Full text: Hessenland (1.1887)

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wurden wieder auf die Anhöhe geführt, wo ich 
auf Kommando stand. Wir feuerten ein wenig 
in den Wald und auf Cavallerie, da sich der 
Feind aber verstärkte, zogen wir unsere Kanonen 
an das Bataillon. Mein Kommando trat ein, 
und nun sollten wir den Wald attaquiren. Es 
war eben Zeit, daß ich mit meinem Kommando 
eintrat, denn der Feind hatte in dem Busche 
ein paar Kanonen ganz nahe gebracht und wollte 
mich eben mit Kartätschen begrüßen. Zu der 
Attaque in den Wald waren außer der schon 
besagten Cavallerie auch noch drei Ungarische 
Grenadier-Bataillone uns zur Hülse gegeben, 
wovon eins mit uns ging und die andern sich 
um den Wald herumschlichen, um, wenn wir 
den Feind herausgeworfen hätten, ihm den Rück 
zug sauer zu machen. Nun ging's vorwärts, 
und oa der Wald sehr voll von Franzosen war, 
so bekamen wir ein saures Stück Arbeit. Es 
gelang uns aber, nachdem wir Schritt vor Schritt, 
in immer beständigem Kugel-Regen den Feind 
forttrieben bis aus dem Wald, wo ihre Cavallerie 
stand, um ihre Retraite zu decken. Wir hatten 
viele Todte und Blessirte. Auf meinem Kommando 
den Morgen hatte ich nur drei Blessirte. Was 
wir verloren haben überhaupt, werde.ich wohl 
morgen erst erfahren. Die Affaire dauerte bis 
es dunkel war, und wir hatten die Satisfaktion, 
den Feind auch auf dem linken Flügel geschlagen 
zu haben, welcher sich unordentlich nach Guise 
zurückzog. Bon unsern Offizieren weiß ich keinen 
außer dem Major von Hachenberg, der blessirt 
wurde. Dieser ist durch die Wade geschaffen. 
Bon meiner Kompagnie hatte ich fünf Blessirte 
und einen Unteroffizier, den Sergeanten Wilhelm. 
Es war schon Nacht, als wir unsern Lagerplatz 
wieder zu beziehen befehligt wurden, daher 
marschirten wir irre und kamen erst um l / 2 12 Uhr 
an. Da die Leute, so wir zurückgelaffen hatten 
im Lager, die Zelte noch nicht aufgeschlagen 
hatten, und meine Leute nicht einmal etwas für 
mich gekocht hatten, so schalt ich sie brav aus. 
Ich kann wohl sagen, daß ich in meinem Leben 
noch nicht so müde gewesen bin als heute. Ich 
legte mich schlafen ohne vorher etwas zu essen. 
Am 27. April. Obschon ausgeschlafen, doch 
noch in allen Gliedern matt, stand ich um 6 Uhr 
auf. Der Obrist Fuchs rief mich vor das Zelt 
und sagte mir, da die Kompagnie drei Kühe 
gestern Abend mitgebracht habe, so sollen solche 
für das ganze Bataillon verschlachtet werden. — 
Um 10 Uhr zogen die Wachen auf. Um 11 Uhr 
hielt das Regiment Kirche. In Castillon hat 
der Kaiser auch ein feierliches Hochamt halten 
lassen als Dankfest für den gestrigen Sieg. — 
Ich bekam mit dem Major Wackenitz einen leb 
haften Streit über die Kühe, weil er behauptete, 
es sei schon längst eine Ordre gegeben, daß alles 
Vieh, was die Leute erbeutet, für das ganze 
Bataillon sein solle. Ich bewies ihm das Gegen 
theil, da kein einziger Feldwebel von dieser Ordre 
etwas weiß. — Im Hauptquartier des Prinzen 
Coburg bei dem Feldpostmeister kommt ein 
Journal heraus, dessen Inhalt nur allein die 
Vorfälle bei den Armeen, wie solche dem Prinzen 
gemeldet werden, enthält uno bekannt macht. 
Dasselbe kostet das halbe Jahr drei Kronen. 
Ich habe darauf pränumerirt, und habe zu Mit 
lesern den Obrist Fuchs, Major Wackenitz, 
Capitain Hohorst, Prinz Solms, Lieutenant 
Kospoth. — Bei der gestrigen Affaire habe ich 
dicht am Kopf einen Schuß durch den Hut und 
einen anderen auf der linken Rocktasche, welcher 
mir meine Brieftasche, so ich daselbst hatte, 
entzwei gerissen hat. — An Todtgeschossenen hat 
gestern das Regiment gehabt: 10ffizier, 5 Unter 
offiziere, 41 Grenadiere. — Summa Todtgeschoffene 
und Blessirte: 1 Offizier, 6 Unteroffiziere, 
44 Gemeine. — Der Kommandeur des Regiments 
Kaiser-Chevauxlegers schrieb einen sehr artigen 
Brief an den Obristen von Fuchs, worinnen er 
unserm Regiment die größten Elogen giebt und 
zugleich bittet zu attestiren, daß zwei Reiter 
dieses Regiments den blessirte» Major Hachen 
berg und den Obristen von Eschwege aus dem 
Gedränge heraus und aus dem Walde gebracht, 
weil er alsdann überzeugt ist, daß der Kaiser 
den zwei Reitern für diese edle That die Verdienst- 
Medaille geben würde. Diese Attestate soll der 
Obrist v. Fuchs, der Obrist v. Eschwege und 
der Major v. Hachenberg unterschreiben. Hachen 
berg hat sich heute dem Regiment empfehlen 
lassen, geht nach Balenciennes, um sich oaselbst 
kuriren zu laffen. Dieser, als er blessirt während 
der Affaire unter einem Baume lag, ward um 
ringt von den Franzosen; er reichte ihnen seine 
Börse und Uhr hin, keiner nahm sie aber ab; 
sie rührten ihn nicht an, und verließen ihn auch, 
da unfere Leute näher kamen, ohne ihm etwas 
zu thun. Ist das Großmuth oder Konsternation 
gewesen? Die Festung Landrecies ist heute 
nochmals aufgefordert worden, sich zu ergeben, 
hat aber refusirt, denn, wie ich höre, will die 
Garnison freien Abzug haben, welches aber nach dem 
neuen System des Generals Jork niemals wieder 
geschehen foll, da hernach, wie voriges Jahr die 
Garnison von Mainz, Balenciennes und andere, 
in der Bendse mit Erfolg gedient haben. — Der 
Lieutenant v. Langenschwartz ist hierher vom 
Herr General von Wurmb geschickt an das 
Hauptquartier. Er sagt, die Franzosen unter 
Pichegru hätten Jpres eingeschlossen und bedrohet, 
ebenso auch Tournai. Es ist von hier starke 
Verstärkung, ich glaube 10 Bataillone und nach
	        

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