Full text: Hessenland (1.1887)

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St. Goar leistete hier — wie schon 1621 Obrist 
v. Uffeln den Spaniern getan — Graf Görz 
v. Schlitz im Dezember 1693 einem ganzen Heere 
unbeugsamen Widerstand. Allein 8000 Tote 
ließen die Franzosen vor der Veste; ihr halbes 
Heer wund — darunter der Reichs-Marschall 
Tallard selber. Wol dursten solcher gewaltigen 
Macht gegenüber die Verteidiger nur eine Hand 
voll heißen. 
Rheinfels und Hohentwiel haben seitdem wun 
derbar gleiches, trübes Schicksal gehabt. Jener 
meuschentümlich-empfindsame, unklare, vaterlands 
lose Freiheits-Schwindel französischer Umwäl 
zungs-Zeit schien das Marg europäischer Mann 
heit in gewissen Kreißen hinweg gesogen zu haben. 
'Rheinfels und Hohentwiel wurden von erbärm 
lichen Wichten, ohne auch nur leisesten Versuch 
eines Widerstandes gewagt zu haben, staunendem 
Feinde nach steiwilligem Abzüge der Verteidiger, 
preis gegeben! Just so geschah es mit Malta. 
Unsere hochgemute Mannschaft ebenso als die 
ehrenhaften Bürger von St. Goar traf aber auch 
im Spätherbste des Jahres 1794 kein Schatte 
von Schuld. — 
Jedem Hesten wollte ich dringend ans Herze 
legen, in Ditfurth's meisterhaftem Werke: die 
Hesten in der Champagne, am Maine und 
Rheine — Marburg, 1881, Elwert's Verlag — 
doch den Anhang über Rheinfels zu lesen. Die 
schlüßliche Betrachtung hat jedes Mal mich mäch 
tig bewegt. 
Und nach Spanien folgen wir dem Wehen 
hessischer Fahnen. Zu Badajoz war es, wo 
in 1811 das darmstädtische Leib-Regiment (heute 
Nr 117) einen Widerstand leistete, der ähnlich 
dem der Spartaner in den Thermopylen am Ende 
nur einer Umgehung — über eine von franzö- 
sischen Bundes-Genoßen geräumte Stelle des 
Walles — und somit dem Angriffe vom Rücken 
erlag. Dasselbe Regiment hatte einst in der 
Schlacht am Kalenberge vor Wien (1683) sich 
rühmlich hervor getan. 
Hier, zu B a d a j o z, in der mit edelsten Blute 
getränkten Breche, aber war es ein Kampf, 
um den deutsche Herzen trauern möchten noch 
diesen Tag. Denn, die vor dem geschmolzenen 
schließlich gefeßelten hessischen Häuflein tot oder 
verwundet am Boden lagen, es waren die Mannen 
des schwarzen Welfen-Herzogs, die treuen Streiter 
der englisch-hannöverischen Legion! Und auch 
darunter vielleicht mancher Heste, dem korsische 
Tücke die Heimat verkehrt. 
Sechs Namen wurden genannt: Neuß, Ziegen 
hain, Hohentwiel, Magdeburg, Rheinfels, Bada 
joz; gering ihre Anzahl gegenüber dem Sieges- 
Glanze schier unzähliger Schlachten in offenem 
Gefilde, und dennoch leuchtend immerdar durch 
makellosen Ruhm ! Auch sie rufen späten Enkeln 
die mahnenden Worte zu: 
Gehet hin und tuet desgleichen! 
v. Pfister. 
Die 58. Iiiruntfiiilimi >et Umtut für Mcht Geschichte »»d 
Metsimsie. 
(Fortsetzung.) 
Am 20. Juli fand der Ausflug der Mitglieder 
des Vereins für hessische Geschichte und 
Landeskunde von Schlüchtern nach der 
Huttenschen Stammburg, dem Steckel- 
berge, statt. Wir haben dieser Partie in dem 
ersten Artikel (S. Nummer 15 des „Hessen 
landes") bereits eingehender Erwähnung gethan, 
hier erübrigt nur noch die Rede wiederzilgeven, 
welche der Präsident des Vereins, Herr Major 
C. von Stamford, innerhalb der Ruinen 
der Burg über Ulrich v. Hutten hielt. Nicht 
unbeachtet wollen wir hier lassen, daß jetzt, zu 
Ende August, bezw. zu Anfang September, 
364 Jahre verflossen sind, seit Ulrich v. Hutten 
auf der Insel Ufenau im Züricher See arm, krank 
und elend in einem Alter von 35 Jahren und 
4 Monaten sein bewegtes ruhmreiches Leben be 
schloß. 
Herr Major v. Stamford leitete seinen 
Vortrag über Ulrich v. Hutten durch eine scharfe, 
treffende Zeichnung der politischen nnd religiösen 
Verhältniffe ein, wie sie zu Ende des 15. und 
Anfang des 16. Jahrhunderts in der damals 
kultivirten Welt, und namentlich in dem heiligen 
römischen Reich bestanden. Dann fuhr er fort: 
Ich wende mich zu dem Geisteshelden, deffen 
Schatten über diesen Trümmern schwebt, deffen Ge 
dächtniß diese Stunde geweiht ist. Ulrich erblickte 
das Licht als ältester Sohn des Ritters Ulrich von 
Hutten ans Steckelberg am 31. April 1488; klein 
und schwächlich war das Kind und das war viel 
leicht der Grund, weshalb der Vater daffelbe für 
das Kloster bestimmte, wobei die Aussicht mitgewirkt 
haben mag, durch die Beziehungen der angesehenen 
und zahlreichen Familie der Hutten zum Stifte 
Fulda hier für Ulrich eine ehrenvolle Laufbahn zu
        

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