Full text: Hessenland (1.1887)

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Ein ebenso großer Feind der s. g. Aasjäger, wie 
der Sonntagsjäger, geht er denselben in seinem Ge 
dichten, ganz besonders aber in seinem „Goldenen 
Forste ABC, oder Valerlehren eines alten biederen 
Forstmannes an seine Zöglinge* scharf zu Leibe. — 
Eine innige Freundschaft verband ihn mit dem 
im Jahre 1811 von Leipzig nach Marburg berufenen 
geistreichen und gelehrten Professor der Jurisprudenz 
Dr. E d u a r d P l a t n e r (gestorben am 5. Juni 1860). 
Dieser mußte ihm versprechen, täglich sein Grab 
im Forstgarten zu besuchen, was denn auch der 
Geheime Hofrath, der „alte Gaius*, wie wir als 
Studenten ihn nannten, bis an sein Lebensende, 
wenn ihn nicht Krankheit daran hinderte, getreulich, 
sei es zu Fuß sei es zu Pferd, gehalten hat. 
Es erübrigt noch, daß wir der Schriften Wildungen's 
gedenken. Wir nennen hier nur: Lieder für Forst 
männer und Jäger (Leipzig 1788 und öfter in neuen 
Auflagen erschienen), bekannt unter dem Namen 
„Grünes Gesangbuchs; das „Neujahrsgeschenk für 
Forst- und Jagdliebhaber* (6 Bücher, Marburg 
1794-^1799), fortgesetzt als Taschenbuch für Forft- 
und Jagdfreunde (8 Bändchen, Marburg 1800—1812) 
und als Weidmanns Feierabend (6 Bändchen, Mar 
burg 1815—1822). Ein Freund und Verehrer 
Wildungen's gab dessen „Forst- und Jagdgedichte* 
(aus dem Nachlasse gesammelt) 1829 (Hersfeld, 
Industrie-Comptoir) heraus und im Jahre 1877 
erschienen hier in Kassel bei Th. Fischer: Wildungen's 
Gesammelte Schriften, herausgegeben von P. von 
Sametzki. 
Wildungen's Gedichte zeichnen sich durch Frische 
der Empfindung, schlagfertigen Witz und große Form 
gewandtheit aus. 
Zum Schlüsse können wir dem Weidmann von 
altem Schrot und Korn einen Vorwurf nicht er 
sparen. Es betrifft sein Verhallen während der fran- 
zösischen Fremdherrschaft. Als westfälischer Oonsei-- 
yateur des eaux et des forets hat er denn doch 
eine Unterwürfigkeit dem Könige Jeröme gegenüber 
sich zu Schulden kommen lassen, die in starkem Wider 
sprüche mit seinem sonstigen mannhaften Auftreten 
und der festen Betonung seines Deutschthums steht.*) 
Doch wer will hier den ersten Stein gegen ihn er 
heben? Gab es, leider sei es gesagt, damals doch, 
und giebt es heute noch so viele, die, wenn die Sonne 
der Gunst von oben lächelt, nur zu leicht Verräther an 
sich selbst und ihrer Gesinnung werden, tzuos ego! — 
A» 3* 
Ein Attentat auf König Jeröme. Die 
Tradition hat uns die Kunde von einem Attentat 
*) Wir verweisen diesbezüglich auf den Artikel „Ge 
schichten aus dem Heffenland" in Nr. i l dieser Zeitschrift, 
sowie auf den Artikel „Gut reiten können" in der 1886 hei 
N. G. Elwert in Marburg erschienenen, von W. Kolbe 
herausgegebenen 3. Auflage des „Hessischen Historien- 
büchleins" (Anhang 76, S. 179—183). 
auf den König Jeröme von Westfalen überliefert, 
das, wie es scheint, in den damaligen Zeitungen 
todtgeschwiegen und überhaupt wenig bekannt geworden 
ist. In Doernberg lebte ein Forstlaufer, namens 
Dötting, der aus übereifrigem Patriotismus, wie man 
wohl annehmen darf, den Entschluß gefaßt hatte, den 
König Jeröme auf irgend eine Weise aus dem Leben 
zu befördern. Er hatte ausgekundschaftet, daß Jeröme 
an einem bestimmten Tage des Jahres 1809 von 
Schloß Weißenstein aus, der jetzigen Wilhelmshöhe, 
damals Napoleonshöhe genannt, eine Reise durch 
einen Theil des Landes unternehmen wolle und dabei 
auch das Dorf Doernberg passiren würde. Dötting 
hielt dies für die beste Gelegenheit, sein Vorhaben 
auszuführen. Durch das langgestreckte Dorf führt 
die Straße nach Wolfhagen. Etwa in der Mitte 
des Dorfes führt eine Brücke über das Flüßchen 
Warme, zur rechten Seite hinter dieser Brücke steht 
das Pfarrhaus, von dessen vorderen Ecke man die 
Einmündung der Kasseler Straße in das Dorf über 
sehen kann. Diese Position hielt Dötting für den 
geeignetsten Punkt seines Operirens. Von hier aus 
konnte er den König Jeröme, der von dem General 
Allix begleitet war, einfahren sehen, und dann von 
der entgegengesetzten Ecke des Pfarrhauses aus, von 
wo er mit seiner Schußwaffe die Brücke bestreichen 
konnte, sein Attentat am sichersten vollführen. Dötting 
hatte von seinem Standpunkte aus das Einfahren 
des Königs Jerome in das Dorf wohl wahrgenommen 
und sich sofort hinter dem Pfarrhaus her zur andern 
Ecke desselben begeben. Ein Zufall wollte es, daß 
das Attentat mißglückte. Der König hatte während 
der Zeit, in welcher Dötting seinen Standpunkt 
geändert hatte, aus irgend einem Grunde, ohne daß 
dies Dorting gewahren konnte, seinen bisher im 
Wagen eingenommenen Platz mit demjenigen des 
Generals Allix gewechselt. Als nun der König die 
Brücke passirte, war der Attentäter durch die jetzt 
erst wahrgenommene Veränderung so verblüfft, daß 
seine Waffe das Ziel verfehlte. König Jeröme be 
fahl die sofortige Rückkehr nach Kassel. Das Dorf 
wurde mit westfälischem Militär besetzt, dessen Be 
fehlshaber den Auftrag hatte, die ganze Ortschaft zu 
demoliren. Dieser Befehl wurde jedoch durch Für 
sprache dahin geändert, daß nur das Haus des Dötting 
der Erde gleich gemacht wurde. E. M. 
— Zwei hessische Veteranen, der Geh. Hofrath 
Strieder und der Major Henel, die in den 
zwanziger Jahren in Kassel verstorben sind, hatten 
als junge Offiziere der Schlacht von Wilhelmsthal 
— 24. Juni 1762 — beigewohnt und pflegten noch 
in ihrem hohen Alter am Johannistag zusammen 
zukommen, um sich an den Erinnerungen ihrer Jugend 
zu ergötzen. Unter den da rekapitulirten Erlebnissen 
erfteuten sie sich namentlich öaran, wie sie in brennen 
der Sonnenhitze, vor Durst lechzend, durch die Saat-
        

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