Full text: Hessenland (1.1887)

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Dabei dichtete er zu dieser Zeit die Epigramme an 
Kaiser Max, gegen Venedig, Frankreich und den Papst 
gerichtet, des Kaisers Feinde; ein Werk voll Kraft 
und Reiz, in dem bereits der Ablaß- und Büllenhandcl 
wie die Ausbeutung Deutschlands durch Rom gegeißelt 
werden. Wahrscheinlich kehrte Ulrich 1514 nach 
Deutschland zurück, sein Gönner Eitelwolf von Stein 
veranlaßte ihn, ei» Gedicht auf den Einzug des neue» 
Erzbischofs Albrecht von Brandenburg am 8. November 
1514 in Mainz zu verfassen; Albrecht ließ ihm 200 
Goldgulden zukommen und Aussicht auf eine Stellung 
eröffnen. Als Hutten im Sommer 1515 auf der 
väterlichen Burg erschien, im Bewußtsein durch das 
Rcchtsstudium des zürnenden Vaters Verzeihung ver 
dient zu haben, wurde ihm dennoch kein freundlicher 
Empfang zutheil und erst die Erwägung, des Sohnes 
gewandte und scharfe Feder gegen Herzog Ulrich von 
Würtemberg zu verwenden, welcher kürzlich einen 
Hutten ermordet hatte, mag den Vater ans mildere 
Gedanken gebracht haben. Ulrich faßte auch nach 
und nach 5 Reden gegen den Herzog ab, deren zor 
nige Gewalt und rücksichtslose Vorwürfe in unserer 
Zeit sich kaum noch denke» lasse«. Zu Mainz lernte 
Hutten 1514 den durchreisenden Erasmus kennen, 
den bei weitem größten Gelehrten der Zeit, das Haupt 
der ganzen humanistischen Schule und von Hutten 
selbst als ein höheres Wesen verehrt; ei» Briefwechsel 
wurde angeknüpft. Im Frühjahre von 1516 sehe» 
wir den Ritter wieder in Italien, in Rom, von wo 
er über die Verhältniße am päpstlichen Hofe gegen 
Crotus sich aussprach. Der Kaiser war um 
diese Zeit in die von dem Könige Franz I. ihm 
entrissene Lombardei eingedrungen, aber bald wie 
der abgezogen; allenthalben erklang nun der 
Spott der Italiener über Max und der groß 
sprecherische Hochmut der Franzosen machte sich breit. 
Da begab cs sich eines Tags, daß Hutten bei einem 
Ritte auf 5 Franzosen traf, welche über den noch 
um Mailand kämpfenden Max höhnten, er nahm sich 
seines Kaisers an, die Franzosen fielen über ihn her, 
aber er stach Einen nieder und schlug die Uebrigen 
in die Flucht. Der Strauß trug ihm eine Wunde 
im Gesichte ein, aber auch den Ruhm der Vaterlands 
liebe und tapferen Ritterthnms, worauf er besonderen 
Werth legte. Rom mnßte er freilich nach diesem 
Abentheuer vor den Franzosen verlassen. Er betrieb 
dann noch einmal Rcchtsstudien in Bologna und da 
neben das Griechische. Studentenunruhe» im Früh 
linge von 1517, bei denen Ulrich dem Governeur 
gegenüber die Studenten vertrat, trieben ihn fort, 
und er wagte es, trotz seiner hefttgen Ausfälle wider 
die «Fischer- und Krämerrepublik," sich nach Venedig 
zu begebe», im Vertrauen auf den schützenden Zu 
sammenhalt der Gelehrtenrepublick — er gewährte 
ihm auch Sicherheit. Während des für de» Kaiser un 
glücklichen Kampfes um Mailand hatte Hutten ein 
Gedicht verfaßt, in welchem Jtalia ihren wahrhaften 
Oberherrn, den Kaiser, zu ihrer Rettung anruft. 
In Bologna erhielt er Kenntniß eines in Deutsch 
land erschienenen, das größte Aufsehen machenden 
Buches, der Epistolae obscurorum virorum. Anlaß 
zu demselben gab der durch einen getauften Jude« 
Pfefferkorn hervorgerufene Streit, da jener nach Art 
solcher Abtrünniger den Glauben seiner Väter verfolge 
und de« Satz aufgestellt hatte, alle Schriften in hebräischer 
Sprache außer der Bibel wären zu vernichten. 
Gegen diese Ungeheuerlichkeit trat Reuchlin, der neben 
Erasmus angesehenste Gelehrte der Zeit, ans und 
der Streit nahm immer größere Ausdehnung an, 
auch Hutten hatte in einer Schrift kräftig für den 
von der mächtigen Partei kirchlicher Fanatiker ange 
griffenen Reuchlin Partei genommen. Die Epis- 
tolas schienen aus den Kreisen der genannte» Partei 
zu komme«, sprachen deren Anschauungen aus und 
verriete» mit ihrem schlechten Latein deren Unwissen 
heit. Die Täuschung hielt auch vor, bis am Schluffe 
des erst nach längerer Zeit erscheinenden zweiten 
Theils die Maske fallen gelassen wurde und das 
als eine Schutzschrift begrüßte Werk nun sich als 
ein um so gefährlicherer Angriff auf die Finsterlinge 
erwies, als es die Lacher auf seiner Seite hatte. 
ES wird erzählt, daß dem Erasmus beim Lesen durch 
das Lachen ein Geschwür geplatzt und er so wieder 
gesund geworden sei. Man darf den ersten Theil 
vorzugsweise als von Crotus herrührend ansehen, 
wobei Mutian, ei» bedeutender und einflußreicher 
Gelehrter zu Gotha, u. A. Beiträge und Ideen ge 
liefert haben mögen. Hutten war alsbald von dem 
Buche so entzückt, daß er noch in Bologna einige 
von ihm im selben Geiste verfaßte Briefe Bekannte» 
vortrug. Diese finden sich dann im 2. Theil der 
Epistolao und Hutten hat wahrscheinlich noch weitere 
Beiträge zu letzterem gestellt. Bon Venedig wieder 
nach Bologna zurück gekehrt, verließ er die Stadt 
im Juni 1517 und zog nach Deutschland, wo ihn 
ein hoher Triumph erwartete. Längst hatten seine 
mit Freimuth und Kühnheit in classichem Latein ge 
schriebenen Schriften die Aufmerksamkeit auf den 
jungen Dichter und Gelehrten hingelenkt; die heiße 
Vaterlandsliebe und der Wunsch, die alte Hoheit des 
Reiches wiederherzustellen, welche» er seit seinem 
Wiener Aufenthalte mannigfachen Ausdruck gab, dann 
das furchtlose, ritterliche Auftreten in Rom für die 
Ehre seines Kaisers konnten diesen nur wohlgeneigt 
stimmen. Er beschloß Hutten zum Dichter z« krönen 
und setzte am 12. Juli zu Augsburg, umgeben von 
einer glänzenden Versammlung, dem vor ihm knieenden 
Hochbeglückten den von der schönen tugendhaften Con 
stanze Peutinger geflochtenen Lorberkranz aufs Haupt. 
Bald hiernach übte dieser einen kecken Streich im 
Geiste der Dunkelmännerbriefe aus. In Bologna 
hatte er die Schrift des Lorenz Valla ans der 1. 
Hälfte des 15. Jahrhunderts gefnnden, welche dar 
legte, daß die Schenkung Kaiser ConstanttnS, durch
        

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