Full text: Hessenland (1.1887)

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Schiller: Haben Sie Verdruß gehabt in 
Ihrem Amt -? 
Reinwald: Verdruß mit meinem Vor 
gesetzten, meinen Untergebenen, mit dem Publikum! 
Sogar meine Wissenschaft fängt an, mich zu 
ärgern! Stets trifft es sich jetzt so, daß die 
Bücher, die ich speziell für meme persönlichen 
Zwecke brauche, im nächsten Augenblick auch von 
anderen verlangt werden —! Und da soll ich 
meinen Heliand fertig machen können! Seit 
fünfzehn Jahren arbeit' ich daran! Und fort 
während diese Störungen und Hemmnisse! — 
Ja, wenn ich es nur um der Ehre willen thäte! 
Wenn ich nicht jeden Groschen eines Extra 
verdienstes so dringend nöthig hätte! Herzog 
licher Bibliothekar! Ein Lakai oder Kanzleikopist 
empfängt mehr Gehalt, als ich, der studirte 
Mann! 
Schiller (beiseite): Er wird mich doch nicht 
anpumpen wollen? Ich habe ja selbst nichts — 
(laut) Lieber Reinwald, ich bin wohl noch in 
Ihrer Schuld — für Portoauslagen? Meine 
Briefe, die sämmtlich an Ihre Adresse gehen — 
Reinwald (wie oben): Ach was! — O, 
meine Hypochondrie! Aber ich habe mir jetzt 
ein Herz gefaßt! Ich habe unserm allergnä 
digsten Herrn geschrieben, daß ich mit meinem 
bisherigen Gehalt nicht mehr auskäme! Ich habe 
ihm geschrieben, daß ich dem fürstlichen Hause 
jetzt einundzwanzig Jahre treu gedient, mich 
verschiedene Male krank gearbeitet, daß ich immer 
unverdrossen weiter arbeite, und zwar zur Zu 
friedenheit aller — aber, daß ich Erdäpfel, 
Sauerkraut, halbgar gekochte Stücke Fleisch aus 
unseren elenden Wirthshäusern nicht mehr ver 
tragen könne! Ich müsse mir jetzt selbst kochen 
lasten und bäte daher unterthänigst um einige 
Zulage — 
Schiller: Das war recht, lieber Reinwald 
— das war recht! 
Reinwald: O, meine Hypochondrie! 
Schiller: Sie müssen sich zu beherrschen 
suchen —. 
Reinwald: Thu' ich ja — aber was 
hilft's -? 
Schiller: Das thun Sie eben nicht! — 
Aber es ist doch aut, daß Sie hier sind! Wir 
wollen Ihnen Ihre Hypochondrie schon ver 
treiben! Wir erwarten nämlich jeden Augenblick 
die Ankunst der Frau von Wolzogen — 
Reinwald (erschreckt): Der Frau von — 
Schiller: Wolzogen! Aber warum erschrecken 
Sie denn? 
Reinwald (hat sich wieder gefaßt): Ach ja, 
recht! In diesen Tagen sollte sie ja kommen —! 
Und sie kommt dirett aus Stuttgart, Ihrer 
Heimath — ? 
Schiller: Ja —! 
Reinwald: Ich meine: direkt —? 
Schiller: Ja, dirett —! 
Reinwa ld (matt, scheinbar gleichgülttg): Sie 
wird Ihnen Nachricht bringen von den Ihrigen — 
Schiller: Ich hoffe — 
Reinwald: Hm — hm -! (beiseite) Fatal 
— das heißt — auch nicht fatal —! Diese unge 
wohnten Situationen, in die man da kommt —! 
Aber ich werde mich ihm doch wohl entdecken 
mästen —! (laut) Ja, sehen Sie. lieber Herr 
Doktor, was ich Ihnen eigentlich sagen wollte — 
hm —! (beiseite) Mein Gott, ich hätte es ihm 
doch lieber schreiben sollen! — (laut) Hm — 
hm —! Herr Doktor, die Brieftasche, die Sie, 
als Sie sich neulich Abends nach Meiningen ge 
schlichen, bei mir liegen gelaffen, haben Sie doch 
wieder erhalten — ? 
Schiller: O längst! Sie schickten sie mir ja 
andern Tages wieder — 
Reinwald: Das war vor beinahe vier 
Wochen —! Ganz recht! — hm — hm! — 
Aber glauben Sie, daß ich die Brieftasche ge 
öffnet oder gar darin geblättert — ? 
Schiller: Ihrer Diskretion bin ich versichert! 
Aber selbst wenn Sie darin geblättert hätten — 
Reinwald: Es waren kurz zuvor noch einige 
andere Herren bei mir gewesen, die — die — 
die — ebenfalls — Brieftaschen hatten —! Wem 
von ihnen gehörte die liegengebliebene also —? 
An wessen Adresse hätte ich sie zurückschicken 
müssen — ? Denn ich durste sie doch nicht be 
halten —? 
Schiller: Nein, das dursten Sie nicht — 
Reinwald: Also — ich betrachte die Brief 
tasche von außen und von innen — um einen 
Namenszug zu finden — als durch eine unge 
schickte Bewegung meinerseits ein Blatt heraus 
fällt! Ich hebe es auf — und was war es — ? 
Schiller: Das Scenarium zu meinem Don 
Carlos — ? 
Reinwald: Nein, ein Brief Ihrer Schwester 
Christophine —! O, meine Hypochondrie! 
Schiller: Der Brief meiner Schwester ist 
doch nicht an Ihrer Hypochondrie schuld — ? 
Reinwald (zerstreut): Nein, meine Hypo 
chondrie auch nicht an dem Brief Ihrer Schwester 
—! Ach, was sag' ich denn! (Schlägt sich vor die 
Stirn.) Ich werde ja wirttich schon ganz schwach! 
— Aber — ich habe den Brief doch gelesen — 
aus Interesse für Sie —! 
Schiller : Natürlich!— Nicht aus Neugierde! 
— Staatsgeheimnisse werden Sie aber nicht darin 
gefunden haben — 
Reinwald: Nein — so oft ich ihn auch 
gelesen habe — 
Schiller: Wie?
        

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