Full text: Hessenland (1.1887)

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Das grüne Gestell meines Jagdwagens, mit meinen 
treuen Rosien bespannt, soll auch zu dieser meiner 
letzten Forstreise mir noch dienen. Zwölf redliche 
Förster sollen nachfolgen, zwei Jäger mit meinen 
Leibgewehren den Zug beschließen. Will irgend ein 
anderer echter Freund auch mitwandern, so bitte ich 
ihn (wenn es sein Stand erlaubt) in Grün sich 
zu kleiden. Beim Einsenken sollen die braven Weid 
männer mit einem dreimaligen Donner ihrer Pirsch 
büchsen mich einsegnen. 
Nach der Zurückkunft soll man sie — außer 
meinem Hause — mit einem frugalen Jägermahle 
und einem guten Ehrentrunke bewirthen, und der 
Aetteste unter ihnen zum Schluß den hoffentlich herz 
lichen Toast noch ausbringen: 
„Sanft schlummere der Freund der Natur 
Im Schatten der-von ihm» selbst gepflanzten Bäume!" — 
Und genau so, wie Wildttngen es. angeordnet hatte, 
vollzog sich denn auch seine Beerdigung. Ein 
zahlreicher Zug von Männern aus allen Ständen 
schloß sich an die dem Sarge unmittelbar folgenden 
Forstbeamten an. Einer der Begleiter sprach am Grabe 
warme Abschiedsworte im Sinne des Hingeschiedenen. 
Die Grabesstätte aber ist der etwa 8 / 4 Stunde von 
Marburg an dem Kappeler Wege nach dem Frauen 
berge gelegene, von Wildungen selbst gepflanzte Forst- 
garten. Der Marburger Lokalpoet Dietrich Wein- 
traut besingt in seinen «Erinnerungen an Marburg 8 
Wildungen's Grab und gedenkt noch in einem 
besonderen Gedichte der fröhlichen Feste, die 
Wildungen im Mai 1811 mit seinen Freunden 
im Forstgarten bei Gesang und Becherklang feierte. 
Und in späterer Zeit fand dies Nachahmung bei 
den Herren Studenten. Sie unternahmen häufig fidele 
Fäßchenpartien nach dem Forstgarten und zuweilen 
fochten sie hier auch ihre Duelle aus. Hatte schon der 
Sturm vom 18. März 1858 arge Verwüstungen 
im Forstgarten angerichtet, so war dies in noch 
größerem Maße bei dem Orkane vom 12. März 
1876 der Fall. Fast sämmtliche von Wildungen 
gepflanzte Bäume wurden umgerisien, aber das 
Felsengrabmal blieb verschont, während der Sturm 
doch den kaum errichteten Aussichtsthurm auf Spiegels 
lust in Trümmer warf und das Denkmal auf 
Augustenruhe umstürzte. 
Ludwig Karl Eberhard Heinrich Fried 
rich von Wildungen, der Letzte seines Stammes, 
war geboren zu Kassel am 24. April 1754. Sein 
Vater war Heffen-Kaffel'scher Geheimer Rath. Das 
Geschlecht Derer von Wildungen wird bis zum 
13. Jahrhundert zurückgeführt und stammt wahr 
scheinlich aus der fürstlich Waldeckischen Stadt 
gleichen Namens; in früherer Zeit vor den Herren 
Freiherrn von Dörnberg soll es mit dem hessischen 
Erbtruchseß- oder Erbküchenmeisteramte belehnt ge 
wesen sein. 
Seine Gymnasialstudien machte Wildungen 
auf dem damals berühmten Aegidiengymnasium zu 
Nürnberg und auf dem Pädagogium zu Halle. Hier 
schloß er ein dauerndes Freundschaftsbündniß mit 
Friedrich Ludwig von Witzleben, dem nach 
maligen hessischen Oberjägermeister und Staarsminister. 
Auf den Hochschulen Halle und Marburg widmete 
sich Wild ungen nach dem Wunsche seines Vaters 
dem Studium der Rechtswissenschaft — ganz gegen 
seine eigene Neigung, die ihn nicht zu dem «grämlichen 
Dienste der Themis 8 , sondern zu dem frischen fröhlichen 
Dienste der Artemis hinzog. NaH vollendeten 
Universitätsstudien wurde er zunächst am 2. April 
1776 als Affessor der Regierung zu Marburg an 
gestellt. Der Plan, sich jetzt noch der von ihm so 
sehr geliebten Forstwissenschaft zu widmen, scheiterte 
an dem Widerspruch seines Vaters. In Nassau- 
Usingensche Dienste übergetreten, wurde er am 10. Mai 
1780 zum Regierungsrathe befördert, und hier bot 
sich ihm auch Gelegenheit, sich mit seinem Lieblingsfache, 
dem Forstwesen, beschäftigen zu können. Im Jahre 
1781 wurde er nach Hessen zurückberufen und zum 
Regierungsrathe in Marburg *) ernannt. Achtzehn 
Jahre blieb er in dieser Stellung, da schlug ihm 
die heiß ersehnte Erlösungsstunde. Am 22. Novem 
ber 1799 erhielt er das Reskript als Oberforstmeister 
in Marburg. «Lieblicher 8 , schreibt er in seiner 
Selbstbiographie, «lächelte nie des Rosenmonats 
schönster Morgen mich an, als jener düsterste aller 
Novembertage mich anlächelte, der diese frohe — nun 
fast nicht mehr erhoffte —• Botschaft mir verkündigte. 
Selbst im höchsten Schwünge der Ode vermochte ich 
die Freude nicht zu schildern, in der ich mein 
«Triumphlied 8 aus der Fülle des dankbarsten 
Herzens anstimmte. 8 Dieses «Triumphlied 8 
aber, das damals berechtigtes Aufsehen machte, wollen 
wir unsern Lesern nicht vorenthalten. Hier ist es: 
Nun fahr' er wohl, Herr Mevius, 
Herr Brunnemann und Leyser; 
Im Walde macht Naturgenuß 
Mich glücklicher und weiser. 
Wohl mir! entfloh'n bin ich dir nun, 
Gerichtliches Getöse; 
Wie gerne lass' ich jetzt euch ruhn, 
Ihr feisten Aktenstöße! 
Nun mögen andre früh und spät 
Vor Themis Pfluge schwitzen; 
Ein schöner Wald, von mir gesät. 
Wird baß der Nachwelt nützen. 
Zwar werd' ich einst, beim Rabenschrei 
Und bei der Füchse Ränken, 
*) Wildungen war Mitglied der juristischen Abtheilung 
der Regierung. Damals waren die Verwaltung und die 
Justiz' noch mcht getrennt. Dieser wesentliche Fortschritt 
erfolgte in Kurhessen erst, oder vielmehr im Hinblick auf 
andere deutsche Staaten schon unter der Regierung deS 
Kurfürsten Wilhelm II. durch das Organisationsedikt vom 
29. Juni 1821.
        

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