Full text: Hessenland (1.1887)

22.0 
linge Waldenstein maß. hob er diesen aus dem 
Sattel. Nach ritterlichem Spiele trieben die 
Herren Abends in den Kammern der Erzherzogin 
bei Tanz und mit Singen, Pfeifen, Lauten- und 
anderem Saitenspiel viel Kurzweil. Als Bei 
spiel der Sitten jener Zeit hören wir, wie der 
bejahrte Erzherzog mit seiner Gemahlin zum 
Tanze „aufzog." Er ließ fich aus einem Stuhl 
zu ihr tragen „so mußte die springenn an den 
tantz, da das die Königliche Mayestät ihnen« 
werdt, namb Er Herzog Hansen bei der Handt 
undt griff zwo kertzenn undt sprungenn dem 
Herzogen« vor und Herzog Erich und Landgraf 
Wilhelm der Mittlere sprungenn dem Herzog 
mit zwo kertzenn nach, sonstenn mußten andere 
Ritter und Edelleute ann denn tantz. Als der tantz 
geschehen war, küßte der Herzog die hertzogiennenn 
äuff beide backenn, aber Ich glaube, das solches Ihr 
nichtt bey dem besten« schmachte, dann Er wahr 
gar graw ihnn dem Nackenn." Es scheint eine 
Promenade durch den Festraum hier ausgeführt 
zu sein, zu Ehren der fürstlichen Wirthe, wobei 
die Tänzer in gewandten und schönen Bewegungen 
der Freude Ausdruck gaben; unsere altkluge Zeit 
führt das in gemeffener Weise als Polonaise aus. 
Der Reisebericht bricht ohne einen Schluß ab, 
daher ist nicht anzugeben, wie der Landgraf die 
Heimfahrt vollbrachte. Daß der sorgfältige Be 
richterstatter, wenn er nicht etwa erkrankte, sein 
Tagebuch bis zur Rückkehr nach Kaffel fortsetzte, 
ist nicht zu bezweifeln. Die Unvollständigkeit 
ist zu bedauern, da wir sonst vielleicht beffer 
über die Entstehung des nachfolgenden Leidens 
des Landgrafen unterrichtet sein würden. 
Schon an dem heiteren fürstlichen Treiben zu 
Innsbruck scheint Wilhelm geringen Antheil ge 
nommen zu haben; hätte er einmal eine Lanze 
gebrochen, so würde Schachten gewiß dieses an 
gemerkt haben. Als ein kräftiger blühender 
junger Mann war der Landgraf ausgezogen, 
als ein geistig Gebrochener kehrte der 26jährige 
heim. Gewiffes ist über die Entstehung dieses 
Zustandes nicht zu sagen, da die Nachrichten da 
von sehr auseinander gehen. Die Anstrengungen 
der Fahrt waren außerordentliche, drei der Ge 
noffen, zu denen doch wahrscheinlich nur kräftige 
Männer gewählt waren, erlagen den Folgen der 
Mühsale. Ohne Einwirkung waren diese auch 
auf Wilhelms Gesundheit sicher nicht geblieben, 
der vor seinen Gefährten nichts voraus hatte. 
Doch deuten Umstände darauf hin, daß der 
letztere Aufenthalt in Venedig so traurige Folgen 
herbeiführte. Als im folgenden Jahrhundert 
Landgraf Georg I. von Heffen zu Darmstadt fich 
mit dem Plane einer Reise nach Venedig trug, 
war sein Bruder Wilhelm IV. zu Kassel darüber 
in Sorge gerathen und schrieb an den Oberamt 
mann Milchling von Schönstädt: „uns ist gesagt 
S. L. seh nach Venedig ... wo er nun dahin, 
so geb ihm Gott glück, den S. L. wirds dürfen, 
denn auch einmal ein Landtaraff dahin getzogen, 
den die Curtisanineen dermaßen abrichteten, daß 
er eyn Narr und wahnwitzig heimkam." Man 
darf annehmen, daß Wilhelm IV. über die Um 
stände der Krankheit seines Großoheims unter 
richtet war und daß daher der Inhalt obiger 
Anerkennung der Wahrheit ziemlich entspreche. 
Hiermit stimmt auch überein, was einige Berichte 
erwähnen, dem Landgrafen sei in Venedig ein 
Liebestrank eingegeben worden und dieser habe 
die schlimme Einwirkung auf Wilhelm geäußert. 
Derartige Tränke kannte schon das Alterthum, 
im Mittelalter wurden sie wie so manche aber 
gläubische Gebräuche nicht selten angewandt. 
Waren sie meist nicht harmlos, so enthielten sie 
mitunter ekelhafte, auch gesundheitsschädliche Sub 
stanzen, wie es in unserm Falle gewesen zu sein 
scheint. 
Der Zug des Landgrafen Wilhelm nach Pa 
lästina hatte seinem Lande beträchtliche Summen 
entführt, ihm selbst die Gesundheit geraubt, die 
Erfüllung aller Hoffnungen abgeschnitten, welche 
man an sein noch junges Leben knüpfen durfte. 
Nicht lange mehr führte er die Regierung Heffens, 
es scheint, daß er aus eignem Antriebe in dem 
Bewußtsein seiner Unfähigkeit für die Ausübung 
der Regentpflichten sich im Jahre 1493 zur Ab 
dankung herbeiließ. Er erhielt Einkünfte ange 
wiesen, welche aber bei seiner abenteuerlichen, 
phantastischen Lebensweise nicht für seinen Auf 
wand genügten. Der Kaiser Maximilian war 
mit dem nun regierenden Landgrafen Wilhelm 
dem Mittlern innig befreundet, daher mußte 
er ein besonderes Interesse daran nehmen, seinem 
Freunde und dem Lande oie aus des abgedankten 
Landgrafen Lebensweise entstehenden nachtheiligen 
Folgen zu ersparen. Er ließ nach längerem un- 
stätem Leben Wilhelms des Aelteren diesen von 
Nürnberg, seinem damaligen Aufenthalte, nach 
Heffen geleiten, wo derselbe unter gelinder Auf 
sicht lebte. 
Der vom Landgrafen Ludwig I. mitgebrachte 
Splitter vom heiligen Kreuze sowie die von dem 
Papste jenem Fürsten verliehene goldene Rose 
sind verschollen, vermuthlich in den Zeiten der 
Reformation als „papistisch" beseitigt. Keinerlei 
Spur, .was aus ihnen geworden sei, ob sie viel 
leicht noch irgendwo in einem Verstecke, der Wieder 
auffindung entgegen harren, war seither zu ent 
decken. Das herrliche Schwert, welches Landgraf 
Wilhelm I. zur Heimath mitführte, ziert noch 
heute das Museum seiner Vaterstadt Kaffel. Ein 
treuer Sohn der alten Kirche wurde Wilhelm 
von dem Oberhaupte der Christenheit mit dem
	        

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