiten, dessen Ober 
hirte Albrecht gleichfalls war, und hier setzte ihn ein 
Ordensbruder von Luthers Auftreten zuerst in Kennt 
niß, der am 31. Oktober des vorigen Jahres seine 
95 Thesen in Wittenberg angeschlagen hatte. Wohl 
hatte Hutten bereits gegen das Gebaren mancher be 
sonders höherer Geistlichen Und gegen päpstliche Über 
griffe in Wort und Schrift gewirkt, allein doch mehr nnr 
in dem Sinne des sein Vaterland liebenden Deutschen; 
so fehlte ihm das Verständniß für Luthers That und 
er hielt den sich daraus entwickelnden Streit für Mönchs 
gezänk. Auch traten beide Männer nicht in Bekannt 
schaft, als Luther vom 6.—20. Oktober 1518 zu 
Augsburg anwesend war, wo unser Ritter sich während 
des Reichstages d. I. aufhielt. Für diesen Reichs 
tag verfaßte er eine Rede an die deutschen Fürsten, 
um auf sie im Sinne des Kaisers einzuwirken und 
sie zur Einigkeit, zur Unterordnung unter das Reichs 
oberhaupt anzumahnen. Papst Leo hatte einen Kirchen- 
zehntcn zum Kriegszuge gegen die Türken von dem 
laterauischen Concile 15 l 7 sich bewillige« lassen; ent 
sprechend suchte Kaiser Max von den deutschen Stän 
den eine Türkenhilfe zu erlangen. Da diese des 
Kaisers Macht und Stellung nur heben konnte, redete 
der hierfür begeisterte Hutten in seiner kräftigen hin 
reißenden Sprache zu den Fürsten. »Wenn ihr mir 
kein Gehör gebt, — ruft er den Fürsten zu — so 
fürchte ich, wird diese Nation etwas sehen, das ihrer 
nicht würdig ist. Denn wenn es einmal zum Volks- 
aufstande kommt .... wird es mit den Schuldigen 
die Unschuldigen treffen, blindlings wird man wütend 
Hätte Hutten geahnt, daß seiner prophetischen War 
nung nach 7 Jahren furchtbare Wirklichkeit folgen 
sollte! 
Er mußte mit tiefem Schmerze erleben, daß die 
Stände des Reiche« am 27. August die Aufbringung 
einer Türkenhilfe ablehnten. 
Hutten erkannte schon im ersten Jahre seines Dien 
stes am Hofe, daß er nicht dafür geeignet sei, und 
Freunde hatten überhaupt mit Befremden die Kunde 
von seinem Eintritt in den Hof Albrechts vernommen. 
Es ist jedoch erklärlich, daß nach dem vieljährigen 
Leben aufs Ungewisse, oft in Not und Elend, die 
Gelegenheit für ein gesichertes Dasein auch diese 
freie und starke Seele bewegen konnte, ein Joch über- 
znstreifen. Daß es nicht allzu schwer war, zeigt 
der obenberührte Umstand der Schrift Balla's. 
(Schluß folgt.) 
Oiner von altem Kchrot und Vorn 
Skizze von Äs. Slorck. 
« r stand durchaus nicht m verwandschastlichen 
Beziehungen zu unserem Hause, er war nur 
der Amtsvorgänger meines Vaters. Dennoch 
nannten wir Kinder ihn Großvater. War er 
doch das echte und rechte Urbild eines allezeit 
gütigen, nachsichtigen Großvaters, und liebten 
wir ihn doch gleich einem solchen. 
. Seine freundlichen Augen blickten mit dem 
gleichen Ausdruck der Liebe auf unsere Flachs 
köpfe, wie auf den dunkleren Scheitel seiner Enkelin 
— unserer Spielgefährtin — herab. Wie ein 
Anflug neckischer Schelmerei lag es in den zahl 
losen Fältchen des von dichtem, weißem Bart 
umrahmten, guten Angesichts. - 
Das leicht gelockte, dünne Haupthaar glänzte 
im Strahl der Sonne wie lichte Silberfäden,
	        

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