Full text: Hessenland (1.1887)

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eröffnen. Der Batet wird als ein verschlossener 
harter Mann geschildert, der von seinen Entschlüssen 
nicht abzubringen war, in der engen und düsteren 
Burg erklang in der Fehde- und raublustigen Zeit 
mehr der Waffenlärm der Reisigen, als die Töne 
eines befriedeten Daseinsdas rauhe einförmige 
Leben brachte auch dem Kinde wenig Freuden, wenn 
gleich die Mutter, Ottilie von Eberstein, weiblich und 
sanft einiges Gegengewicht gegen den Vater bildete. 
Der aufgeweckte Knabe zeigte rasche Faffungskraft 
und Lernbegierde. Mit 11 Jahren brachte man ihn 
nach Fulda, um Mönch zu werden; in der alt 
berühmten Klosterschule daselbst entwickelten sich 
Ulrichs Fähigkeiten, aber er erkannte auch, daß sein 
Beruf nicht im klösterlichen Leben liege. Das war 
auch die Ansicht Eitelwolfs v. Stein, welcher den 
begabten widerwilligen Klosterinsaffen kennen lernte 
und ihn für Höheres bestimmt hielt. Stein, ein für 
die Zeit hochgebildeter Mann, wie die Ritterschaft 
wenige aufzuweisen hatte, galt viel bei dem Mark 
grafen Albrecht von Brandenburg, in dessen Diensten 
er stand und bewog Hutten den Bater, die Ablegung 
der Klostergelübde seines Sohnes noch hinauszuschieben. 
Doch es sollte gar nicht dazu kommen. Ulrich entzog 
sich einem Dasein, welches nach den in ihm sich ent 
wickelnden Eigenschaften ihm entsetzlich hätte sein müssen, 
im I. 15Ü4 oder 1505 durch die Flucht, wie es scheint 
unter Mitwirkung seines Jugendfreundes Crotus Ru 
bianus. Einige Monate hiernach, daß der künftige 
Kämpfer gegen das Mönchthum seine freie Persönlich 
keit sich. rettete, gab der andere künftige Kämpfer die 
selbe auf, der Student Martin Luther trat 1505 in 
das Augustinerkloster zu Erfurt ein, ein merkwürdiges 
Zusammentreffen, welches das Wesen der beiden Cha 
raktere kennzeichnet. Als der Sohn so dem Willen 
des Vaters entgegen gehandelt hatte, zog dieser seine 
Hand von demselben ab. Der etwa 16jährige sah 
sich gänzlich mittellos in der Welt, doch mit frischem 
Muthe nahm er den Kampf ums Dasein auf — es 
sollte ein Kampf bis zum letzten Athemzuge sein. 
Mit wiffensdurstiger Seele ging Ulrich an die Stu 
dien, denen er auf den Universitäten Erfurt, Cöln 
und Frankfurt a. O. 4 Jahre lang sich hingab, öfters 
in Noth, mitunter von Gönnern unterstützt. Frühe 
schon versuchte er sich poetisch, d. h. in der lateinischen 
Sprache, welche damals. Gelehrten- und Weltsprache 
war; doch erst aus dem Alter von etwa 18 Jahren 
sind uns poetische Versuche Ulrichs aufbewahrt. In 
diesem Alter wurde ihm der Ite philosophische Grad, 
des Baccalaureus, in Frankfurt zutheil, es blieb dies 
der einzige. Eoban Hesse lernte er zu Erfurt kennen, 
mit ihm, welcher bald sich den Ruhm des ersten Dich 
ters der Zeit errang, verband Hutten treue Freund 
schaft, Eoban und Crotus blieben ihm bis zum Tode 
innig verbunden. 
Huttens unruhiger Geist trieb ihn hinaus ins Le 
ben und nach wohlgenützter Studienzeit verließ er, 
vermuthlich im Frühjahre von 1509, Frankfurt a. O. 
Im Herbste nach erlittenem Schiffbruche auf der Ost 
see, finden wir ihn in Greifswald, wo er mittellos 
und krank von dem Bürgermeister Lötz und dessen 
Sohne, einem Professor, ins Haus aufgenommen wird. 
Nach einiger Zeit trübte sich das gute Verhältniß, 
gewiß nicht ohne Schuld des heftigen, reizbaren jungen 
Mannes. Er verließ Greifswald, wurde von Bewaff 
neten aller seiner Habe, auch der Oberkleider beraubt 
und mußte sich im elendesten Zustande bei strenger 
Winterkälte wenig bekleidet durchbetteln. In Rostock 
nahmen Professoren sich seiner an, er hielt einem 
Kreise Studirender schon wissenschaftliche Vorträge. 
Und nun machte sich der Zorn des Gekränkten Luft, 
denn die Räuber, welche ihm Alles, selbst die Hand 
schrift seiner Dichtungen genommen halten, waren von 
den beiden Lötz ausgesandt worden. Die Querelae, 
Klagen gegen die Lötz, welche im I. 1510 erschienen, 
brachten die Vorwürfe des auch durch manches Andere 
sich verletzt haltenden und begannen die lange Reihe 
der Streitschriften Huttens, das ihm eigenste Gebiet. 
Noch im selben Jahre hielt er sich in Wittenberg auf, 
wo ihn im Februar 1511 des Freundes Crotus 
Mahnung traf, zu den Aeltern zurückzukehren. Statt 
dessen hatte Ulrich die Keckheit, das Kloster, dem er 
entlaufen war, um Geld zu bitten; begreiflicherweise 
kam kein Geld, aber doch freundlicher Zuspruch statt 
gerechtfertigter Vorwürfe. Im Sommer von 1511, 
nachdem er wahrscheinlich einige Zeit sich in Leipzig 
aufgehalten, finden wir Hutten auf der Wanderung 
durch Böhmen und Mähren, im erbärmlichsten Auf 
zuge; Bischof Thurzo von Olmütz, ein großmüthiger 
Förderer der Wissenschaft, stattete den geistvollen Bett 
ler reichlich aus und so gelangte dieser nach Wien, 
wo unter Kaiser Max der Humanismus eine Stätte 
gefunden hatte. Hier, am Sitze des Oberhauptes des 
Reiches, entwickelte sich in Ulrichs Geiste die Theil 
nahme an den großen Angelegenheiten des Vater 
landes; Schmerz über. den Verfall des Reiches, Zorn 
gegen die Widersacher des Kaisers flössen in einem 
Gedichte an Maximilian zusammen, in welchem er 
die Idee des Kaiserthumes in der Hoheit erfaßt, wie 
die großen Kaiser des Mittelalters ihr nachstrebten 
und vorab die Republik Venedig gezüchtigt haben will, 
da sie 1508 Maximilian den Durchzug zur Kaiser 
krönung weigerte. So nahe Italien, lockte diese Hei 
mat des Humanismus dessen eifrigen Jünger an, 
Hutten zog dahin, und im April 1512 taucht er in 
Pavia auf, wo er das Studium des Rechtes begann, 
dem Wunsche seines Vaters sich fügend. Dieses galt 
allein für eines Edelmannes würdig neben dem 
Waffendienste, da es zu den Stellungen im Reiche 
wie in den Einzelstaaten befähigte; auch trieb Hutten 
hier das Griechische. Wieder gerieth er in die äußerste 
Noth, sodaß er kaiserlichen Kriegsdienst nahm, obwol 
er schwere Gebreste trug, z. B. das linke Bein kaum 
gebrauchen konnte, gewiß ein maxtervolles Dasein.
        

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