Full text: Hessenland (1.1887)

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des Poeten! Der Poet umfaßt die ganze Welt 
in Sehnsucht und Liebe; er ist gleichsam das 
Herz der Menschheit! Das Leib von Millionen 
dringt auf ihn ein! Was Millionen empfinden 
— er spricht es aus! Und darum rührt er 
Millionen! Ach, könnt' ich doch, frei von den 
Sorgen für die kleinen Bedürfnisse dieses Da 
seins, nur meinen Träumen, meinen Idealen, 
meinen künstlerischen Entwürfen leben! Heimath, 
Vaterland, Eltern, Geschwister, Freunde — alles 
hab' ich verloren um der Dichtkunst willen! 
Und wie wenig fehlte daran, daß ein Sprung 
von der Sachsenhäuser Brücke meinem Erden 
leben überhaupt ein Ende würde bereitet haben! 
Da war sie es, Frau von Wolzogen, die im letzten 
Augenblick der grenzenlosesten Verzweiflung mir 
die rettende Hand gereicht und mir dies herrliche 
Bauerbach zum Asyl angeboten. Der Guten, 
die die Kunst beschirmt, soll nie vergessen sein! 
Zweiter Auftritt: 
Zudith (einen Korb auf dem Rücken, tritt auf durch 
dis Thor.) Voriger. Dann Frau Bogt. 
Judith: Grüß Gott, Herr Doktor —! 
Schiller: Ah, die Judith —! Nun, haben 
Sie etwas für mich aus Meiningen mitge 
bracht? — 
Judith: O ja —! (nimmt den Korb ab und 
prustet) Der weite Weg — und der schwere Korb 
— und so früh schon diese Hitze —! Der Athem 
geht einem aus —! (Trocknet sich die Stirn mit 
einem Tuch.) Ach — ! 
Schiller: Also — ! (Will am Inhalt des Korbes 
kramen.) 
Judith: (hält Schiller davon zurück.) 
Schiller: Haben Sie Bücher für mich —? 
Judith: Ja —! 
Schiller: Und haben Sie den Herrn Biblio 
thekar Reinwald selbst gesprochen — ? 
Judith: Ja - selbst -! 
Schiller: Ich will Ihnen behülflich sein. — 
Judith: Nein, lassen Sie nur —! Ich habe 
auch zerbrechliche Sachen im Korb —! Also — 
einen schönen Gruß soll ich bestellen vom Herrn 
Bibliothekar Reinwald an den Herrn Doktor 
Ritter — 
Schiller: Danke schön. — 
Judith: Und hier sind die Bücher. — (Reicht 
Schiller mehrere Bücher aus dem Korb.) 
Schiller: (schlägt die Bücher auf und liest die 
Titel.) „Robertson — Geschichte von Schottland." 
— Brauch ich nicht mehr! Eine Maria Stuart 
schreib ich vielleicht später einmal — ! Bereits am 
Don Carlos angefangen —! „Lessing, theatralische 
Bibliothek" — Sehr erwünscht! — Und hier 
seine „Dramaturgie". — Weiter nichts, Judith — ? 
Judith: O ja — hier noch etwas — ein 
halb Pfund Schnupstobak. — 
Schiller: (riecht an der Düte.) Marokko — 
meine Lieblingssorte. Ah —! 
Frau Vogt: (ruft hinter der Scene) Judith! — 
Judith: Und eine Rolle Papier. — 
Schiller: (erstaunt.) Wie — ? Papier — ? 
Ich habe Ihnen ja doch kein Geld dafür mit 
gegeben — ? 
Judith: Der Herr Bibliothekar giebt es 
Ihnen von seinem Vorrath — sowie dies 
Fläschchen Tinte — und dies Packet Federn. — 
Schiller (freudig): Wie? Federn, Tinte und 
Papier — ? (zum Publikum). Nun kann ich meinen 
Don Carlos ja schreiben! — 
Judith: Er schenkt es Ihnen. — 
Schiller: Ein Dichter schlägt niemals Ge 
schenke aus! Geschenke sind ihm die sichtbaren 
Zeichen der Werthschätzung. — (leichthin.) Wir 
schenken der Menschheit überhaupt mehr, als sie 
uns wieder schenken kann.! 
Frau Vogt «hinter der Scene): Judith —! 
Judith: Ich komme schon —! 
Frau Vogt (erscheint in der Hausthür): Judith, 
muß Sie denn immer noch schwatzen? Ich warte 
ja auf Sie —! 
Judith: Gleich — gleich —! 
Schiller: Haben Sie weiter nichts für 
mich — ? 
Judith: Nein, weiter nichts —! Das Uebrige 
ist für die Herrschaft. — 
Frau Vogt (wirst einen zornigen Blick auf Schiller 
und tritt zurück.) 
Schiller: (mit Beziehung auf Frau Vogt): Haus 
drache —! (Er setzt sich und blättert in den Büchern). 
Dritter Auftritt: 
Vogt und zwei Mägde (einen großen Kranz und ein 
aus Blättern und Blumen hergestelltes „Willkommen" 
tragend, treten auf aus dem Haus). Vogt und Frau Vogt. 
Schiller. 
Vogt (stellt sich in die Mitte der Scene und betrachtet 
ringsum das Arrangement.) 
Frau Vogt (ist den Mägden behülflich). 
Vogt: So —! Nun noch den Kranz über 
die Thür und das „Willkommen"! — Elise — 
den Kranz etwas mehr nach rechts — immer 
noch mehr — halt — so! — Endlich —! Nun 
geht hinein und lest die Blätter auf, die im 
Hausflur noch herum liegen. 
Die M ä g d e (ab ins Haus). 
Vogt: Wir stören Sie wohl, Herr Doktor? 
Schiller: Nein, durchaus nicht. — 
Frau Vogt: Heute muß sich der Herr 
Doktor das schon einmal gefallen lassen — nichts 
für ungut —! 
Vogt: Haben Sie schon die Hauptstraße an 
gesehen? Lauter Maienbüsche — einer an dem 
anderen —! Kommen Sie doch —! 
Schiller: Danke, Herr Verwalter —!
        

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