Volltext: Hessenland (1.1887)

Frau Vogt: Mein Mann hat den ganzen 
Forst plündern lassen. — 
S ch i l l e r: Ich möchte doch lieber hier bleiben. — 
Frau Bogt h« ihrem Mann): Zu hochnäsig 
ist er! Er will mit uns nicht reden. — 
Schiller (für sich): Wie darf ich mir die 
Hauptstraße ansehen —? Und namentlich heute, 
da die ganze Einwohnerschaft auf den Beinen 
ist! Wer weiß, wo meine Feinde lauern! Ich 
könnte ja gerade heute in dem Tumult jemandem 
begegnen, der — 
Vogt: Nun wären wir ja fertig —! So! 
Die Böller werden losgeschossen, wenn der Wagen 
der gnädige» Herrschaft um die letzte Biegung 
fährt. Der Küster fängt dann an zu läuten und 
ich setze mich mit meinen Schuljungen in Be 
wegung. Der Schulze und seine Bauern werden 
sich ja dann auch hier eingefunden haben. — 
Frau Vogt: Ja, wenn Du nicht für alles 
sorgtest, namentlich für ein wenig Kanonen und 
Musik — ein anderer bekümmert sich nicht da 
rum. — 
Vogt (würdig): Lasse dergleichen Reden und 
bringe Dich vielmehr in die richtige Feststim 
mung —! Ich will zu meinen Rangen gehen 
und das schöne Lied zuvor noch einmal mit 
ihnen durchnehmen, gestern haperte es noch. (Er 
fingt leise, mit der Hand taktirend, den ersten Vers des 
Liedes: .Blühe liebes Veilchen' und geht dann fingend 
durch die Mitte ab.) 
Frau Vogt (nach Stiller hinschielend): Ja, 
ja! Während unsereins sich schindet und plagt, 
läßt der feine Herr den lieben Gott einen guten 
Mann sein! Lesen und schreiben — weiter thut 
er nichts! Dann raucht er noch und schnupft 
und ißt und trinkt und geht spazieren! Eine 
Fertigkeit hat er darin, zuzusehen, wie andere 
arbeiten — es ist großartig! Und dies Luder 
leben führt er schon seit acht Monaten! Seit 
acht Monaten! Jeder Andere wäre in der Zeit 
schon ganz von selbst ein ordentlicher Mensch 
geworden — aber Der —? Daß Gott erbarm! 
(Kopfschüttelnd ab in's Haus.) 
Vierter Auftritt: 
Schiller (allein, schreibt wieder. Nach einer Pause): 
„Wo Alles liebt, kann Carl allein nicht hassen; 
„So seltsam widerspricht sich Carlos nicht. 
„Verwahren Sie sich, Prinz, daß sie es nie, 
„Wie sehr ich — diesem — Weib — miß 
fall', erfahre; 
„Die Nachricht würde schmerzen." 
Ach, das ist ja Unsinn —! (krault fich in den 
Haaren). Ich wollte schreiben: (immer weiter schrei 
bend) 
„Wie sehr sie ihrem Sohn mißfällt, erfahre; 
„Die Nachricht würde schmerzen — Glauben 
Sie?" (immer weiter schreibend). 
„Beweinenswerther Philipp —!" 
So —! Nun — zweiter Auftritt — Carlos 
— Marguis von Posa — (immer schreibend). 
„Wer kommt? — Was seh' ich? — O ihr 
guten Geister!" (Er starrt filmend, die Hand über 
die Stirn haltend, in die Weite. Dann fährt er plötzlich 
auf): Alle Wetter, das ist ja der Bibliothekar 
Reinwald aus Meiningen — nicht der Marquis 
Posa — (Packt seine Schreibutensilien rasch zusammen). 
Ich sehe, mit der Dichterei wird's heute nichts 
—! Wieder ein verlorener Tag! 
Fünfter Auftritt: 
R e i n w a l d (angehender Vierziger, ängstliches Männchen, 
tritt auf durch das Thor.) Voriger. 
Schiller (eilt Reinwald entgegen): Reinwald — 
theurer, treuer Freund —! (umarmt ihn). 
Reinwald: Nicht so stürnnsch, Herr Doktor 
— nicht so stürmisch —! Sie werfen mich ja 
um —! 
Schiller: Mein Ungestüm möge Ihnen 
sagen, wie sehr ich mich freue, Sie zu sehen —! 
Und Sie haben mich heute wieder so königlich 
beschenkt. — Papier — 
Re in Wald (ärgerlich, ungeduldig): Schweigen 
Sie doch —! Schenken Sie mir die Gedanken, 
die Sie auf das Papier schreiben —! Ehrlich! 
Ich hatte geradezu das Bedürfniß, Sie wieder 
einmal an mein Herz zu drücken! 
Schiller: Einziger Freund, der mich hier 
kennt! Der den Aufenthalt in dieser grillenhaften 
Zelle, Bauerbach genannt, durch seinen Umgang 
mir erträglich macht! Mit dem ich reden und 
plaudern, dem ich mein Inneres ausschütten 
kann! Und Sie sind der gute Engel, der mich 
mit Büchern versorgt, damit das Erdreich meines 
Geistes nicht ganz und gar vertrockne —! 
Reinwald: Bitte, lieber Schill — 
Schiller: Pst! — Nicht meinen Namen 
nennen! «Sich umschauend) Wenn man uns hört! 
Ein Verräther könnte überall lauern und sei's 
auf diesen Bäumen! 
Reinwald (rasch): Man hört uns nicht! 
Aber von wegen der Bücher! Ich hatte heute 
früh vergessen, der Judith dies medicinische 
Werk mitzugeben, das ich Ihnen versprochen — 
(zieht mit vieler Umständlichkeit ein Buch aus der Rock 
tasche und giebt es Schiller). 
Schiller (liest,: „Zimmermann, Von der Er 
fahrung in der Arzneikunst" —! (beiseite) Mit 
der Verarztung ist es vorbei —! Deswegen 
brauchten Sie sich doch nicht hierher zu be 
mühen —! 
Reinwald: O doch! Doch! Sein Versprechen 
muß man halten! — Ach Gott! Meine Hypo 
chondrie ! Ich bin wieder einmal so verdrießlich! 
Ich ärgere mich über alles — über die Fliege 
an der Wand — ja, über mich selbst —!
        

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