Full text: Hessenland (1.1887)

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Symbole des Kampfes für den Glauben geschmückt 
und ausgezeichnet; sein Neffe, Landgraf Philipp, 
gegen welchen die Umgebung des geistesumnach- 
teten Fürsten ihn noch einmal mit dem An 
sprüche auf die Herrschaft im Lande erfolglos 
aufstellte, wurde der Gegner des Papstthums. 
Doch das erlebte Landgraf Wilhelm I. nicht mehr, 
er starb 1515 mit 49 Jahren. Sem aus frommem 
Glauben unternommenes Werk hatte ihm ein 
Leben voll Leid und Schmerz eingetragen — 
westen Gemüth sollte nicht beim Gedenken des 
so früh Geknickten zur Wehmut gestimmt werden! 
Kchrller in Kauerbach. 
Historisches Lustspiel in 5 Aufzügen 
von 
Julius W. Braun.*) 
Personen des ersten Aufzugs: 
Frau Geh. Legationsrath von Wolzogen, Wittwe. 
Friedrich Schiller, defertirter Regimentsmedieus aus 
Stuttgart, unter dem Namen Dr. Ritter. 
Bibliochekar Reinwald aus Meiningen. 
Vogt, Gutsverwalter und Dorfschullehrer. 
Dessen Frau. 
Henriette, Pflegetochter der Frau v. Wolzogen. 
Wärm st ein, Dorfschulze. 
Sen steig, Barbier. 
Judith, Botenmädchen. 
Bauern und Bäuerinnen. 
Ort der Handlung: Bauerbach in Meiningen auf dem 
Gut der Frau v. Wolzogen. 
Zeit: Juli 1783. 
Freier Platz. Links das Wohnhaus. Treppe vor der 
Thür. Rechts und im Hintergrund Bäume und Zier 
sträucher. Eine Staketenwand trennt hinten das Grund 
stück von der Straße. Das geöffnete Thor ist mit Tannen 
zweigen und Blumen zu einer Art Triumphbogen umge 
wandelt. Links vorn am Haus Tisch und Bank. 
Erster Auftritt: 
Schiller (sitzt am Tisch und schreibt mit einem Gänse 
kiel, den Kopf leicht aus die linke Hand gestützt. Nach 
einer Weile steht er auf und geht, die Feder in der Hand, 
in Gedanken versunken, längere Zeit hin und her. Er 
bleibt öfter stehen, entweder vor sich hinstarrend, oder, 
wie geistesabwesend, einen beliebigen Gegenstand, ein Blatt, 
eine Blume betrachtend. Dann geht er nach hinten und 
wendet sich, immer in Gedanken, langsam wieder nach vorn. 
In der Mitte der Bühne bleibt er stehen, steckt die Feder 
hinter das Ohr, zieht seine Schnupftabaksdose und schnupft 
*) Von unserm als Schillerforscher rühmlichst bekannten 
Landsmann erscheinen in aller Kürze vier Werke auf ein 
mal. Der früher schon von uns erwähnte Roman „Um 
sonst gelebt!", 3 Bände, ein zweiter Roman „Erste 
Liebe", 2 Bände, dies Lustspiel, dessen ersten Akt der 
Herr Verfasser so freundlich war, uns zum Abdruck zu über 
laffen, und ein Sammelwerk: „Luise, Königin von 
Preußen, in ihren Briefen." Letzteres wird nament 
lich eine große Anzahl bisher unbekannter Briefe der Königin 
Luise bringen, die sich im Besitz des Hohenzollern-Museums, 
des königlichen Hausarchivs, der königlichen Bibliothek zu 
Berlin, der Magistratsarchive mehrerer Residenzstädte der 
altpreußischen Monarchie u. s. w. befinden. Auch Fürst 
lichkeiten, Autographensammler haben dem Herausgeber 
reiches Material zur Verfügung gestellt. 
mit sichtlichem Behagen.) Hazi! Ich hab's benossen! 
Es wird gelingen! «Tritt an den Tisch, nimmt ein 
Blatt Papier zur Hand und liest): 
Die schönen Tage in Aranjuez 
Sind nun zu Ende. Eure Königliche Hoheit 
Perlaffen es nicht heiterer. Wir sind 
Vergebens hier gewesen. Brechen Sie 
Das räthselhafte Schweigen, öffnen Sie 
Ihr Herz dem Vaterherzen, Prinz! Zu theuer 
Kann der Monarch die Ruhe seines Sohnes — 
Des einz'gen Sohns — zu theuer nie erkaufen. 
(Legt das Papier hin.) Es geht — hm! Aber ich 
bin jetzt zu unruhig — ich kann nicht mehr 
schreiben! — Heute soll sie kommen, meine 
Freundin, meine Beschützerin, meine gütige 
Wirthin — sie, der ich alles, die Sicherheit 
dieses verschwiegenen Aufenthalts und die Mittel 
zu meiner gegenwärtigen Existenz verdanke! Und 
auch Lotte, die Angebetete meines Herzens, kommt 
mit! — Ach, während meine „Räuber" ganz 
Deutschland in einen wahren Taumel des Ent 
zückens versetzen, während mein Name bewundert 
auf Aller Lippen schwebt, währenddem muß ich 
mich, verfolgt von der Laune eines despotischen 
Fürsten, und in der Furcht, wieder gefaßt und 
zu schweren Strafen verurtheilt zu werden — 
währenddem muß ich mich hier in Bauerbach, 
wie ein Ausgestoßener, fast vor jedem Strahl 
der Sonne verbergen! Bis an die Sterne er 
schallt mein Ruhm und ich selbst muß glücklich 
sein, im Dunkel des Thüringer Waldes nebst 
andern Krüppeln der Schöpfung überhaupt noch 
— vegetiren zu dürfen. (Er setzt sich.) Dichter 
loos ! — Die Tage des gewöhnlichen Sterblichen 
schleichen dahin in ewigem Einerlei. Seine 
Sorgen und Mühen — was sind sie? das leichte 
Kräuseln eines friedlichen Sees! Die Stürme 
der Zeit, der Geschichte, des allgemeinen Elends 
rauschen über ihn dahin, derweil er im sichern 
Thal seinen Geschäften nachgeht! Er lebt nur, 
um — zu sterben. Wie anders das Schicksal
        

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