Full text: Hessenland (1.1887)

Der Karneval nahm die Fremden vor Allen 
in Anspruch; „in köstlichenn Kleidern lauffen die 
Venediger in der Fastnacht umb, etliche von gold 
und sielber gestickett, etliche von Perlenn hosenn 
gesticket auf den Ermelln. . . undt währet 
durch denn ganzenn Winter undt wann sie sich 
ann aller scheußlichsten vermachen» und verstellenn 
wöllenn, so ziehen sie wie Deutsche tragen, kurhe 
kleider und Caplein mit tradeln. . Bon 
einem sonderbaren Gebrauche hören wir; während 
des Karnevals dienten die jungen Männer ihren 
„bulen," wenn sie diesen große Ehre thun wollten, 
kauften mehrere einen Ochsen, führten ihn an 
Stricken dahin, wo ihre Geliebten sich befanden. 
Große böse Hunde mußten das Thier beißen 
und hetzen, um einige Aufregung in dem Opfer 
hervorzubringen. Unter den Fenstern ihrer Damen 
hieb als Krönung dieser „Verehrung" einer der 
Helden dem Ochsen den Kops herunter, wobei 
die Uebrigen das Thier festhielten, damit „er 
ihnen nichts thunn möge, undt wilcher dem ochsen 
das Haupt abgehawenn, vermeinett, Er habe 
ein großes erjagtt." Das widerliche Schauspiel, 
eine Fratze des spanischen doch wenigstens ge 
fahrbietenden Stierkampfes, deutet das Sinken 
des venetianischen Geistes an. welches in den 
folgenden Jahrhunderten in erschreckender Weise 
zum Niedergänge des Staates führte. 
Der Landgraf war noch immer so wohl mit 
Geldmitteln versehen, daß er beträchtliche Ein 
käufe machen konnte; so kaufte er „viel sammt 
undt seidenstucke, 16 Ellen golden stücke zu einem 
Rocke, davon die Elle 25 Ducaten kostete." Er 
ließ einen Orden fertigen, vermuthlich den des 
heiligen Grabes, wofür er 1000 Ducaten und 
drei goldne Ketten, wofür er 1000 Gulden zu 
zahlen hatte, letztere vermuthlich für seine treuen 
Genossen. Ueber Wilhelms Theilnahme an den 
sinnberückenden Freuden der geheimnißvollen 
Stadt ist keine Andeutung gegeben; doch ist wohl 
aus Schachtens wenig glimpflichem Urtheile über 
die Venetianerinnen vielleicht zu entnehmen, daß 
sein junger Herr sich von ihnen nicht fern hielt. 
Auch diese heitere Zeit ging zu Ende. In 
schmeichelhafter Weise von der Regierung be 
handelt, reich von ihr beschenkt, darunter mit 
erlesenen Speisen, und den schon damals in ganz 
Italien sehr gebräuchlichen Süßigkeiten, durfte 
der Landgraf auch hier im Vollgefühle der Be 
friedigung scheiden. Die ihm gewordene auf 
merksame Behandlung ist um so bemerkenswerther, 
als diese Aristokratenregierung im Verkehr mit 
Fürsten einen mitunter verletzenden, später bei 
ihrer Schwäche lächerlichen, Hochmuth darlegte. 
Gegen den 20. Februar trennte Wilhelm sich von 
der schönen Stadt. In Treviso fand er seine 
Diener mit den Pferden und nun ging es durch 
die im Frühlingsglanze prangenden Gefilde der 
Terrafirma, dann durch die noch schneebedeckten 
Alpen. Sieben Tage währte die Reise von 
Venedig bis Innsbruck, im letzten Nachtquartier 
zu Matrey empfing der von Wilhelm dem Mittlern 
dem Bruder entgegengesandte Curt von Walden 
stein seinen Fürsten. Bereits eine Meile vor 
Innsbruck holten Wilhelm der Mittlere, die 
Herzöge Hans von-Sachsen (der spätere Kurfürst), 
Erich von Braunschweig und eine große Zahl 
Edelleute, die weitgereisten Pilger in glänzendem 
Zuge ein, empfingen sie mit großer Freude und 
geleiteten den Landgrafen zu seiner Herberge. 
Diele Fürsten und Edle waren Gäste des Erz 
herzogs Sigismund und feierten die Fastnachten. 
Der römische König Max war gleichfalls an 
wesend. Täglich brachen die Ritter Lanzen, des 
Abends sammelte der erlesene Kreis sich am Hofe 
Sigismunds und seiner jungen schönen Gemahlin. 
König Max stach noch am Abende der Ankunft 
des Landgrafen mit einem Grafen Salm, wobei 
jeder den anderen einmal aus dem Sattel hob. 
Der König lud Wilhelm, welcher wie sein Bruder 
demselben treuergeben war, zu Gaste und „hattenn 
da viel kurtzweill." In der Turnierbahn suchten 
die Ritter durch Kraft und Gewandtheit vor den 
Damen zu glänzen. So sprang ein großer 
Herr aus Welschland in voller Rüstung zwei 
mal „ohne einigen stegreif" in den Sattel, 
„wilches doch eine große geradheit ist," auch stach 
derselbe auf welsche Weise. Hierbei ist die 
Rüstung der deutschen ähnlich, der Sattel aber 
mit hohen Pauschen, die Lanze nur hinten dick, 
vorn aber schmal, so daß sie brechen mußte, 
wenn einer dem anderen traf, „daß doch nicht 
viel geschah" setzt Schachten hinzu. Zu mehrerer 
Sicherheit wurde ein starkes Tuch manneshoch 
durch die Länge der Bahn gespannt und befestigt, 
welches die beiden Ritter von einander trennte. 
Die rennenden Rofie konnten hierbei sich nicht 
treffen, die Ritter „treffen» ubell undt ob sie 
sich woll zu zeitenn troffenn, so mochte doch kei 
ner nichtt fallen»." Diese Abschwächung des 
ritterlichen Turniers behagte den Deutschen nicht 
recht. 
Maximilian, damals zweiunddreißigjährig, be 
zauberte Alle; Schachten rühmt ihn als „einen 
so züchtigen feinen fürsten, wie er sein tage ei 
nenn gesehenn habe, mit allen seinen geberdtenn, 
sönderlichenn an dem tantze." Der König stach 
täglich mit, selbst in einem Gesellenstechen, d. h. 
einem solchen, bei dem ein Trupp gegen eine 
leich große Anzahl ansprengte. Der jüngere 
essische Landgraf, der in der Wiffenschaft da 
maliger Zeit, wie in Ritterlichkeit gleich vollendet 
galt, rannte mit einem Ritter Wickert, beide 
küßten den Sand; als er sich mit seinem Lieb-
        

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